Bernd Krauss, zwi­schen 1997 und 1999 trai­nierten Sie Lever­ku­sens heu­tigen Cham­pions-League-Gegner Real Sociedad San Sebas­tian. Wie kamen Sie als deut­scher Trainer in die Pri­mera Divi­sion?
Das war ein glück­li­cher Zufall. Ein Jahr zuvor haben die Junioren von Borussia Mön­chen­glad­bach in San Sebas­tian an einem Nach­wuchs­tur­nier teil­ge­nommen. Der mit­ge­reiste Dol­met­scher hatte den Ver­ant­wort­li­chen des Ver­eins gesagt: Wenn ihr mal einen Trainer braucht, nehmt den Krauss aus Mön­chen­glad­bach.“ Im Januar 1997 hat man mich dann tat­säch­lich ange­rufen und gefragt, ob ich mir das vor­stellen könne. Man hat mich ein­ge­laden, mir vor Ort alles anzu­schauen: Das Trai­nings­ge­lände, das Sta­dion und die Stadt. Das hat mir alles gut gefallen, und somit war es klar.

Konnten Sie denn spa­nisch?
Kein Wort. Zunächst habe ich zu Hause mit meiner Frau geübt, die hatte fran­zö­sisch und spa­nisch stu­diert. Aber das ging gar nicht (lacht). Dann habe ich Ein­zel­un­ter­richt genommen. Aber mit 40 ist es nicht mehr so leicht, eine neue Sprache zu lernen. Also habe ich auch in San Sebas­tian weiter Unter­richt genommen. Trotzdem brauchte ich zumin­dest im ersten Jahr die Hilfe eines Dol­met­schers. Und sport­lich lief es ja. Ich habe damals schon immer gescherzt: Viel­leicht liegt das Geheimnis unseres Erfolges darin, dass mich meine Spieler nicht ver­stehen.“

Kannten Sie die Mann­schaft?
Kaum. Da wir uns aber schon im Januar darauf geei­nigt hatten, dass ich den Verein zum Sommer über­nehme, hatte ich ein halbes Jahr Zeit, mir die Spiele der Mann­schaft anzu­schauen und nach und nach ihre Stärken und Schwä­chen ken­nen­zu­lernen.

Was waren die größten Unter­schiede zwi­schen Bun­des­liga und Pri­mera Divi­sion?
Zum einen die Spiel­weise. Die Mann­schaft spielte unter meinem Vor­gänger sehr defensiv. Eigent­lich spielten damals alle spa­ni­schen Mann­schaften so, wie es heute üblich ist, mit nur einem Stürmer. Ich aber wollte einen anderen Fuß­ball spielen lassen. So wie zuvor in Mön­chen­glad­bach, mit zwei Stür­mern, offensiv und viel über außen. Wir hatten mit Darko Kova­cevic einen Stürmer, der für diese Art Fuß­ball prä­de­sti­niert war. Im System mit nur einem Stürmer war er noch die ärmste Sau. Zum anderen war die Men­ta­lität der Spieler eine andere.

Haben Sie die typi­schen deut­schen Tugenden ver­misst?
Ganz im Gegen­teil. Der Respekt der Spieler war viel größer, als ich das aus der Bun­des­liga kannte. Da kam nie­mand auf die Idee eine Übung oder Auf­stel­lung zu hin­ter­fragen. Was ich als Trainer sagte, galt. Viel­leicht lag das auch an der beson­deren Situa­tion in San Sebas­tian. Ähn­lich wie bei Ath­le­tico Bilbao legte man Wert auf seine bas­ki­schen Wur­zeln, das schweißte zusammen. Die Regel war: Der Kader besteht aus Basken und Aus­län­dern. Spa­nier hin­gegen waren nicht gern gesehen. Als Kova­cevic 1999 für 20 Mil­lionen Mark zu Juventus Turin wech­selte, schlug ich unserem Prä­si­denten als Ersatz Fer­nando Mori­entes vor. Der war damals unzu­frieden bei Real Madrid und hätte gut zu uns gepasst. Der Prä­si­dent sagte nur: Aber Bernd, das geht nicht, der ist Spa­nier.“

Nach einer Serie von fünf sieg­losen Spielen in Folge war 1999 auch Ihre Zeit in San Sebas­tian beendet.
Sicher­lich lief die Saison bis dahin nicht nach Wunsch. Aber mir war klar, dass es schwer werden würde. Ich erin­nere mich noch, was ich Darko Kova­cevic zum Abschied gesagt hatte: Viel Glück in Turin. Aber in zwei Monaten schmeissen sie mich raus.“ Das lag nicht nur an den Ergeb­nissen. Es war auch viel Politik im Spiel. Hinter den Kulissen hatte der ehe­ma­lige spa­ni­sche Natio­nal­trainer, Javier Cle­mente, Stim­mung gemacht. Er war Baske, er wollte den Job und brachte die Mehr­heit des Prä­si­diums hinter sich.
Haben Sie heute noch Kon­takt zum Verein?
Zum Verein nicht. Aber die Men­schen haben mich nicht ver­gessen, das ist schön. Wenn ich durch die Stadt gehe, erkennen mich die Leute und spre­chen mich auf früher an. Und ich bin häufig dort, habe ein Haus ganz in der Nähe. Dann gehe ich natür­lich auch zu den Spielen. Am Samstag bin ich wieder da. Das Spiel gegen Lever­kusen werde ich also leider ver­passen.

