Andreas Herzog, als Jürgen Klins­mann 2004 seinen Job als deut­scher Bun­des­trainer antrat, ver­kün­dete er forsch, Welt­meister werden zu wollen. Will Öster­reich bei der EM im eigenen Land auch den Titel holen?

(lacht) Schön wär’s. Nein, wir wollen die Grup­pen­phase über­stehen. Schließ­lich spielst du bei einer EM gleich gegen große Nationen. Wenn du Pech hast, bekommst du Teams vom Kaliber Spa­nien, Eng­land, Ita­lien zuge­lost. Dann kommt es darauf an, dass du einen guten Start erwischst.

Um sich dann von der Euphorie tragen zu lassen?

In Öster­reich läuft das so. Wenn wir ver­lieren, sagen die meisten: Wir haben es eh gewusst. Wenn wir aber gewinnen, steht das ganze Land hinter dir. Das ist das Schöne an diesem Land: Du kannst irr­sinnig schnell eine Begeis­te­rung ent­fa­chen.

Allzu große Euphorie scheint aber noch nicht zu herr­schen. Gerade ver­meldet die ÖFB-Home­page, für das nächste Län­der­spiel gegen Ungarn seien schon“ 6000 Karten abge­setzt.

Noch einmal, der Öster­rei­cher will sich begeis­tern lassen. Nehmt nur die letzte WM-Qua­li­fi­ka­tion. Zum ersten Spiel kommen höchs­tens 20 000 Leute, weil jeder denkt, dass wir uns eh nicht qua­li­fi­zieren. Für das letzte Spiel gegen Weiß­russ­land, als wir nur noch einen Sieg gebraucht hätten, hätte man auch 200 000 Karten ver­kaufen können. Plötz­lich will jeder dabei sein.

Die Ent­wick­lung der öster­rei­chi­schen Natio­nalelf in den letzten Jahren wirkt, von außen betrachtet, wie ein hilf­loses Her­um­wer­keln. Häu­fige Trai­ner­wechsel, kein klares Kon­zept. Woran leidet die Natio­nalelf?

Die Mischung hat schon seit Jahren nicht mehr gestimmt. Es hört sich viel­leicht ein biss­chen brutal an, aber es ver­hält sich ja so: Seit zehn Jahren hat Wien keinen guten Fuß­baller mehr her­aus­ge­bracht.

Das war früher anders.

Die Wiener waren immer die großen Tech­niker, der Pro­haska, der Peter Stöger, auch meine Wenig­keit, wir waren keine Kampf­ma­schinen, wir haben die Kom­bi­na­tionen, das Schei­berl­spiel, gepflegt. Wir waren Städter und auf dem Platz eher gemüt­lich. Die Salz­burger, die Steirer waren dagegen eher Natur­bur­schen. Die haben auch ganz gut Fuß­ball spielen können, aber waren noch viel härter. Wenn wir zusammen gespielt haben, hat die Mischung gepasst.

Und nun fehlt die Wiener Inspi­ra­tion?

Seit den 80er Jahren ist nicht nur in Wien in der Nach­wuchs­ar­beit her­um­ge­schlu­dert worden. Keine kon­se­quente Sich­tung und För­de­rung. Wir haben uns lange damit her­aus­ge­redet, dass wir weniger Ein­wohner haben als Eng­land oder Deutsch­land. Aber das Argu­ment zieht nicht mehr, schaut euch nur die Hol­länder an, die haben noch weniger Ein­wohner.
Was muss sich ändern?

Es gibt seit ein paar Jahren das Chal­lenge Pro­jekt. Ein Trainer bei jedem Bun­des­liga-Verein wird vom ÖFB bezahlt, damit der Coach mit den größten Talenten indi­vi­duell trai­niert und gezielt an den Schwä­chen arbeiten kann.

