Seite 3: „Am Ende konnte ich kaum noch laufen“

Sie kommen aus einer Arbei­ter­fa­milie, ihre Mutter war Näherin, ihr Vater Dreher. Sie wuchsen in ein­fa­chen Ver­hält­nissen im hes­si­schen Hanau auf. Zitieren Sie des­halb gerne den Satz von Otto Reh­hagel: Fuß­ball­spieler sind von Gott geküsst.“?
Das ist mein Credo. Daran glaube ich bis heute. Des­halb rate ich allen Spie­lern: Hört nicht zu früh auf. Es gibt keinen schö­neren Beruf, als Fuß­ball­profi zu sein.

Warum?
Ein Spieler trägt relativ wenig Ver­ant­wor­tung, denn die haben andere Leute im Verein. Er macht sein Hobby zum Beruf und bekommt für das, was er jah­re­lang umsonst gemacht hat, plötz­lich unglaub­lich viel Geld. Das ist doch der Traum eines jeden Kindes.

Sie traten mit 36 Jahren ab. Hätten Sie aus heu­tiger Sicht noch länger spielen sollen?
Nein, mit Sicher­heit nicht. Ich war 18 Jahre Profi, ich konnte am Ende kaum noch laufen. Im letzten Jahr habe ich gemerkt, das zwei Trai­nings­ein­heiten am Tag wirk­lich zu viel für mich waren. Sport­lich war es okay, wir sind nicht abge­stiegen und ich habe noch ein paar Tör­chen geschossen. Aber eigent­lich sollte man auf­hören, wenn man nicht mehr zweimal am Tag trai­nieren kann.

Gab es einen kon­kreten Moment in Ihrer Kar­riere, in dem Sie das Gefühl, von Gott geküsst zu sein, fast sinn­lich wahr­nehmen konnten?
Ich habe dieses Gefühl immer gehabt, sogar bei Ver­let­zungen. Ich habe immer gewusst, wie toll und außer­ge­wöhn­lich es ist, diesen Beruf aus­üben zu dürfen.

Anders gefragt: Erin­nern Sie sich an einen Augen­blick in Ihrer Lauf­bahn, in dem Sie abso­lutes Glück emp­fanden?
Die sieben Minuten, die im WM-Finale 1990 nach dem ver­wan­delten Elf­meter von Andy Brehme noch zu spielen waren, fühlten sich unbe­schreib­lich an. Wir wussten, diesen Sieg nimmt uns nie­mand mehr. Wir wussten: Wir sind Welt­meister. Die Argen­ti­nier waren schon durch den Platz­ver­weis dezi­miert, die sind gar nicht mehr an den Ball gekommen. Und mit diesem Gefühl haben wir uns locker die Pille zuge­passt. Sie wissen ja: Welt­meister bleibt man ein Leben lang.

Diesen Satz liest man öfter von Ihnen. Der Titel bedeutet Ihnen sehr viel.
Ab und zu werde ich gefragt: Schmerzt es Sie eigent­lich, dass Sie nie Deut­scher Meister geworden sind?“ Dann ant­worte ich: Wissen Sie was? Ich habe nur die großen und richtig wich­tigen Titel geholt – Welt­meister und Cham­pions.“ (Lacht.)

Meine Mutter wollte, dass ich eine Lehre mache“

Sie haben zu Beginn Ihrer Kar­riere eine Aus­bil­dung als Büro­kauf­mann gemacht, später jobbten Sie nebenher auf der Geschäfts­stelle von Kickers Offen­bach. Täte es der heu­tigen Spiel­erge­nera­tion gut, auf ihrem Weg zum Pro­fi­da­sein mehr vom All­tags­leben mit­zu­be­kommen?
Wie sich die Spieler ent­wi­ckeln hängt sehr von der Trai­nings­ar­beit und dem Umfeld ab: Spieler, die meinen als Profi etwas Bes­seres zu sein, sind sie bei Bayer Lever­kusen falsch. Das Pri­vileg des Fuß­ball­pro­fi­da­seins ver­su­chen wir schon in den Jugend­mann­schaften zu ver­mit­teln. Viel­leicht muss man den heu­tigen Spielen diesen Gedanken anders näher bringen, als meiner Genera­tion. Aber ich glaube, auch heu­tige Spieler werden ihn ver­stehen.

Wie sehr hat die Aus­bil­dung zu Ihrer Per­sön­lich­keits­fin­dung bei­getragen?
Über­haupt nicht. (Lacht.) Meine Mutter wollte, dass ich eine Lehre mache. Ich wollte zwar Profi werden, aber ich ver­stand auch meine Mutter, die Angst hatte, ich könne mich so schwer ver­letzen, dass eine Fuß­bal­ler­kar­riere flach fiel. Aber unter uns: Die Lehre in der Firma vom Kickers-Schatz­meister war eine reine Alibi-Ver­an­stal­tung. Ich war zwar Lehr­ling, aber fürs Trai­ning wurde ich frei­ge­stellt. Offi­ziell hatte ich dann also immer Trai­ning. Und wenn ich nicht auf dem Platz stand, saß ich mit meinen Freunden im Café und wir spielten Karten.

Mick Jagger sagte einmal, dass er sich nicht mehr daran erin­nern könne, unbe­kannt gewesen zu sein. Können Sie sich noch daran erin­nern?
Ich werde überall erkannt, seit als ich als 22-Jäh­riger zu Werder Bremen wech­selte.

Nervt es manchmal, immer der nette Ruuudi“ für die Leute zu sein?
Natür­lich gibt es auch in meinem Leben Momente, wo ich es besser fände, dass mich keiner erkennt. Den­noch: Das ist alles nicht so schlimm. Und die, die sich beschweren, weil sie ab und zu mal ein Auto­gramm geben müssen, sind oft auch die, die abends zu Hause sitzen und schluchzen, weil sie auf der Straße einmal nicht erkannt wurden und nun denken, ihr Stern würde sinken.

Als Sport­di­rektor sind Sie eines der Gesichter von Bayer 04. In Ihrem Leben muss ein Spon­soren-Termin den nächsten jagen.
Solche Ter­mine sind nun mal Teil des Jobs. Aber diese ganzen PR-Anlässe, die Partys, und all das, was dazu gehört, kann man auf ein erträg­li­ches Maß redu­zieren. Ich bin im Übrigen kein Par­ty­hengst, der auf jeden Event und über jeden VIP-Tep­pich gehen muss.