Das Hardt­wald­sta­dion hat einen engen Kabi­nen­gang, in der Umkleide führt rechts ein Weg zu den Mas­sa­ge­bänken. Hierher hat Manuel Rie­mann gebeten, in die No-go-Area sozu­sagen. Doch es geht nicht anders, denn der Kalender ist mit zwei anderen Ter­minen voll­ge­packt. Die Mas­sage nach dem Trai­ning absagen, kommt nicht infrage; das Inter­view abblasen, nein, das will Rie­mann auch nicht. Also muss beides irgendwie gleich­zeitig gehen. Eine Phy­sio­the­ra­peutin knetet Rie­manns Ober­schenkel durch, er liegt auf dem Rücken, das Vor­mit­tags­trai­ning ist vor wenigen Minuten zu Ende gegangen. Es ist ein spe­zi­eller Rahmen für eine spe­zi­elle Geschichte. Die Geschichte vom Spiel seines Lebens.

Manuel Rie­mann ist Tor­wart beim SV Sand­hausen. Vor dieser Saison kam er vom Dritt­li­gisten VfL Osna­brück. Einen Zweit­li­ga­ein­satz hatte er vor seinem Enga­ge­ment in Sand­hausen in seiner Vita stehen, außerdem 32 Regio­nal­liga- und 117 Dritt­liga-Spiele. Eine Profi-Kar­riere abseits der Schein­werfer. Und den­noch war Rie­mann vor sechs Jahren für kurze Zeit ein großer Star, Medi­en­phä­nomen, deutsch­land­weites Gesprächs­thema.

6. August 2007. Der SV Wacker Burg­hausen trifft im DFB-Pokal auf den FC Bayern Mün­chen. Es ist das letzte Spiel der ersten Runde, ein Mon­tag­abend­spiel. Der FC Bayern hat ordent­lich auf­ge­rüstet und seine neuen Stars alle­samt im Gepäck. Franck Ribery bestreitet sein erstes Pflicht­spiel für den Rekord­meister, Miroslav Klose eben­falls. Alles andere als ein deut­li­cher Sieg gegen die gerade aus der zweiten Liga abge­stie­genen Burg­hau­sener scheint aus­ge­schlossen. Doch es kommt anders. Weil sich Manuel Rie­mann, der gerade erst Stamm­keepper in Burg­hausen geworden ist, den unzäh­ligen Angriffen des Rekord­meis­ters mit allem ent­ge­gen­wirft, was er zu bieten hat. Der kicker“ zählt fünf Paraden des gerade einmal 18 Jahre alten Wacker-Tor­hü­ters – zwi­schen der 17. und 27. Minute. Auch nach dem Sei­ten­wechsel geht es so weiter, Rie­mann scheint ein­fach nicht zu über­winden.

Zwei Paraden, ein Treffer – gegen Kahn

Es waren auch viele Bälle dabei, die ich ein­fach halten musste“, sagt Rie­mann heute nüch­tern zu seiner Leis­tung. Dann ver­zieht er schmerz­ver­zerrt das Gesicht. Die Phy­sio­the­ra­peutin kennt keine Gnade. Und wenn man einmal drin ist in so einem Spiel“, sagt er, wenn ein Angriff nach dem nächsten auf einen zurollt, dann ist es für einen Tor­hüter auch ein­fa­cher, über sich hin­aus­zu­wachsen.“

Als Burg­hausen durch Thomas Neu­bert über­ra­schend in Füh­rung geht, liegt plötz­lich sogar eine Sen­sa­tion in der Luft. Einmal jedoch ist Rie­mann machtlos. Miroslav Klose köpft den Aus­gleich. Es geht in die Ver­län­ge­rung. Danach ins Elf­me­ter­schießen. Und die Rie­mann-Show geht in die finale Phase. Er pariert die Elf­meter Argen­ti­nier José Sosa und Martin Demi­chelis. Schließ­lich schreitet er selbst zum Punkt – und lässt Oliver Kahn keine Chance.

Der fünfte Wacker-Schütze Markus Pal­lionis kann Burg­hausen eine Runde weiter schießen, die Sen­sa­tion ist zum Greifen nahe. Doch nun fühlt sich Oliver Kahn ange­sta­chelt, pariert erst diesen, dann den nächsten Elf­meter. Weil Chris­tian Lell zwi­schen­durch getroffen hat, schrammt der FC Bayern haar­scharf an einer Bla­mage vorbei und kommt eine Runde weiter. Ein paar Monate später gewinnt er den Pokal. Und Rie­mann? Er ist irgendwie der Held des Abends, doch auch einer der Ver­lierer. Er schüt­telt sich, wird für seine Paraden im Sta­dion gefeiert, grüßt vor lau­fenden Kameras seine Freundin und seine Familie und fährt nach Hause.