Ein Aus­weis des Erfolgs wäre ja, wenn die geför­derten Talente dann auch den Sprung in den Pro­fi­fuß­ball und in die Natio­nalelf schaffen.

Das tun sie ja. Wir hatten neu­lich vor einem Län­der­spiel einen Kader, in dem zehn Spieler ent­weder kein oder ein Län­der­spiel vor­zu­weisen hatten. Es ist uns also ernst mit dem Neu­aufbau.

Keine ver­dienst­vollen Rou­ti­niers, die den Jungen Halt geben?

Wir können jetzt nicht nur bis 2008 denken. Was bringt es uns, jetzt auf lauter 34-Jäh­rige zu setzen, um dann nach dem Tur­nier einen Neu­aufbau wagen zu müssen. Da setzen wir doch lieber gleich auf die Nach­wuchs­leute. Unter denen ist dann auch end­lich wieder ein Wiener?


Hoffen wir es. Den Veli Kavlak haben wir zum Bei­spiel im Auge. Ein junger Mit­tel­feld­mann mit tür­ki­schen Wur­zeln, sehr talen­tiert, ist Jahr­gang 1988 und spielt bei Rapid Wien. Leider hat der tür­ki­sche Ver­band auch mit­be­kommen, dass der Junge was kann. Wir hoffen, er ent­scheidet sich für Öster­reich.

In Deutsch­land gab es vor und wäh­rend der WM immer mal wieder Span­nungen zwi­schen der Natio­nalelf und der Bun­des­liga, rund um die müßige Frage, wer nun von wem was lernen kann. Gibt es ähn­liche Kon­flikte in Öster­reich?

Nein, wir gehen ver­nünftig mit­ein­ander um. Weder der ÖFB noch die Ver­eine haben den Fuß­ball erfunden. Und eines müssen die Ver­eine wissen: Wenn die EM 2008 für Öster­reich, was ich natür­lich nicht hoffe und nicht glaube, ein voll­kom­menes Desaster wird, wird die Bun­des­liga dar­unter leiden. Dann hat sich das Thema Fuß­ball hier­zu­lande erst einmal erle­digt.

Manche Klubs scheinen sich der his­to­ri­schen Mis­sion aller­dings noch nicht bewusst zu sein. Bis­weilen steht etwa in der Salz­burger Start­auf­stel­lung kein ein­ziger Öster­rei­cher.

Für die Bun­des­liga ist das Salz­burger Expe­ri­ment, wenn es lang­fristig ange­legt ist, viel­leicht ganz inter­es­sant, für die Natio­nal­mann­schaft weniger. Weil bei Salz­burg tat­säch­lich nur Legio­näre spielen.

Die alte Klage also: Legio­näre behin­dern Talente?

Nein, nicht nur. Es ist doch so: Wenn gute Aus­länder in der Bun­des­liga spielen, nützt uns das, weil die jungen Spieler sich an deren Leis­tung ori­en­tieren können und sich selbst ver­bes­sern. Aber oft wird wahllos auf dem inter­na­tio­nalen Markt ein­ge­kauft, und die ein­hei­mi­schen Talente bekommen keine Chance. Das ist eine Kata­strophe. Denn wir haben in Öster­reich nur etwa zehn richtig gute Talente von 18 bis 22 Jahren. Wenn von denen fünf auf der Bank sitzen, zwei sich ver­letzten und nur drei den Sprung schaffen, dann kannst du den Laden zusperren.

Ein Bei­spiel?

Nimm nur den Marc Janko von Salz­burg. Der hat in der letzten Saison für Möd­ling 13 Tore gemacht, ist dann gewech­selt und sitzt jetzt die ganze Zeit auf der Bank. Man schießt sich in Öster­reich gern selbst ins Knie.

Wie belastbar ist das Ver­hältnis zu Red Bull Salz­burg? Ihre Bezie­hung zu Co-Trainer Lothar Mat­thäus gilt als dezent gestört.

