Alex Ros­a­milia, ist der FC St. Pauli noch Punk­rock?
Ver­dammt, was meinst du damit?

Im offi­zi­ellen Store gibt es Lätz­chen mit dem Toten­kopf, Tür­matten, Bade­enten, Teller, Luft­gi­tarren und Brot­dosen. Der Spagat zwi­schen Ver­kauf und Aus­ver­kauf, zwi­schen not­wen­diger Wirt­schaft­lich­keit und exzes­siver Kom­mer­zia­li­sie­rung beschäf­tigt den Klub seit geraumer Zeit.
Sogar Bade­enten? Das ist echt hart. Dann ist die Frage wahr­schein­lich berech­tigt. Aber fuck it, making money, das ist auch Punk­rock. Das gehört zur Geschichte des Punk­rock dazu. Meinem Hund habe ich ja auch einen St. Pauli-Ball gekauft. Man braucht diesen Scheiß gar nicht, will ihn aber trotzdem. Solange sich der Verein nicht kom­plett ver­kauft und weiter an seinen Werten fest­hält, geht das klar.

Sind Sie wegen dieser Werte Fan des FC St. Pauli?
Fuß­ball mag ich schon, seit ich klein bin. Ich schaue etliche Spiele im TV. Und mit The Gas­light Anthem touren wir natür­lich viel durch Europa. Eines Tages kam Ian, unser Roadie und eben­falls ein Fuß­ball­freak, ange­trabt und meinte: Ey, Alex, diesen Verein wirst du lieben!“ Ich dachte mir: Naja, okay, mal schauen.“ Dann sah ich das Toten­kopf-Logo und begann zu ver­stehen.

Was zu ver­stehen?
Den Geist, die Idee. Ich beschäf­tigte mich inten­siver mit dem Verein und las über die poli­ti­sche Ver­zah­nung in der Kurve, über die Hafen­straße, über das anti­fa­schis­ti­sche, anti­ras­sis­ti­sche und anti­se­xis­ti­sche Enga­ge­ment. Damit konnte ich mich iden­ti­fi­zieren. Seither bin ich Fan.

The Gas­light Anthem spielen welt­weit Kon­zerte. Wenn keine Tournee ansteht, sitzen Sie im Studio in den USA und arbeiten an einer neuen Platte. Wie leben Sie Ihr Fantum aus?
Die 2. Bun­des­liga ist nicht gerade groß bei uns. Bei mir läuft das Fan­sein vor allem über den Live­ti­cker im Smart­phone, und wenn es zeit­lich passt, streame ich mir die Spiele. In Zukunft wird aber alles besser: Ich habe erfahren, dass es in New York eine Bar geben soll, die den FC St. Pauli zeigt. Sobald die Tour vorbei ist, checke ich das.

Klingt den­noch nicht gerade befrie­di­gend.
Hey, immerhin hatte ich neu­lich meine Sta­dion-Pre­miere. Als St. Pauli im Pokal beim VfB Stutt­gart spielte, stand ich in der Kurve. Das war… naja, ziem­lich scheiße fürs erste Mal. (Stutt­gart gewann mit 3:0, d. Red.)

Diversen Umfragen zufolge ist der FC St. Pauli einer der popu­lärsten Klubs Deutsch­lands. Das Image vom ewigen Underdog, vom Hort alter­na­tiver Gegen­kultur zieht nach wie vor in seinen Bann. Auch Ihre Band ist mit dem vierten Album in der Chart­spitze ange­kommen. Wie cool ist Main­stream?
Diese Men­ta­lität, etwas plötz­lich weniger cool zu finden, nur weil es viele andere cool finden, habe ich nie ver­standen. Was soll das? Das ist doch auf­ge­bla­sene Koket­terie. Wenn dich plötz­lich die fal­schen Leute mögen, dann muss man sich hin­ter­fragen. Aber wenn dieser Verein so ein Echo findet wegen der Prin­zi­pien, für die er steht, dann ist das doch nicht falsch!

Man sieht Sie nie ohne Toten­kopf-Mütze. Haben Sie keine Angst vor einer frühen Glatze?
Eigent­lich schon, aber schau mal, hier… (lüftet die Mütze: schwarzes, volles Haar) … ich glaube, das ist noch okay. Ich liebe diese Mütze nunmal, und ich sehe mich als Bot­schafter des Ver­eins. So etwas wie die poli­ti­sche Idee beim FC St. Pauli würde es im ame­ri­ka­ni­schen Sport nie­mals geben.