Wie bewerten Sie die aktu­elle Mann­schaft?
Der Erfolg der letzten Saison war über­ra­gend. Denn eigent­lich ist San Sebas­tian eher eine Mann­schaft für das Mit­tel­feld. Das war auch schon zu meiner Zeit so. Aber es gibt immer wieder Aus­reißer nach oben, vor allem, weil die eigene Nach­wuchs­ar­beit so gut ist. Dass die Mann­schaft nicht durch die Grup­pen­phase der Cham­pions League mar­schieren würde, war aber auch klar. Die Teil­nahme war vor allem finan­ziell unheim­lich wichtig. Obwohl San Sebas­tian keiner dieser typi­schen spa­ni­schen Ver­eine ist, die ihren Erfolg auf Schulden begründen. Man hat eigent­lich immer solide gewirt­schaftet.

Wie schätzen sie den direkten Ver­gleich zwi­schen San Sebas­tian und Lever­kusen ein, und wie den Unter­schied zwi­schen der Pri­mera Divi­sion und der Bun­des­liga?
Von der indi­vi­du­ellen Qua­lität der Spieler ist Lever­kusen deut­lich besser auf­ge­stellt. Aber man darf meine Basken nie unter­schätzen. Die werden jeden­falls nichts her­schenken, nur weil es für sie um nichts mehr geht. Und was die Stärke der beiden Ligen anbe­langt bleibe ich dabei: Für mich ist die Pri­mera Divi­sion die stärkste Liga der Welt. Die Bun­des­liga ist stark, und das ganze Drum­herum hier­zu­lande ist besser, aber in der Breite ist die spa­ni­sche Liga doch noch stärker besetzt. Und ich kann das ganz gut ein­schätzen, ich ver­folge die Bun­des­liga natür­lich. Gerade ver­gan­genen Samstag war ich wieder im Sta­dion, beim Spiel Glad­bach gegen Schalke.

Über­rascht Sie das gute Abschneiden ihres Ex-Ver­eins, Borussia Mön­chen­glad­bach?
Ich habe schon vor der Saison gesagt, dass es für Europa rei­chen kann. Bayern, Dort­mund und Lever­kusen sind besser besetzt. Aber was danach kommt, ob Wolfs­burg oder Schalke, das ist doch qua­li­tativ kein großer Unter­schied zur Borussia. Die Ein­käufe vor der Saison waren sehr gut, da muss man ein Kom­pli­ment machen.

Haben Sie denn nach Glad­bach noch Kon­takt?
Die Ver­ant­wort­li­chen von damals sind ja inzwi­schen alle weg. Aber die Ordner kennen mich noch. Ich bin häu­figer im Borussia-Park. Da stehe ich dann mit meinen ehe­ma­ligen Spie­lern wie Karl-Heinz Pflipsen, wir schauen das Spiel und unter­halten uns.

In den letzten 13 Jahren waren Sie bei neun Ver­einen, meis­tens nicht mal ein Jahr. Warum dieser ste­tige Wechsel?
Da fragt ja nor­ma­ler­weise kein Mensch nach, aber es waren viele Sta­tionen dabei, bei denen ein­fach nicht bezahlt wurde. Wenn die Mit­ar­beiter und Spieler immer und immer wieder auf einen zukommen und fragen, wo ihr Geld bleibt, ver­liert man die Lust. So war es auch bei meiner letzten Sta­tion in Tune­sien. Da warte ich heute noch auf das Geld.

Sehen wir Sie denn noch mal als Trainer wieder?
Wenn die Leute wüssten, was für ein Feuer noch in mir brennt. Die meisten meinen, es wäre doch toll, soviel Zeit zu haben und ein­fach das Leben genießen zu können. Und das ist für ein paar Monate auch ganz nett. Aber es gibt ein­fach nichts Schö­neres, als die täg­liche Arbeit mit einer Mann­schaft. Aber in Deutsch­land ist es inzwi­schen schwierig geworden. Es sind ja viele junge Trainer nach­ge­kommen, die ihre Sache auch gut machen. Da gibt es nicht mehr so viele, die nach dem Krauss rufen.