Heiko Rothen­pieler ist Schalke-Fan und einer der Autoren des groß­ar­tigen Blogs Schot­ti­sche Furche“. An dieser Stelle schreibt er als Gast­autor über die S04-Fan­pro­teste beim Spiel gegen Pader­born.

Beim Hin­runden-Auf­takt in Han­nover legten sich die Schalke-Fans via Cho­reo­gra­phie fest: Du gewinnst nie allein!“ Seit dem Sieg gegen Pader­born am ver­gan­genen Samstag wissen wir: Manchmal gewinnst du allein. Sogar in der Bun­des­liga. Ja, sogar einsam. Platz 5. Europa League. Trotzdem eine Stim­mung wie seit Günter Eich­berg nicht mehr. Was sich auf Schalke“ vor, wäh­rend und nach dem Spiel gegen den auf­op­fe­rungs­voll kämp­fenden SC Pader­born abspielte, hat es in dieser Form noch nicht gegeben.

Der Sieg war zweit­rangig

An diesem Tag ging es in dem weiten Rund nicht um das von den Ver­ant­wort­li­chen so hoch pro­kla­mierte Haupt­sache drei Punkte“-Gerede. Ein 1:0‑Heimsieg war zweit­rangig, ja sogar die Europa League. Es ging um die legi­ti­mierte, laut Sat­zung so wun­derbar klin­gende Teil­habe der Fans, darum, die Zukunft des Ver­eins mit­zu­be­stimmen. Und somit um ein Thema, was viele Ver­eine betrifft, in denen der Graben zwi­schen Ver­eins­füh­rung und Fans immer größer wird. Das Gel­sen­kir­chener Barock ist nur ein wenig rauer und mit 130.000 Mit­glie­dern mas­siver auf­ge­stellt.

Ein Plakat der Ultras-GE wurde als reprä­sen­tativ für die Schalker Zustände über den Medi­en­äther geblasen: Der Fisch stinkt vom Kopf!“ Das c und t sind dabei als Initiale des Ver­eins­bosses Cle­mens Tön­nies rot mar­kiert worden. Man könnte denken, dass es dem Auf­stand der Pott-Ple­bejer also um ein oder zwei Köpfe (Horst Heldt) ginge.

Doch bei genauer Betrach­tung geht es um die Gesamt­struktur der oberen Etagen und dauert schon sehr viel länger an als eine schlechte Rück­runde. Es ist kein Zufall, dass die Fisch­kopf­me­ta­pher nicht das erste, son­dern eines der letzten Pla­kate war, wel­ches die Ultras an diesem Tag in Groß­buch­staben prä­sen­tierten.

Mit­glieder gegen die Aus­glie­de­rung der Fuß­ball­ab­tei­lung

Auf dem ersten war die zweite Zeile des Ver­eins-Leit­bildes zu lesen, die für manche Schlag­zeile nur etwas zu lang und viel­leicht auch etwas zu lang­weilig klingen mag: Er ist und bleibt immer noch ein ein­ge­tra­gener Verein im Sinne des deut­schen Ver­eins­rechts!“ Ein Plakat wie ein demo­kra­ti­scher Dosen­öffner. Es nahm Bezug auf die kur­sie­rende Idee der Aus­glie­de­rung der Fuß­ball­ab­tei­lung. Ein Plakat, das klar­macht: An uns kommt ihr nicht vorbei!

Wer nach zahl­rei­chen Gaz­prom-Pro­testen, epi­schen Viagogo-Fails“ und legen­dären Jah­res­haupt­ver­samm­lungen nach diesem Samstag immer noch denkt, man könne in Schalke die Rech­nung ohne das Mit­glied machen, wird sehr tief fallen. Sollten Tön­nies, Peters und Co. ernst­haft eine Aus­glie­de­rung anpeilen, stehen die Zei­chen auf Sturm.

Nein, nach diesem Samstag müsste auch der letzte Funk­tionär am eigenen Leibe erfahren haben, dass ein Verein wie Schalke eben keine Firma ist und sich die Ange­stellten besser nicht vom Chauf­feur zum Trai­ning fahren lassen sollten (Boateng). Die Stim­mung kochte. Und die Pro­teste gingen nicht allein von den Ultras aus, son­dern von einem laut­starken Kol­lektiv, das nach der Halb­zeit zunächst Huub Ste­vens, kurz darauf Gerald Asa­moah und schließ­lich Ebbe Sand besang. 

Die Gesänge am Samstag waren kein Scherz oder der Anflug von Resi­gna­tion. Es waren Aus­rufe, die ein beinah roman­ti­sches Bild einer Fan­kultur zeich­neten und die unter­stri­chen, dass es den Fans nicht bloß um Meis­ter­schaften, Cham­pions League oder drei Punkte geht.

Völlig unan­ge­messen ist, das der­zei­tige Ver­halten der Fans als unver­hält­nis­mäßig zu beur­teilen. Seit Sai­son­be­ginn sind Arena und Gäs­te­blöcke aus­ver­kauft, die Fans haben die Mann­schaft von Beginn an groß­artig unter­stützt. Doch geboten bekamen sie nicht bloß eine schwache Null­nummer, nein.