Wie fallen denn die Reak­tionen aus, wenn Sie in Detroit, Michigan oder Phil­adel­phia auf­treten und die braun-weiße Flagge über den Ver­stärker hängen?
Durchweg positiv. Aber zwangs­läufig kommt die Frage: Sind die schon mal Meister geworden? Taugen die denn was? Geht schon, nuschel‘ ich dann und ver­drücke mich mit einer Aus­rede in die andere Ecke des Raumes. Der Klub soll sich nicht ver­än­dern und ver­äu­ßern, aber eine Tro­phäe wäre schon ganz nett (lacht). Meis­ter­schaft, Pokal, egal. Damit ich auch mal angeben kann.

The Gas­light Anthem stammen aus New Jersey, der Stadt von Bruce Springsteen. Für ein paar Gigs haben Sie ihn sogar als Spe­cial Guest auf die Bühne geholt. Ist der Boss bereits Fan vom FC St. Pauli?
Ver­dammt, leider nicht. Er ist sofort nach den Auf­tritten ver­schwunden. Ein beschäf­tigter Mann. Ich habe mit Springsteen ganze neun Sekunden geredet. Mehr war nicht drin. Fuß­ball ist als Thema in der Musik­szene ohnehin nicht beson­ders salon­fähig. Des­halb bin ich immer begeis­tert, wenn wir durch Europa touren, wo ich mich mit anderen Nerds unter­halten und Sta­tis­tiken abfragen kann.

Die USA sind keine Fuß­ball­na­tion.
Genau. Aber ich hatte Freunde mit ita­lie­ni­schen Wur­zeln, die mich früh für den Fuß­ball begeis­tert haben. Base­ball? Fuck No! Bas­ket­ball? Fuck No! Ich wollte auf der Straße kicken oder im Park oder sonstwo. In den USA zeigen sie, Gott weiß warum, die Sonn­tags­spiele der Serie A. Als kleiner Junge schaute ich also ita­lie­ni­sche Liga und wurde Juve-Fan. Es waren die frühen Neun­ziger, vorne stürmten Baggio und Rava­nelli. Der Zopf und der Graue! Es ging gar nicht anders.

Roberto Baggio ging 1995 zum AC Mai­land, Fabrizio Rava­nelli wech­selte nur ein Jahr später zum FC Midd­les­brough in die Pre­mier League. Der Turiner Traum­sturm war gesprengt, Sie wurden New­castle-Fan.
Ich folgte Rava­nelli gedank­lich auf die Insel. New­castle United sagte mir zu, weil sie das gleiche Trikot wie Juventus trugen. Mehr nicht. Manchmal sind Fan­wer­dungen völlig irra­tional.

Wie irra­tional ist die MLS?
Es ist besser geworden. Die Liga ist heute wett­be­werbs­fä­higer und span­nender. Das war das große Pro­blem früher: Zuschauen brachte keinen Spaß, weil die Spieler schlecht waren und die Sta­dien leer. Heute sorgen Stars wie Beckham und Henry, auch wenn sie zuge­ge­be­ner­maßen über ihren Zenit sind, für Strahl­kraft, und in ihrem Schatten gedeiht die MLS.

Fuß­ball und Pop beein­flussen ein­ander schon seit Jahr­zehnten. Es gibt musi­zie­rende Spieler und spie­lende Musiker. Über die Erträge lässt sich treff­lich streiten. Der beste Fuß­ball­song, den Sie kennen?
Mein Pro­blem ist, dass ich oft nur die Melo­dien kenne, aber nicht den exakten Text der Chants in den Sta­dien. Und in der MLS ist diese krea­tive Kur­ven­kultur, wie sie in Europa exis­tiert, noch nicht ange­kommen. Bei uns singen die Leute nur: Hey, ho, let’s go!“ Ich weiß aber, dass der FC St. Pauli zu Hell’s Bells von ACDC ein­läuft. Ist zwar kein Fuß­ball­song im eigent­li­chen Sinne, funk­tio­niert aber wun­derbar.

Mit wel­chem Spieler würden Sie einen Punk­song auf­nehmen?
Ganz klar: Vinnie Jones.

Und aus dem aktiven Geschäft?
Ach, die Spieler sind heute zu glatt­ge­bü­gelt. Ich meine, es müssen Karten für Schwalben gegeben werden. Das sagt doch alles. Also … (denkt nach) … schwierig … (denkt lange nach) … ah, natür­lich: Mario Balo­telli! Der Typ trägt einen Iro und gibt einen abso­luten Scheiß­dreck darauf, was die Leute von ihm denken. Er ist der ein­zige, der noch nach alter Schule tickt. Balo­telli ist Punk­rock.

Alex Ros­a­milia, Happy Tom-Seltzer von Tur­bonegro hat mal gesagt: St. Pauli is the team for the beau­tiful losers, for the sailors, pimps, whores and poets.“
Dem ist nichts hin­zu­zu­fügen. Ver­dammt gut gesagt. Amen.