Seite 4: „Die Argentinier pfiffen aus dem letzten Loch“

Da gab es aber auch andere Zeiten. Nach dem WM-Halb­fi­nale gegen Frank­reich 1986 sollen Sie es ziem­lich kra­chen gelassen haben.
Dazu hatten Felix Magath, Thomas Bert­hold, Mat­thias Herget und ich ja auch allen Grund. Wir haben uns nach dem Spiel ein­fach in Ver­klei­dung in die Hotel­lobby gesetzt und den Cham­pa­gner bestellt. Das ging bis in die frühen Mor­gen­stunden, stimmt. Ein tolles Fest.

Obwohl das Finale erst noch bevor stand.
Ja, aber es waren noch ein paar Tage Zeit.

Wegen Ihrer Party ging das Finale 1986 also nicht ver­loren?
Nein, wir waren im End­spiel zwar spie­le­risch weit unter­legen, doch unsere Fit­ness war besser. Die Argen­ti­nier pfiffen aus dem letzten Loch. In der Ver­län­ge­rung hätten wir das Ding gepackt, da bin ich mir ziem­lich sicher.

Apropos: ver­lo­rene End­spiele. Wie oft träumen Sie eigent­lich noch von Oliver Kahns Patzer im WM-Finale 2002?
Gar nicht, denn so ticke ich nicht. Im Fuß­ball gewinnt und ver­liert man, es ist Teil des Geschäfts. Und mir ist völlig bewusst, dass allein das Errei­chen des Finals ein toller Erfolg war, denn wir waren ganz sicher nicht die zweit­beste Mann­schaft des Tur­niers, aber wir hatten einen großen Team­geist und Sie­ges­willen, wir waren kör­per­lich gut drauf und haben auch etwas defen­siver gespielt.

Die Fans von Bayer Lever­kusen mussten 2002 noch wei­tere Nie­der­lagen hin­nehmen: Die Mann­schaft um Michael Bal­lack stand im Cham­pions-League-Finale, im DFB-Pokal-Finale und auf dem ersten Platz der Bun­des­li­ga­ta­belle – been­dete die Saison mit drei Vize-Titeln. Hängt dieses Jahr heute noch wie ein Fluch über dem Verein?
Nein, im Gegen­teil. Gele­gent­lich frage ich mich sogar, ob es jemals wieder so wie damals werden wird: Denn Bayer hatte eine unglaub­liche Mann­schaft, wir hätten die Meis­ter­schaft ver­dient gehabt und auch den Sieg in der Cham­pions League. Schließ­lich waren wir die bes­sere Mann­schaft.

Olig­ar­chen und Scheichs kaufen sich in Eng­land Tra­di­ti­ons­ver­eine. Gibt es Ent­wick­lungen im modernen Fuß­ball, bei denen Ihnen mulmig wird?

Manchmal wird einem schon schwin­delig und man denkt, jetzt muss doch das Maximum erreicht sein. Aber dann haut wieder ein Klub einen neuen Fan­ta­sie­be­trag raus. Aller­dings finde ich die Ent­wick­lung in der Bun­des­liga nicht bedenk­lich, denn hier wird gesund gewirt­schaftet. Hin­gegen in Ita­lien und Spa­nien wird Geld aus­ge­geben, das gar nicht da ist. Und in Eng­land sitzen diese unglaub­lich rei­chen Olig­ar­chen…

Wie wäre das WM-Finale 2002 mit Bal­lack aus­ge­gangen?“

Können Sie Fans ver­stehen, die mit dem Modell Hof­fen­heim“ nichts anfangen können, wo Mäzen Dietmar Hopp durch pri­vate Inves­ti­tionen aus einem Kreis- einen Bun­des­li­gisten gemacht hat?
Natür­lich ist es am Anfang gewohn­heits­be­dürftig, aber ich glaube, es wird gar nicht lange dauern, da werden sich alle daran gewöhnt haben. Ich würde die Fans gerne mal fragen, was die mit 6 Mil­li­arden auf dem Konto machen würden. Viele würden doch auch sagen: Ich kaufe mir jetzt meinen Lieb­lings­verein. Und Hopp hat ja nicht nur den Fuß­ball­verein als Hobby, son­dern er unter­stützt noch viele wei­tere soziale Pro­jekte in seiner Region.

Der VfL Wolfs­burg ist heute das, was früher Bayer Lever­kusen war: Ein Klub, der am Tropf eines Unter­neh­mens hängt.
Der VfL Wolfs­burg steht gerade vor diesem Umbruch, vor dem wir Anfang der 90er Jahre standen. Der Verein will nicht mehr die graue Maus bleiben, son­dern er will angreifen und in die Cham­pions League. Auch, um dieses nega­tive Image des Werks­klubs in ein posi­tives umzu­münzen. Ein nach­voll­zieh­bares Ziel.

Können Sie ver­stehen, warum so unend­lich viel Geld in den Fuß­ball gepumpt wird?
Das wusste schon Sepp Her­berger: Der Fuß­ball besitzt so eine Anzie­hungs­kraft, weil keiner weiß, wie das Spiel aus­geht. Schauen Sie auf andere Sport­arten: Im Hand­ball wird nie­mals ein Zweit­li­gist gegen den THW Kiel gewinnen. Da können alle Kieler mit der schwa­chen Hand werfen, die gewinnen trotzdem. Oder im Bas­ket­ball: Keine deut­sche Bun­des­li­ga­mann­schaft wird jemals gegen ein NBA-Team gewinnen. Im Fuß­ball ist es anders: Da kann ein Viert­li­gist im Pokal immer einen Erst­ligsten raus­werfen.

Rudi Völler, wenn Sie auf Ihre 32 Jahre als Profi, Trainer und Sport­di­rektor zurück­bli­cken: Gibt es irgend­etwas, was Sie ändern würden?
Manchmal denke ich an das WM-Finale 2002 zurück. Ich frage mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn Michael Bal­lack mit­ge­spielt hätte. Mit ihm hätten wir große Chancen gehabt, das End­spiel zu gewinnen.