Seite 2: „Calmund ist ein Freund geworden“

Beschreiben Sie doch mal Ihr Ver­hältnis zu Cal­mund.
Er ist ein Freund geworden. Wir arbei­teten von Anfang an sehr eng zusammen. Noch wäh­rend meiner aktiven Zeit erzählte er mir häufig von seinen Visionen für Bayer 04. Er träumte von einem Verein, der sich vom alten Staub ent­le­digt. Ein Klub, der viel größer und viel glo­baler agiert, als es bis dato in Lever­kusen der Fall war. Und eines Tages kam er zu mir und sagte: Ich brauche jemanden an meiner Seite, der Ver­ant­wor­tung über­nimmt, dem ich ver­trauen kann.“ Das wollte ich – sehr gerne.

Trotzdem über­nahmen Sie zwi­schen­durch noch den Job als Team­chef der deut­schen Natio­nal­mann­schaft und später sogar als Ver­eins­coach beim AS Rom.
Dabei hatte ich mir nach dem Abschied vom DFB nach der EM 2004 gesagt: Jetzt mache ich bis Dezember gar nichts mehr. Egal, wer kommt und fragt.

Und dann…
…kommt aus­ge­rechnet der Klub, zu dem ich einen sehr engen Draht habe, in der Stadt, die ich meine zweite Heimat nenne. Es war eine Her­zens­an­ge­le­gen­heit – und mein größter Fehler. Als der Roma-Vor­stand fragte, ob ich nicht aus­helfen könne, wenigs­tens für ein Jahr, sagte ich zu.

Schon nach 26 Tagen zogen Sie jedoch die Reiß­leine.
Zum Glück. Zum einen gab es ein paar Que­relen im Verein, zum anderen merkte ich, wie leer ich war. Ich war aus­ge­powert, platt. Es war ein­fach ein Fehler, nach so kurzer Zeit wieder in den Trai­nerjob ein­zu­steigen.

Der Sie­gertyp Rudi Völler erleidet aus­ge­rechnet in der Stadt seiner größten Erfolg eine der­ar­tige Nie­der­lage. Emp­finden Sie die Trai­ner­zeit beim AS Rom als Schand­fleck auf Ihrer sonst so makel­losen Kar­riere?
Über­haupt nicht. Ich kann mit sol­chen Situa­tionen sehr rea­lis­tisch umgehen. Im Übrigen wurde mir durch diese Erfah­rung bewusst, dass mich der Job als Ver­eins­trainer nicht auf Dauer erfüllen kann, dass ich die Pas­sion, die man als Ver­eins­trainer haben muss, nicht besitze. Kurz­zeitig wie bei meinen Enga­ge­ments bei Bayer 04 macht der Job Spaß, aber lang­fristig habe ich das Gefühl mich als Ver­eins­trainer zu ver­schleißen. Ein Klub­trainer muss seinen Spie­lern täg­lich ihren Beruf vor­leben, jeden Tag auf dem Trai­nings­platz stehen. Das war und ist nichts für mich.

Sie waren dieser Art von Druck nicht gewachsen.
Auch ein Bun­des­trainer hat Druck. Vor großen Tur­nieren ist der noch viel größer. Doch dieser Druck ver­teilt sich. Ein Ver­eins­trainer hin­gegen hat nie Aus­zeiten, er kann sich nie zurück­lehnen und mal län­gere Zeit reflek­tieren, was um ihn herum pas­siert.

Ihren ehe­ma­ligen Assi beim DFB, Michael Skibbe, mussten Sie ent­lassen. Wie schwer war es für Sie, als sein lang­jäh­riger Weg­ge­fährte, Skibbe das Amt zu ent­ziehen?
Auch wenn‘s komisch klingt: Wenn man so ein enges Ver­hältnis hat wie Michael und ich zuein­ander, ist die Belas­tung, diese Angst vor dem Gespräch, in dem eine Ent­las­sung ver­kündet wird, gar nicht so hoch.

Das müssen Sie erklären.
Es liegt daran, dass ich mir von vorn­herein sicher war, dass Michael die Ent­schei­dung nach­voll­ziehen kann.

Die Ent­las­sung von Skibbe hat viele über­rascht, denn weite Stre­cken der letzten Saison spielte Bayer 04 einen her­vor­ra­genden Fuß­ball.
Das stimmt. Die Ent­schei­dung habe ich gemeinsam mit Wolf­gang Holz­häuser und dem Prä­si­dium gefällt. Natür­lich hätte ich mich auch quer­stellen und sagen können: Nee, der bleibt!“ Und, glauben Sie mir, ich hatte des­wegen auch ein paar schlaf­lose Nächte. Doch am Ende ging es um den Verein, nicht um Michael oder um mich.

Abgänge großer Spieler tun weh“

Zurück zu Ihnen. Für eine Trai­ner­ent­las­sung haben Sie offen­kundig die Nerven, wie nahe geht es Ihnen, sich von ver­dienten Spie­lern trennen zu müssen? Wirk­lich weh­getan hat es mir bei großen Spie­lern bisher nur, wenn deren Ver­träge aus­liefen und sie unbe­dingt weg wollten, etwa bei Michael Bal­lack, bei Lucio oder Zé Roberto.

Spieler, die Bayer 04 ziehen lassen muss, schmerzen den Sport­di­rektor Völler im End­ef­fekt also mehr, als solche, denen er mit­teilen muss, dass sie sich einen neuen Klub suchen sollen.
Man darf einen Fuß­ball­profi nicht mit einem nor­malen Arbeit­nehmer ver­glei­chen. Wenn wir jemanden sagen, dass er nächste Saison nicht mehr bei uns spielt, landet er nicht in der Gosse. Wer bei uns gekickt hat, fällt immer weich. Fast alle finden einen anderen Verein. Im Übrigen ver­dienen Spieler in der Bun­des­liga gut und können sich zur Not auch ein paar Monate Aus­zeit leisten.

Fiel es Ihnen nie schwer, jemanden vor den Kopf zu stoßen?
Nun ja, als Coach der Natio­nal­mann­schaft war es schon schlimm, Oliver Neu­ville im Früh­jahr 2004 sagen zu müssen, dass er nicht mit zu EM nach Por­tugal fliegt. Dabei hatte ich es ihm ein halbes Jahr zuvor ver­spro­chen. Doch in der Rück­runde trumpfte Lukas Podolski derart auf, dass ich nicht mehr an ihm vorbei konnte.

Wie lief das Gespräch mit Neu­ville ab?
Ich hatte damals noch ein Büro in der Bayer-Geschäfts­stelle und bestellte Oliver hierher. Es war natür­lich ein großer Schock für ihn. Er war den Tränen nah.

Nimmt ein Rudi Völler einen Spieler in sol­chen Momenten auch mal in den Arm.
Vor allem einen wie Oliver Neu­ville. Schließ­lich hatte ich ihn mit Reiner Cal­mund von Hansa Ros­tock nach Lever­kusen geholt. Er wohnte nur zehn Minuten von meinem Haus in Lever­kusen ent­fernt. Doch diese unpo­pu­lären Ent­schei­dungen gehören nun mal dazu. Und ich bin in der Situa­tion nicht für ihn oder für mich ver­ant­wort­lich gewesen, son­dern für das ganze Gebilde.