Ich hab’ keine Pro­bleme mit dem Lothar, er viel­leicht mit mir. Ich habe unter ihm ja noch bei Rapid Wien gespielt, und seither denkt er, ich hätte absicht­lich schlecht gespielt, damit er als Trainer raus­fliegt. So ein Unfug. Hätte ich Pro­bleme mit ihm gehabt, hätte ich ihm das ins Gesicht gesagt.

Zurück zu den Talenten: Setzt sich Qua­lität nicht am Ende doch durch?

Da kommen wir gleich zur nächsten Kata­strophe. Die jungen öster­rei­chi­schen Spieler sind teil­weise teurer als die Legio­näre. Es kann doch nicht sein, dass sich ein 18-Jäh­riger, der gerade dreimal unfall­frei aufs Tor geschossen hat, gleich für Samuel Eto’o hält. Da stimmt das Preis-Leis­tungs-Ver­hältnis nicht.

Wel­chen Wert haben öster­rei­chi­sche Talente denn auf dem inter­na­tio­nalen Markt?

Eine ganz ein­fache Rech­nung: Wenn ein Land bei keiner WM und keiner EM dabei ist, sinkt der Markt­wert. Wir haben ein paar rich­tige Talente in Öster­reich. Hätten die einen tsche­chi­schen Pass, wären sie längst ein paar Mil­lionen Euro wert.

Sie arbeiten als Josef Hickers­ber­gers Assis­tent, waren für zwei Spiele selbst Aus­hilfs­trainer. Ein Job, der Sie reizt?

Natür­lich ist mein Fern­ziel, einmal als Natio­nal­trainer zu arbeiten. Aber nicht jetzt, der Job käme für mich zu früh. Ich bin auch noch viel zu nahe an der Mann­schaft dran. Ich bin froh, dass ich als Hickers­ber­gers Assis­tent arbeiten und nebenher ohne große Hatz den Trai­ner­kurs machen kann.

Mit den meisten aktu­ellen Natio­nal­spie­lern haben Sie noch zusam­men­ge­spielt, wie schwierig war der Per­spek­ti­ven­wechsel?

Eine Frage der Gewöh­nung. Ich kann jetzt nicht den unnah­baren Trainer mimen, das würde nicht funk­tio­nieren. Obwohl ich mir den Spaß mit Ema­nuel Poga­tetz erlaubt habe. Der hat mit 18, 19 Jahren das erste Mal in der Natio­nalelf gespielt und war immer mit mir zusammen. Ich kann ihn irr­sinnig gut leiden und war so eine Art großer Bruder für ihn. Beim letzten Spiel war ich dann plötz­lich Trainer, der Poga­tetz kommt und fängt gleich an zu reden Du, Andi“, da hab’ ich ihn bei­seite genommen und mit ganz ernster Stimme gesagt: Pogerl, ab heute sind wir per Sie!“ Dem sind bei­nahe die Augen her­aus­ge­fallen, ich habe ihn dann aber erlöst.

Sie haben in Ihrer Kar­riere viele Trainer gehabt. Wer hat Sie beson­ders geprägt?

Otto Reh­hagel bei Werder Bremen. Die große Mann­schaft um Dieter Eilts, Thomas Schaaf und Wynton Rufer hat er geformt und geprägt. Von seiner Art, mit Spie­lern umzu­gehen, sie zu moti­vieren, kann man sich viel abschauen. Und dann ist da natür­lich noch Arsène Wenger…

…der Coach des FC Arsenal.

Ich saß neu­lich neben Wenger im Fern­seh­studio und hab’ die ganze Zeit nur gedacht, welch ein Wahn­sinn. Ich hab’ noch nie einen Men­schen erlebt, der so klug, so reflek­tiert, so gen­tleman-like über Fuß­ball redet. Dagegen wirkt alles, was du selbst sagst, auch wenn es klug ist, wie der reine Blöd­sinn.