Seite 2: „Jeder in Deutschland darf den Arbeitgeber wechseln“

Sie haben gesagt, dass Ihnen gegen­über von Jour­na­listen Grenzen über­treten wurden. Was hat Sie beson­ders ver­letzt?
Nur soviel: Man muss sich in dieser Branche ein wahn­sinnig dickes Fell zulegen. Vor ein zwei Jahren gab es einige Situa­tionen, auf die ich so nicht vor­be­reitet sein konnte.

Zum Bei­spiel?
Die Reak­tionen auf meinen Wechsel aus Dort­mund nach Mün­chen. Oder der Trubel bei der Welt­meis­ter­schaft. Das waren Situa­tionen, die ein junger Mensch schlecht ein­schätzen kann. Aber je länger ich in diesem Geschäft bin, desto genauer kenne ich die Abläufe und weiß, wie Medien funk­tio­nieren. Inzwi­schen weiß ich, wie ich mit sol­chen Momenten umgehen muss.

Fühlen Sie sich gene­rell im Fuß­ball­busi­ness wohl?
Im Busi­ness nur sehr bedingt. Mir gefällt das Spiel. Der Moment ins Sta­dion zu laufen, die Hymne zu hören, die vollen Ränge, die Fans. Davon habe ich schon als Kind geträumt.

Wie schaffen Sie es, sich vom ganzen Brim­bo­rium, das heute um Spieler Ihrer Kate­gorie gemacht wird, nicht ablenken zu lassen.
Ich glaube, da gibt es keine psy­cho­lo­gi­schen Tricks oder sons­tige Methoden. Sowas kann ich nur erleben und ver­su­chen, meine Schluss­fol­ge­rungen daraus zu ziehen. 

Haben Sie eine Erklä­rung dafür, warum Sie von den Medien oft als unnahbar beschrieben werden?
Ich war sehr ver­wun­dert dar­über, es ist schon eigen­artig zu sehen, was da in einen hinein inter­pre­tiert wird. Mir fällt auf, dass von Medien jede ein­zelne kleine Situa­tion sofort beur­teilt wird, auch ohne dass man sich ein umfas­sendes Bild von mir gemacht hat. Ich kann nur sagen, dass ich privat sehr gerne unter Men­schen bin.

Sie kennen die Geschichte von Sebas­tian Deisler, der mental mit den Anfor­de­rungen des Busi­ness nicht zurecht gekommen ist. Was können Sie in Ihrer Situa­tion von seiner Vita lernen?
Ich habe seine Bio­gra­phie gelesen, nicht zuletzt, weil mich auch inter­es­siert, welche Per­spek­tive er auf diesen Job hat. Mich hat auch inter­es­siert, wie es sich bei Sebas­tian so ent­wi­ckeln konnte und ob ich daraus für mich etwas ableiten kann.

Und?
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich ein anderer Typ bin, deut­lich gefes­tigter. Ich kann jeden­falls guten Gewis­sens sagen, dass die posi­tiven Seiten in meinem Leben als Fuß­baller deut­lich über­wiegen und dass ich noch nie das Gefühl hatte, dass mir alles zu viel wird oder ich nicht mehr weiß, wie ich mit einer Situa­tion umgehen soll.

Experten loben Ihre unge­heure Stress­re­sis­tenz auf dem Rasen, was Druck­si­tua­tionen anbe­trifft. Sie haben immer eine Lösung anzu­bieten. Haben Sie diese Stress­re­sis­tenz auch im Leben?
Ich ver­suche mein Leben ent­spannt anzu­gehen. Wenn mir vor fünf Jahren einer vor­aus­ge­sagt hätte, was sich alles ereignen würde, hätte ich ihn für ver­rückt erklärt. Ich bin total glück­lich, wie es gelaufen ist. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, übe es auf höchster Ebene aus. Da kann ich die wenigen nega­tiven Begleit­erschei­nungen locker ertragen. 

Sind Sie den­noch nach den Reak­tionen auf Ihren Wechsel nach Mün­chen miss­traui­scher geworden?
Die Aus­maße konnte nie­mand erahnen. Jeder in Deutsch­land darf den Arbeit­geber wech­seln, inso­fern war es für mich schwer zu ver­stehen, warum mir das nicht zuge­standen wird. Jeden­falls bin ich mit der Ent­schei­dung nach wie vor sehr zufrieden.

Im Zuge des Wech­sels hatten Sie mit meh­reren Ver­let­zungen zu kämpfen. Gab es da einen kau­salen Zusam­men­hang zu den Que­relen?
Im Fuß­ball wird vieles im Kopf ent­schieden. Natür­lich ist dieser Zusam­men­hang nicht nach­weisbar. Aber dass auch der Wechsel eine Rolle spielte, als ich mich gegen Real Madrid ver­letzte, kann ich auch nicht aus­schließen.

Vor zwei Jahren hatten Sie mit einer Scham­bein­ent­zün­dung zu kämpfen. Es war der erste Rück­schlag in einer Kar­riere, die bis dato völlig glatt gelaufen war. Es folgten ein Mus­kel­fa­ser­riss und ein Kap­sel­riss. Haben Sie diese Rück­schläge nach­denk­li­cher gemacht?
Zumin­dest haben sie mir gezeigt, wie schnell in diesem Busi­ness alles gehen kann. Als Fuß­baller bekommt man auto­ma­tisch eine andere Per­spek­tive auf den Job, wenn man nicht auf dem Platz stehen kann. Ich habe gerade mit Thiago (Alcan­tara, d.Red.) dar­über gespro­chen, wie glück­lich er sich fühlt, end­lich wieder mit der Mann­schaft zu trai­nieren. 

Es war zu lesen, dass Sie teil­weise sogar noch im Anschluss an Spiele indi­vi­du­elle Trai­nings­ein­heiten machen, um mehr Physis und Robust­heit auf­zu­bauen.
Das wird auch über­trieben. Nach 90 Minuten in der Cham­pions League geht kein Mensch mehr in den Fit­ness­raum. Aber natür­lich muss ich an meinem Körper arbeiten. Fuß­ball ist ein Kon­takt­sport, in dem es darum geht, sich durch­zu­setzen. Ich mache viel Fit­ness, Stret­ching und auch Yoga. Und wenn ich nicht ein­ge­setzt werde, kann es vor­kommen, dass ich auch am Spieltag eine Ein­heit absol­viere.

Wo sind Sie im Trai­ning am meisten bei sich?
Beim Spiel mit dem Ball. Fünf gegen zwei. Kleine Tur­niere. Es muss nicht unbe­dingt Lauf­trai­ning sein. (Lacht.)