Es waren fas­sungs­lose Auf­tritte im Derby oder zu Hause gegen Frei­burg, bevor es schließ­lich in Mainz gip­felte, in Köln explo­dierte und gegen Pader­born eska­lierte. Eine Erup­tion war zu erwarten, nur das Ausmaß war unklar. Zu lange schon steht die Ver­eins­füh­rung in der Kritik, die abseits der großen“ Themen immer wieder gut ist für völlig deplat­zierte Aktionen“.

Unheim­liche Allianz mit Gaz­prom

Vor dem Spiel gegen Pader­born wurde auf dem Spiel­feld ein Banner mit den besten Grüßen an Zenit St. Peters­burg ent­rollt – dies ging sicher­lich nicht von den Schalker Fans aus. Der rus­si­sche Club stand zu diesem Zeit­punkt kurz vor dem Gewinn der Meis­ter­schaft und wird neunzig Jahre alt. Zwi­schen den Fan­la­gern gibt es kei­nerlei Ver­bin­dung. Vor allem steht Zenit immer wieder wegen seiner ras­sis­ti­schen und homo­phoben Fans im Fokus, die nach der Ver­pflich­tung eines schwarzen Spie­lers kur­zer­hand ein Dogma mit 12 Selek­tions-Regeln“ aus dem Ärmel schüt­telten, das an frem­den­feind­li­cher Ideo­logie schwer zu über­bieten ist.

Was das alles mit Schalke zu tun hat? Ganz genau – nichts. Schalke war immer ein Schmelz­tiegel ver­schie­dener Kul­turen und Natio­na­li­täten und soll es immer sein. Wir zeigen Ras­sismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Tole­ranz und Fair­ness ein.“ So heißt es im Leit­bild der Schalker, nur scheint Gaz­prom inzwi­schen mehr als nur einen Fuß in der Tür zu haben. Anders sind solche sym­pto­ma­ti­schen Griffe ins Klo, oben­drein an einem sol­chen Tag in der Arena, nicht zu erklären.

Ova­tionen für den Gegner

Am Ende war es nicht über­ra­schend, dass die nie­der­ge­schla­genen Gäste aus Pader­born ste­hende Ova­tionen der Schalker Anhän­ger­schaft emp­fingen. Dabei taten sie nicht mehr als zu kämpfen, nach Abpfiff den Mit­ge­reisten Bei­fall zu klat­schen und sich geschlossen in einem Kreis zu for­mieren.

Summa sum­marum also all das, was bei der Heim­mann­schaft zur­zeit völlig undenkbar erscheint und doch eigent­lich typi­sche Kumpel“-Eigenschaften der Schalker sein sollten. DIE Mann­schaft gibt es in Schalke nicht, nur Klein­gruppen unter­schied­li­chen Alters, die Woche für Woche will­kür­lich zusam­men­ge­wür­felt werden.

Ver­schwen­dete Jugend(spieler)

Drei trau­rige Bei­spiele: Leroy Sané (19) macht in Madrid das Spiel seines Lebens, trifft vier Tage später gegen Berlin und muss nach einer schwä­cheren Leis­tung gegen Lever­kusen wieder 90 Minuten zuschauen. Marvin Fried­rich (19) rutscht in Wolfs­burg aus dem Nichts in die Startelf, ist mit Fähr­mann der beste Schalker an diesem Tag und steht danach nie wieder auch nur im Kader.

Und Max Meyer (19) weiß inzwi­schen wahr­schein­lich nicht einmal, auf welche Tri­büne, Ersatz­bank oder Posi­tion er eigent­lich hin­ge­hört. Die Liste dieser Beob­ach­tungen ist lang und man kann nur, auch im Sinne deut­scher Aus­wahl­mann­schaften, sehr hoffen, dass die groß­ar­tigen jungen Talente der Knap­pen­schmiede“ bei dieser Tour nicht vor die Hunde gehen.

Kein Höger, son­dern Jiri Nemec!

Bei kaum einem anderen Verein werden solche Beob­ach­tungen kri­ti­scher wahr­ge­nommen, was eigent­lich kein Fluch, son­dern ein Segen sein sollte. Wappen küs­sende Boa­tengs, ein Wir leben dich!“-Motto und Bergbau-Spie­ler­tunnel braucht es auf Schalke nicht. Es braucht weder einen Face­book-Höger im Cabrio, noch einen Twitter-Fuchs, der nach beschä­menden Spielen die Anstren­gung der Flug­meilen moniert.

Es braucht Spieler wie Jiri Nemec, der in neun Jahren Schalke kein ein­ziges Inter­view gab und laut Rudi Assauer nur des­halb keine Tore schoss, weil er Umar­mungen hasste – und damit letzten Endes nur eines tat: Malo­chen. Damit ist man in Gel­sen­kir­chen nie allein.