Albert Bun­jaku, ver­zeihen Sie die Nach­frage gleich zu Beginn, aber so wirk­lich sicher sind wir uns nicht: sind Sie Schweizer, Kosovo-Albaner, Albaner, Koso­vare oder gar Jugo­slawe?
Ich bin in Gjilan, einer Stadt im Süd­osten des Kosovos geboren und des­halb gebür­tiger Koso­vare. Als ich sieben Jahre alt war, 1991, zog ich mit meiner Mutter und meinen beiden Brü­dern in die Schweiz, wo mein Vater bereits arbei­tete. Inzwi­schen habe ich längst die Schweizer Staats­bür­ger­schaft. Einen koso­va­ri­schen Pass besitze ich gar nicht mehr.

Haben Sie noch Erin­ne­rungen an Ihre Geburts­stadt Gjilan?
Natür­lich. Als Kinder hatten wir eine Menge Spaß, ich bin dort auch ein­ge­schult worden. Das erste Jahr in der Schule ver­gisst man nicht so schnell.

Und selbst­ver­ständ­lich kennen Sie noch jeden Bolz­platz in Gjilan.
Im Gegen­teil: Als kleiner Junge spielte Fuß­ball über­haupt keine Rolle in meinem Leben. Wir spielten Fangen, ich ver­suchte mich im Bas­ket­ball oder Tisch­tennis. Zum Fuß­ball kam ich erst ver­hält­nis­mäßig spät: Mit elf oder zwölf Jahren. Aber auch nur, weil alle meine Kum­pels plötz­lich im Verein spielten.

Da wohnten Sie bereits seit einigen Jahren in der Schweiz. Wie war der Umzug für Sie?
Schon der Flug von Pris­tina, der Haupt­stadt Kosovos, nach Zürich war für mich als kleiner Junge ein Aben­teuer. Ich war zuvor noch nie geflogen und nun saß ich in diesem großen Teil und lan­dete auf dem Züri­cher Flug­hafen, der mir damals riesig erschien. Wir wohnten in Fahr­weid, nord­west­lich von Zürich. Ich erin­nere mich noch, dass die Straßen so viel besser und sau­berer waren als bei uns im Kosovo.

Wie haben Sie die Sprach­bar­riere über­wunden?
Mein zwei Jahre älterer Bruder wurde direkt in einen Deutsch­kurs gesteckt, ich merk­wür­di­ger­weise nicht. Man schickte mich in die zweite Klasse. Die Leh­rerin redete und redete und ich ver­stand nicht ein Wort! Ich emp­fand die Situa­tion aber eher als lustig, nicht als abschre­ckend. Weil ich der ein­zige Koso­vare in meiner Klasse war, lernte ich dann auch sehr schnell Deutsch.

Haben Sie sich als Fremder gefühlt?
Ganz am Anfang schon, schließ­lich ver­stand ich meine Mit­men­schen nicht. Alles war neu und damit fremd. Ich war fremd. Aber als kleiner Junge gewöhnt man sich schnell an die neue Situa­tion und außerdem hatte ich das Glück, von meinen neuen Mit­schü­lern sehr schnell akzep­tiert zu werden.

Wie würden Sie den Begriff Inte­gra­tion“ defi­nieren?
Inte­gra­tion bedeutet für mich, dass man offen ist für andere Kul­turen, andere Bräuche, Sitten und Spra­chen. Dass man bereit ist, alles, was anders ist, an sich heran zu lassen. So hat es jeden­falls bei mir und meiner Familie funk­tio­niert.

Als 1998 der Kosovo-Krieg begann waren Sie 14. Wie sehr war der bewaff­nete Kon­flikt in Ihrer Heimat Thema im Hause Bun­jaku?
Da wir viele Ver­wandte und Bekannte haben, die in den dama­ligen Kri­sen­re­gionen lebten, war der Krieg in dieser Zeit natür­lich all­ge­gen­wärtig. Immer wieder hörten wir schlimme Geschichten und das machte mich natür­lich betroffen.

