Seite 2: Ein aschfahler Rummenigge

Prompt zischt Getafe-Prä­si­dent Àngel Torres Sán­chez: Wir haben neun Natio­nal­spieler. Viel­leicht bescheren wir Becken­bauer eine schlechte Erin­ne­rung und geben ihm ein Auto­gramm.“ Damit ist der Nähr­boden bereitet für ein Duell, das his­to­risch wird (und Rau­cher­pausen ver­schiebt). 

Die Bayern haben im Uefa Cup zu Giganten wie Braga, Salo­niki und Aber­deen hin­ab­steigen müssen, in der Grup­pen­phase hatte ein 2:2 gegen Bolton das Ende von Trainer Ottmar Hitz­feld ein­ge­leitet, indem Karl-Heinz Rum­me­nigge in seinem ihm eigenen Takt­ge­fühl anmerkte, dass Fuß­ball nicht wie Mathe­matik funk­tio­niere. Der Mathe­ma­tik­lehrer Hitz­feld ertrug es mit pro­fes­sio­nellem Prag­ma­tismus. 

Kläg­liche Über­le­gen­heit und großes Drama

Als sich Getafe in der Allianz Arena vor­stellt, Anfang April, ist längt klar, dass Jürgen Klins­mann die Bayern-Zukunft sein soll. Löb­li­cher­weise hat der Som­mer­mär­chen-Dreh­buch­autor die Sonne Kali­for­niens für Münchner Dau­er­regen ein­ge­tauscht, auf der Tri­büne beob­achtet er, wie Getafe in der Nach­spiel­zeit den Aus­gleich schießt. 1:1 daheim – im Prinzip bereits eine Bla­mage.

Eine Woche später, Rück­spiel im Vorort. Nach fünf Minuten fliegt Getafes wich­tigster Abwehr­mann vom Platz, und die Bayern befinden sich in Über­zahl. Was sie aller­dings mit ihrer nume­ri­schen Über­le­gen­heit anstellen, ist derart kläg­lich, dass diese Partie sehr schnell sehr tief in den Ver­drän­gungs­pro­zess des Ver­ges­sens geplumpst wäre, wenn sie nicht ein paar Pointen und, hin­ten­raus, das ganz große Drama ver­sam­melt hätte. 

Ein asch­fahler Rum­me­nigge

Zuvor wird Getafe, die sym­pa­thisch-bie­dere Dame, immer mutiger. Sie wählt das Essen, bean­sprucht die meiste Rede­zeit und steht schließ­lich kurz davor, die Rech­nung zu über­nehmen. Die Rech­nung! 2008 hin, 2018 her, Eman­zi­pa­tion schön und gut – aber wel­cher anstän­dige Kava­lier lässt die Dame beim ersten Date bitte bezahlen? Hatten die Bayern, Herr­schafts­zeiten, denn alles ver­lernt? 

Es scheint so. In der 44. Minute häm­mert Cosmin Contra einen Schuss über Kahn ins Tor. Lau­drup feixt, Becken­bauer schweigt. Auf den Rängen drän­gelt sich der Hoch­adel – Fritz von Thurn und Taxis, Juan Carlos I. -, irgend­wann raunt Spa­niens König dem asch­fahlen Rum­me­nigge etwas ins Ohr. Er hat zu mir gesagt: ›It’s a great game.‹ Ich hatte zwar eine andere Mei­nung, aber dem König darf man nicht wider­spre­chen.“ 

Andern­tags schreibt der Tages­spiegel“ poe­tisch vom Zauber der Zufäl­lig­keit“, Ribérys Vol­ley­ab­nahme in der Schluss­mi­nute leistet einen Bei­trag. 1:1. Ver­län­ge­rung. Es wird wild.