Jens Keller, nach Ihrer Ent­las­sung in Stutt­gart 2010 sagten Sie, die enorme Medi­en­prä­senz beim VfB habe Sie über­rascht, Ihr Fazit damals: In Zukunft weiß ich, was mich erwartet und kann mich ent­spre­chend vor­be­reiten.“ Ein Irrtum?
Wenn ein U‑17-Trainer plötz­lich Chef­trainer einer Bun­des­li­ga­mann­schaft wird, muss er damit rechnen, kri­tisch beäugt zu werden. Ich wäre über­rascht gewesen, wenn hier auf Schalke alle prompt super“ geschrien hätten. Mit einer gewissen Skepsis musste ich rechnen.

Eine gewisse Skepsis“? Sie selbst spra­chen vor Kurzem von einem bru­talen Stahlbad“!
Ich hatte in der Tat nicht damit gerechnet, dass so viele Medien auf mich ein­prü­geln würden. Viele dieser Leute haben mir vom ersten Tag an keine Chance gegeben, der Grund­tenor lau­tete: Wann fliegt Keller? Das ging ein­deutig zu weit. Dieses Miss­trauen hat mich über­rascht – und auch getroffen.

Hat Ihre Familie Ihnen vom Chef­trai­ner­posten abge­raten?
Dazu nur so viel: Öffent­liche Häme treffen nicht nur den jewei­ligen Trainer, son­dern auch immer dessen Familie. Meine Frau hat die schwie­rige Zeit in Stutt­gart damals hautnah mit­er­lebt und wollte so was natür­lich nicht noch einmal durch­ma­chen. Sie spürte jedoch sofort, dass ich mich der Her­aus­for­de­rung Schalke 04 unbe­dingt stellen will. Des­halb hat Sie sich für mich gefreut.

Wie lange haben Sie über­legt, ob Sie das Angebot annehmen? 
Nicht lange. Mir hat die Arbeit mit der U17 große Freude bereitet. Als dann aller­dings Horst Heldt zu mir kam und fragte Jens, hilfst du uns?“, hat mich der Ehr­geiz gepackt. Ich wollte es noch mal wissen, die Chance beim Schopf packen, sie auf keinen Fall ein­fach so weg­werfen. Aber noch mal ganz deut­lich: Ich habe zuvor nicht darauf hin­ge­ar­beitet, Trainer der ersten Mann­schaft zu werden.

Haben Sie den Ein­druck, der Respekt und die Wert­schät­zung Ihnen gegen­über ist mitt­ler­weile gestiegen?
Schon, ja. Ich habe aber von Beginn an nicht den Ein­druck gehabt, die Fans seien grund­sätz­lich gegen mich. Natür­lich gab es einige Gruppen, die die Ent­schei­dung, mich als Trainer zu ver­pflichten, kri­tisch gesehen haben. Doch die Mehr­heit hat mir ein gutes Gefühl gegeben, die wollte sich zunächst anschauen, wie ich über­haupt arbeite. Viele sagten damals Der Keller hat bei uns im Nach­wuchs­be­reich etwas bewegt, nun lasst ihn doch erst mal seinen Job machen“. Leider sind es dann einige Medien gewesen, die mich immer wieder unter der Gür­tel­linie atta­ckiert haben. Das war eine beein­dru­ckende Erfah­rung.

Sie sagen häufig, man müsse sich in diesem Geschäft ein dickes Fell anlegen…
…auf jeden Fall! Anders würde es auch nicht funk­tio­nieren.

Legen Sie Ihr dickes Fell in der Som­mer­pause ab? Anders gefragt: Können Sie abschalten?
Na klar! Den Dau­er­druck muss man auch mal bei­seite schieben. Darauf freue ich mich riesig. Anschlie­ßend werde ich wieder moti­viert an die Arbeit gehen. Aber die fünf Monate, die ich hier zuletzt mit­ge­macht habe, wün­sche ich in dieser Form keinem meiner Trai­ner­kol­legen. Ich brauche die kom­menden vier Wochen, um den Akku wieder auf­zu­laden.