2006 wech­selten Sie vom FC Schaff­hausen zum SC Pader­born, seitdem leben und arbeiten Sie in Deutsch­land. Wie sehr unter­scheiden sich Deut­sche und Schweizer?
Ach, der größte Unter­schied zwi­schen beiden Län­dern sind für mich die Preise für Lebens­mittel. Ansonsten sind sich Schweizer und Deut­sche schon sehr ähn­lich.

Schon nach einem halben Jahr in Pader­born wech­selten Sie zu Rot-Weiß Erfurt. Ein Aus­länder in einer ost­deut­schen Stadt – hatten Sie Bedenken bezüg­lich der Kli­schees über den mit­unter aus­län­der­feind­li­chen Osten?
Viele Freunde haben mich damals gewarnt, aber in meinen drei Jahren in Erfurt habe ich nur gute Erfah­rungen gemacht. Die Stadt ist wun­der­schön und die Men­schen sehr freund­lich. Natür­lich hatte ich auch einen beson­deren Status als Fuß­baller. Aber ich hatte nie den Ein­druck, in Erfurt nicht will­kommen zu sein.

Heute ist Welttag gegen Ras­sismus“ – mussten Sie sich jemals mit ras­sis­ti­schen Vor­be­halten aus­ein­an­der­setzen?
Als Fuß­baller in Deutsch­land eigent­lich noch nie. Als Kind und Teen­ager in der Schweiz ist das durchaus mal vor­ge­kommen. Ich erin­nere mich an eine Mas­sen­schlä­gerei wäh­rend einer Früh­lings­party zu meiner Schul­zeit, an der auch einige gebür­tige Kosovo-Albaner betei­ligt waren. Ich aller­dings nicht. In den Tagen danach beschwerten sich viele in der Stadt über die Drecks-Albaner“. Mir war das sehr unan­ge­nehm, ich schämte mich auch für meine Lands­leute.

Sie haben keinen kosovo-alba­ni­schen Pass mehr – wie wichtig ist Ihnen noch Ihre Her­kunft?
Sehr wichtig. Mein Sohn ist jetzt fünf und ich ver­suche, nur auf Alba­nisch mit ihm zu spre­chen. Er soll wissen, woher sein Vater kommt, wo er seine Wur­zeln hat. Meine Tochter ist erst sechs Monate alt, da bringt das noch nicht viel.

Ihr Frau haben Sie in der Schweiz ken­nen­ge­lernt – auf wel­cher Sprache unter­halten Sie sich mit ihr?
Meine Frau ist Schwei­zerin, hat aller­dings einen kosovo-alba­ni­schen Vater und eine slo­wa­ki­sche Mutter. Wir beide kom­mu­ni­zieren auf schwei­zer­deutsch, meine Frau spricht mit meinem Sohn aller­dings auf hoch­deutsch. Unser Junge bekommt zu Hause also das kom­plette Pro­gramm geboten!

Welche Sprache gefällt Ihnen per­sön­lich am besten?
Alba­nisch. Viele finden, dass die Sprache sehr schroff und hart klingt. Aber es gibt sehr viele schöne Wörter in meiner Hei­mat­sprache, glauben Sie mir.

Schon mal die Gegen­spieler auf Alba­nisch belei­digt?
Natür­lich.

Was tun Sie, um Ihre koso­va­ri­sche Her­kunft nicht zu ver­gessen?
In letzter Zeit lese ich sehr viele alba­ni­sche Bücher, um meine Sprach­kennt­nisse auf­zu­fri­schen. Das ist sehr unter­haltsam. Und wenn ich mal nichts ver­stehe, frage ich eben bei meinem Eltern nach.

Worum ging es in Ihrem letzten Buch?
Eine Art kosovo-alba­ni­sche Hel­den­saga. Sehr inter­es­sant.

Wann steht der nächste Besuch in Ihrem Geburts­land an?
Ich hoffe, in diesem Sommer. Mein Kleiner soll dort beschnitten werden, das gibt tra­di­tio­nell ein großes Fest mit allen Ver­wandten und Freunden. Ich freue mich schon auf die Heimat.