César Luis Menotti, mag ein Mann wie Sie deut­schen Fuß­ball?

Warum nicht? Es hieß immer, der deut­sche Fuß­ball sei zu sche­ma­tisch. Völlig über­trieben. Als Deutsch­land bei der WM 1974 über die Nie­der­lande tri­um­phierte, gewannen sie nicht allein, weil sie den Gegner vor sich her­trieben, son­dern weil sie groß­ar­tige Spieler hatten. Aber Orga­ni­sa­tion war ein wich­tiger Aspekt ihres Spiels. Eine Nation spielt eben so, wie sie lebt.



Und wie lebt und spielt dann Argen­ti­nien?

Eine Kultur beinhaltet viele Aspekte: von der Musik bis zur Sprache, vom Fuß­ball bis zur Klei­dung. In Argen­ti­nien durch­lebten wir in den Sech­zi­gern eine große kul­tu­relle Krise – und der Fuß­ball blieb davon nicht unbe­lastet. Dann kam dazu, dass wir nicht unbe­dingt erfolg­reich spielten, also hörten wir auf, an das zu glauben, was unser Spiel beson­ders macht. Plötz­lich schien alles besser zu sein, was von außen kam. Es wurden Dinge ein­ge­führt, die mit unserem Fuß­ball nichts zu tun hatten.

Gibt es dafür eine sozio­lo­gi­sche Erklä­rung?

Es gibt eine Initi­al­zün­dung für diese Fehl­ent­wick­lung.

Die da wäre?


Die große Ent­täu­schung, die unser Team bei der WM 1958 in Schweden erlebte. Damals ver­loren wir mit sechs Gegen­toren gegen die Tsche­cho­slo­wakei. Die ganze Welt sprach dar­über, dass wir rück­ständig spielen würden und an unserer Ath­letik arbeiten müssten. In den vier­ziger und Anfang der fünf­ziger Jahre galt unsere Natio­nalelf als nahezu unschlagbar. Wir hatten so viele gute Spieler, dass wir in der Lage gewesen wären, meh­rere Natio­nal­mann­schaften auf­zu­stellen.

Was geschah im Anschluss an das WM-Tur­nier von 1958?

Mehr als zehn Jahre herrschte Chaos. So sehr, dass wir uns nicht einmal für die WM 1970 qua­li­fi­zierten. Zu der Zeit begann die Dis­kus­sion, ob alles so sein muss wie bei Estu­di­antes La Plata (dem Sieger der Copa Libertadores von 1968 bis 70, d. Red.), deren Fuß­ball nur aus Mann­de­ckung, Pres­sing und Kampf bestand. Wir fragten uns, ob es nicht auch anders ginge. Zu dieser Zeit hatten die Wis­sen­schaftler das Sagen im Fuß­ball. Aber so geht es nun mal nicht, genauso wenig wie einst, als man dachte, die Phi­lo­so­phen könnten alles lösen.

Warum wurde Fuß­ball zu dieser Zeit so wenig gespielt?


Es war die Ant­wort der spiel­schwa­chen Teams. Es war damals Mode, so zu tak­tieren wie Inter Mai­land, die den Catenaccio zele­brierten und mit enger Mann­de­ckung spielten. Dann kam die WM 1970, die Bra­si­lien im Tor­rausch gewann. Ich adap­tierte ihre Idee vom Fuß­ball, als ich bei Huracán anfing.

Was änderten Sie?

Als ich den Trai­ner­posten antrat, erklärte ich den Spie­lern, dass sie besser spielen könnten. Ich nannte ihnen die Namen der großen Stars frü­herer Zeiten. Erst schauten die Jungs mich nur an und sagten: Schön und gut, aber gewinnen tun doch immer die­selben.“ Ich ver­suchte sie davon zu über­zeugen, dass Fuß­ball nicht nur auf einer hohen Leis­tungs­be­reit­schaft basiere. Bis dato beruhte Fuß­ball vor allem auf Taktik und Physis. Aber für mich ist Fuß­ball etwas Mensch­li­ches. Die, deren ein­ziges Ziel es ist, Spiele zu gewinnen, haben den eigent­li­chen Sinn nicht ver­standen. Sie spielen in meinen Augen falsch.

Kann man als Trainer, der vom Erfolg lebt, so argu­men­tieren?


Hören Sie genau zu, was ich sage: Falsch­spieler sind die­je­nigen, die nichts als Spiele gewinnen wollen. Die anderen spielen, um zu gewinnen. Wenn jemand sagt: Das Ein­zige, was mich inter­es­siert, ist gewinnen“, ist er ein Falsch­spieler. Denn sein Anliegen impli­ziert auf diese Weise immer die Mög­lich­keit des Betrugs. So wie jemand, der Poker spielt, um Geld zu machen, aber nicht wegen des Spiels selbst. Kurz: Wir waren in Gefahr die Bedeu­tung des Wortes Spiel“ zu ent­werten.

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