Wie sind Sie mit Ihrer Wut und Ent­täu­schung umge­gangen? Haben Sie einen Aus­gleich für den Job?
Auch wenn es komisch klingt: Dafür hatte ich keine Zeit. Meine Gedanken haben sich bei­nahe Tag und Nacht um die Frage gedreht Wie können wir unsere Ziele errei­chen?“ Ich bin selbst über­rascht, wie ich mit der Situa­tion umge­gangen bin, wie ruhig ich geblieben bin und dass ich nie­mandem auf die Mütze gegeben habe (lacht). Eigent­lich unglaub­lich, oder?

Hat sich inzwi­schen der eine oder andere Jour­na­list bei Ihnen ent­schul­digt?
Ent­schul­digt nicht, nein, aller­dings haben einige Jour­na­listen ein paar Aus­sagen und Berichte rela­ti­viert. Aber einen Satz wie Mensch, sorry, ich hab da wohl einen Fehler gemacht“ habe ich bis heute nicht gehört.

Hat Sie das etwa über­rascht?
(Pause) Es ist ein­fach schade. Ich halte es näm­lich für selbst­ver­ständ­lich, dass der­je­nige, der einen Fehler gemacht hat, anschlie­ßend auch dazu steht. Wir Bun­des­li­ga­trainer müssen ja auch für unsere Fehl­ent­schei­dungen gera­de­stehen. Ich habe kein Pro­blem mit Kritik, im Gegen­teil. Wenn ein Jour­na­list, der beim Trai­ning zuschaut, jenes anschlie­ßend kri­ti­siert oder meine Auf­stel­lung für falsch hält, soll er das gern schreiben – kein Thema!

Aber?
Wer mich per­sön­lich belei­digt, über­schreitet eine Grenze. Wir haben aus den ersten zwei Rück­run­den­par­tien vier Punkte geholt – ist das etwa eine Kata­strophe? Diesen Ein­druck hätte man beim Blick auf die Zei­tungs­ar­tikel am Fol­getag durchaus bekommen können. Das hatte mit seriöser Bericht­erstat­tung nicht viel zu tun.

Wes­halb haben Sie sich denn nicht gewehrt? Sie hätten doch ein Zei­chen setzen können.
Ich habe irgend­wann abge­schaltet, habe mir die Kom­men­tare einiger Medien nicht mehr durch­ge­lesen. Fängt man an, sich öffent­lich für blöd­sin­nige Vor­würfe zu recht­fer­tigen, wird man schnell in eine gefähr­liche Spi­rale hin­ein­ge­zogen. Man muss nicht auf jeden Schwach­sinn reagieren. Ich will aber nicht leugnen, dass es Momente gab, in denen ich die Faust in der Tasche geballt habe. Das waren meist die Momente, in denen Lügen­ge­schichten über mich ver­breitet wurden.

Zum Bei­spiel?
Das Thema ist erle­digt.

Wofür würden Sie sich denn selbst loben, Herr Keller?
Ich habe Ruhe bewahrt in einer Zeit, in der der Gegen­wind heftig war. Ich habe mich nicht abschre­cken lassen, son­dern bin stets kon­se­quent meinen Weg gegangen. Ich weiß nicht, was pas­siert wäre, wenn ich mich ver­stellt hätte. Wir haben alles aus­ge­blendet und kon­zen­triert mit der Mann­schaft gear­beitet. Die Spieler haben vom ersten Tag an positiv auf uns reagiert – intern gab es kei­nerlei Pro­bleme. Die Stim­mung im Team ist vor­bild­lich, darauf können wir alle gemeinsam ein wenig stolz sein.

Wie lange haben Sie eigent­lich vor dem Cham­pions-League-Ach­tel­fi­nale gegen Gala­ta­saray Istanbul dar­über nach­ge­dacht, ob Sie den 19-jäh­rigen Sead Kolasinac von Beginn an bringen?
Ein paar Tage. Wir hatten auf dieser Posi­tion Pro­bleme, uns fehlte die Sicher­heit. Da Sead im Trai­ning so richtig auf­trumpfte, war es für mich nur die logi­sche Folge, ihn auch auf­zu­stellen. Der Junge hat Herz.

