Seite 2: Der Griff ins Klo – vor dem Spiel

Völlig unan­ge­messen ist, das der­zei­tige Ver­halten der Fans als unver­hält­nis­mäßig zu beur­teilen. Seit Sai­son­be­ginn sind Arena und Gäs­te­blöcke aus­ver­kauft, die Fans haben die Mann­schaft von Beginn an groß­artig unter­stützt. Doch geboten bekamen sie nicht bloß eine schwache Null­nummer, nein.

Es waren fas­sungs­lose Auf­tritte im Derby oder zu Hause gegen Frei­burg, bevor es schließ­lich in Mainz gip­felte, in Köln explo­dierte und gegen Pader­born eska­lierte. Eine Erup­tion war zu erwarten, nur das Ausmaß war unklar. Zu lange schon steht die Ver­eins­füh­rung in der Kritik, die abseits der großen“ Themen immer wieder gut ist für völlig deplat­zierte Aktionen“.

Unheim­liche Allianz mit Gaz­prom

Vor dem Spiel gegen Pader­born wurde auf dem Spiel­feld ein Banner mit den besten Grüßen an Zenit St. Peters­burg ent­rollt – dies ging sicher­lich nicht von den Schalker Fans aus. Der rus­si­sche Club stand zu diesem Zeit­punkt kurz vor dem Gewinn der Meis­ter­schaft und wird neunzig Jahre alt. Zwi­schen den Fan­la­gern gibt es kei­nerlei Ver­bin­dung. Vor allem steht Zenit immer wieder wegen seiner ras­sis­ti­schen und homo­phoben Fans im Fokus, die nach der Ver­pflich­tung eines schwarzen Spie­lers kur­zer­hand ein Dogma mit 12 Selek­tions-Regeln“ aus dem Ärmel schüt­telten, das an frem­den­feind­li­cher Ideo­logie schwer zu über­bieten ist.

Was das alles mit Schalke zu tun hat? Ganz genau – nichts. Schalke war immer ein Schmelz­tiegel ver­schie­dener Kul­turen und Natio­na­li­täten und soll es immer sein. Wir zeigen Ras­sismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Tole­ranz und Fair­ness ein.“ So heißt es im Leit­bild der Schalker, nur scheint Gaz­prom inzwi­schen mehr als nur einen Fuß in der Tür zu haben. Anders sind solche sym­pto­ma­ti­schen Griffe ins Klo, oben­drein an einem sol­chen Tag in der Arena, nicht zu erklären.

Ova­tionen für den Gegner

Am Ende war es nicht über­ra­schend, dass die nie­der­ge­schla­genen Gäste aus Pader­born ste­hende Ova­tionen der Schalker Anhän­ger­schaft emp­fingen. Dabei taten sie nicht mehr als zu kämpfen, nach Abpfiff den Mit­ge­reisten Bei­fall zu klat­schen und sich geschlossen in einem Kreis zu for­mieren.

Summa sum­marum also all das, was bei der Heim­mann­schaft zur­zeit völlig undenkbar erscheint und doch eigent­lich typi­sche Kumpel“-Eigenschaften der Schalker sein sollten. DIE Mann­schaft gibt es in Schalke nicht, nur Klein­gruppen unter­schied­li­chen Alters, die Woche für Woche will­kür­lich zusam­men­ge­wür­felt werden.

Ver­schwen­dete Jugend(spieler)

Drei trau­rige Bei­spiele: Leroy Sané (19) macht in Madrid das Spiel seines Lebens, trifft vier Tage später gegen Berlin und muss nach einer schwä­cheren Leis­tung gegen Lever­kusen wieder 90 Minuten zuschauen. Marvin Fried­rich (19) rutscht in Wolfs­burg aus dem Nichts in die Startelf, ist mit Fähr­mann der beste Schalker an diesem Tag und steht danach nie wieder auch nur im Kader.

Und Max Meyer (19) weiß inzwi­schen wahr­schein­lich nicht einmal, auf welche Tri­büne, Ersatz­bank oder Posi­tion er eigent­lich hin­ge­hört. Die Liste dieser Beob­ach­tungen ist lang und man kann nur, auch im Sinne deut­scher Aus­wahl­mann­schaften, sehr hoffen, dass die groß­ar­tigen jungen Talente der Knap­pen­schmiede“ bei dieser Tour nicht vor die Hunde gehen.

Kein Höger, son­dern Jiri Nemec!

Bei kaum einem anderen Verein werden solche Beob­ach­tungen kri­ti­scher wahr­ge­nommen, was eigent­lich kein Fluch, son­dern ein Segen sein sollte. Wappen küs­sende Boa­tengs, ein Wir leben dich!“-Motto und Bergbau-Spie­ler­tunnel braucht es auf Schalke nicht. Es braucht weder einen Face­book-Höger im Cabrio, noch einen Twitter-Fuchs, der nach beschä­menden Spielen die Anstren­gung der Flug­meilen moniert.

Es braucht Spieler wie Jiri Nemec, der in neun Jahren Schalke kein ein­ziges Inter­view gab und laut Rudi Assauer nur des­halb keine Tore schoss, weil er Umar­mungen hasste – und damit letzten Endes nur eines tat: Malo­chen. Damit ist man in Gel­sen­kir­chen nie allein.