Als Rie­mann einen Tag später vor dem Trai­ning die Kabine betritt, traut er seinen Augen nicht. Plötz­lich lagen da knapp 200 Briefe, alle­samt an mich gerichtet. Fan­post. Da wurde mir so langsam klar, dass die Sache doch noch nicht zu Ende war.“ Eine rich­tige Ein­schät­zung. Es ist ein unge­ahnter Medi­en­an­sturm, der auf den jungen Dritt­liga-Tor­hüter ein­pras­selt. Die Bild“ wit­tert die Mög­lich­keit, mit der Geschichte des neuen Tor­wart­s­u­pers­ta­lents für die kom­menden Wochen ihre Seiten zu füllen, auch die Süd­deut­sche Zei­tung“ macht ihn zum Thema, der Spiegel“ ebenso. Und Rie­mann macht mit. Bereit­willig gibt er Aus­kunft, behauptet frech, dass die Natio­nal­mann­schaft sein Ziel ist, holt seine Freundin Tina zu einem Foto­shoo­ting hinzu und ver­mit­telt ihr sogar ein Inter­view mit der Bild“-Zeitung.

Das Lob kommt sogar von höchster Stelle: Da stand einer im Tor, der hat einen Magneten im Hand­schuh“, sagt Uli Hoeneß. In Burg­hausen erzählt man sich her­nach lange, der Mün­chener Macher habe sich eigen­händig die Nummer Rie­manns besorgt. Mein Ziel ist die Bun­des­liga. Wenn’s irgend­wann mit den Bayern klappt, hätte ich nichts dagegen“, sagt Rie­mann eupho­ri­siert durch seine fan­tas­ti­sche Leis­tung frech zu seinen wei­teren Kar­rie­re­plänen. Doch Hoeneß ruft nie an.

Damals hat es mir gefallen“

Im Sep­tember 2013 liegt Rie­mann auf einer Mas­sa­ge­bank in Sand­hausen und schmun­zelt dar­über. Ein Profi nach dem nächsten ver­lässt die Kabine, für einige stehen noch Foto­ter­mine für einen Sponsor an. Die laute Musik aus dem Umklei­de­be­reich ist im Mas­sa­ge­raum kaum zu hören. Manuel Riemman wird deut­lich. Heute würde ich das nie wieder so machen. Pri­vates muss privat bleiben.“ Die Ansage kennt keine zwei Inter­pre­ta­tionen. Aber damals hat es mir gefallen.“

Zu ver­übeln ist ihm das nicht. Die Bild“ bezeichnet den Jung­spund in diesen Tagen als Mini-Titan“, die Süd­deut­sche“ nennt ihn sogar schon den neuen Tor­wart-Titan“. Oliver Kahn war in der Jugend Rie­manns Vor­bild gewesen. Alleine das Lob, das er vom Natio­nal­keeper nach dem Pokal­spiel erhält, dient als Aus­zeich­nung für die Ewig­keit. Dass Kahn Rie­mann sein Trikot in die Kabine bringen lässt, stei­gert das Glücks­ge­fühl weiter. Und plötz­lich auch noch Kahns Nach­folger sein? Rie­mann schmei­chelt das. Als Profi muss man sich doch immer die höchsten Ziele setzen. Ich bin noch keine 35. Mein Ziel ist immer noch die Bun­des­liga“, sagt er. Gegen die Bayern hätte ich immer noch nichts.“

Doch es gibt damals auch eine andere Seite dieser über­mä­ßigen Bericht­erstat­tung. Plötz­lich rauscht etwa die Summe seines monat­li­chen Gehalts in Burg­hausen durch den Blät­ter­wald: 3000 Euro brutto. Natür­lich war das frei erfunden, aber was hätte ich dagegen machen sollen?“ Als der Hype auch nach einer Woche nicht weniger zu werden scheint, zieht er einen Schluss­strich. Ich habe von heute auf morgen auf­ge­hört, Inter­views zu geben.“ Das Bayern-Spiel landet in der Schub­lade.

End­lich in Runde zwei

4. August 2013. Manuel Rie­mann hat in den ver­gan­genen Jahren Ver­let­zungen weg­ge­steckt, Selbst­zweifel über seine Leis­tungs­fä­hig­keit gehegt, mit Gewichts­pro­blemen zu kämpfen gehabt. Nun, nach seinem Wechsel vom VfL Osna­brück nach Sand­hausen, ist er auf­ge­stiegen – 2. statt 3. Liga. Sein erstes Pflicht­spiel für den SV aber bestreitet er im DFB-Pokal. An einem Mon­tag­abend. Erste Runde. Gegner ist der 1. FC Nürn­berg. Ein Hauch von 2007 liegt in der Luft.

Wieder geht es ins Elf­me­ter­schießen. Wieder wächst Rie­mann mit zwei Paraden über sich hinaus. Und diesmal nimmt die Geschichte ein glück­li­ches Ende. Der SVS bezwingt den FCN und zieht in die zweite Runde ein. Rie­mann wird als Pokal­held gefeiert. Schon wieder. Ob er ein Elf­me­ter­killer sei? Ich bin Tor­hüter, da muss man auch manchmal einen Elf­meter parieren“, spielt Rie­mann alles runter. An das Bayern-Spiel will er im Zusam­men­hang mit dem Wei­ter­kommen gegen Nürn­berg übri­gens nicht gedacht haben. Nein, ich wollte ein­fach nur mal in die zweite Runde kommen, dafür hatte es in meiner Kar­riere noch nie gereicht.“ Diesmal schon. Und mit der dritten könnte es auch was werden, schließ­lich ist der SV beim Regio­nal­li­gisten SC Wie­den­brück klarer Favorit.