Hätte er ein, zwei spiel­ent­schei­dende Fehler gemacht, hätten Sie – mal wieder – im Regen gestanden.
Das war mir klar. Wäre das schief gegangen, hätte ich wahr­schein­lich ordent­lich was abge­kriegt. Ich war aller­dings über­zeugt, dass Sead stabil ist – das Risiko hielt sich somit in Grenzen. Ein Trainer muss auch mutige Ent­schei­dungen treffen. Wer stets darauf aus ist, bloß keine Angriffs­punkte zuzu­lassen, kommt nicht weit. Ich habe mich riesig gefreut, dass der Junge das Ver­trauen zurück­ge­zahlt hat.

Wie viele Talente wollen Sie in der kom­mende Runde an das Pro­fi­team her­an­führen?
Lassen Sie sich über­ra­schen. Ich denke, Max Meyer (ein 17-jäh­riges Mit­tel­feld-Talent mit bis­lang fünf Ein­sätzen für Schalke, d. Red.) ist auf einem guten Weg. Wenn er weiter hart an sich arbeitet, hat er die Chance, eine gute Kar­riere hin­zu­legen. Fakt ist: Unsere Nach­wuchs­teams sind zur­zeit extrem erfolg­reich, ich sehe hier großes Poten­zial. Selbst­ver­ständ­lich ist es mein Ziel, den einen oder anderen Jungen hoch­zu­ziehen.

Sie haben Max Meyer ange­spro­chen: Ist er schon bereit für das harte Tages­ge­schäft in der Bun­des­liga?
Er hat einige Male gut gespielt und gezeigt, dass er mehr will. Ich muss ihn defi­nitiv nicht schützen. Für Max geht es nun vor­rangig darum, an seiner Kon­stanz zu arbeiten und den nächsten Schritt zu machen. Gelingt ihm das, könnte er mit­tel­fristig auf den einen oder anderen Startelf-Ein­satz hoffen. Und genau das muss sein Ziel sein. Er hat Talent, keine Frage, trotzdem muss er im Trai­ning eine Schippe drauf­legen.

Und worin muss sich Ihr Aus­hän­ge­schild Julian Draxler ver­bes­sern?
Julian ist kein typi­scher 19-Jäh­riger. Wel­cher Spieler hat in in diesem Alter bereits 110 Pflicht­spiele absol­viert? Julian ist sehr reif für sein Alter. Ich bin froh, mit ihm in diesem Team zusam­men­zu­ar­beiten. Dass er sich in einigen Punkten ver­bes­sern will, steht außer Frage. Ich werde Ihnen jetzt aber keine Bei­spiele nennen.

Mit wie vielen neuen Spie­lern wollen Sie in die neue Runde gehen?
Zur­zeit wird viel spe­ku­liert. Ich mache aber nicht den Fehler und nenne ihnen irgend­welche Namen. Wir haben eine sehr gute Mann­schaft bei­sammen, eine Truppe, die wir ledig­lich punk­tuell ver­stärken werden. Hinter den Kulissen sind zuletzt einige Dinge sehr, sehr kon­kret geworden. Genaueres geben wir aber erst bekannt, wenn die Tinte tro­cken ist.

Ein Transfer steht inzwi­schen fest: Felipe San­tana kommt vom Erz­ri­valen Borussia Dort­mund – ein mutiger Schritt?
Felipe ist nicht der erste Spieler, der von Dort­mund zu Schalke wech­selt. Ich erwarte daher keine Pro­bleme. Unsere Fans werden ihn gut auf­nehmen.

Wes­halb haben Sie sich für San­tana ent­schieden?
Wir sahen in der Innen­ver­tei­di­gung drin­genden Hand­lungs­be­darf – Chris­toph Met­zelder beendet seine Kar­riere und Papado­poulos war lange ver­letzt. San­tana hat sowohl national als auch inter­na­tional gezeigt, was er drauf hat. Er hat in einer bären­starken Truppe eine gute Rolle gespielt, ist jung, kopf­ball­stark und auch noch schnell. Zudem ist es kein Geheimnis, dass der Bur­sche preis­wert zu haben war (San­tana kos­tete Schalke eine Mil­lion Euro, d. Red.). Ich bin über­zeugt davon, dass er her­vor­ra­gend in unsere Mann­schaft passt.