Ver­gan­gene Woche hatte Willi Lemke wieder seine fünf Minuten. Der lang­jäh­rige Manager des SV Werder und Expo­nent der großen Erfolge unter Trainer Otto Reh­hagel leidet seit dem Abschied von der sport­li­chen Ent­schei­dungs­ebene 1999 unter einem Auf­merk­sam­keits­de­fizit. Des­halb geriert sich der SPD-Poli­tiker in aller Regel­mä­ßig­keit als sor­gender Klub-Patri­arch, der Denk­an­stöße lie­fert, damit die han­delnden Köpfe am Weser­sta­dion nicht in Selbst­ge­fäl­lig­keit erstarren.

Aktuell geht es um die Ver­trags­ver­län­ge­rung seines Nach­fol­gers Frank Bau­mann. Werder-Auf­sichts­rats­chef Marco Bode möchte gern früh geord­nete Ver­hält­nisse schaffen und den im Sommer aus­lau­fenden Kon­trakt mit dem Geschäfts­führer Sport erneuern. Willi Lemke hält diese Ent­schei­dung jedoch für einen Affront“ gegen­über den Mit­glie­dern und dem neuen Auf­sichtsrat, dessen Wahl wegen Corona auf April 2021 ver­schoben worden ist. Zudem wirft der 72-jäh­rige Funk­tio­närs­ve­teran der Füh­rung nach­läs­siges wirt­schaft­li­ches Han­deln vor, weil Werder noch immer keinen Anker­in­vestor gefunden habe, der den Klub zukünftig auf ein solides finan­zi­elles Fun­da­ment stellt.

Marco Bode begegnet der Kritik mit der ihm eigenen Sach­lich­keit und erwägt bezüg­lich der Bau­mann-Causa eine Ver­län­ge­rung zunächst für ein Jahr: Als Auf­sichtsrat sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es fahr­lässig wäre, die Ent­schei­dung jetzt nicht zu treffen. Wir können mit der Klä­rung einer derart wich­tigen Per­so­nalie nicht bis zwei Monate vor Sai­son­ende warten.“

Es gibt immer einen, der sich nicht mit­ge­nommen fühlt

Ange­sichts der erschwerten Hand­lungs­mög­lich­keiten in Zeiten der Virus-Krise zwei­fels­ohne ein Kom­pro­miss, der von Beson­nen­heit zeugt. Aber man kennt die Situa­tion bei Tra­di­ti­ons­klubs: Es gibt immer min­des­tens einen, der sich doch nicht adäquat mit­ge­nommen fühlt.

Es ist kein Geheimnis, dass der SV Werder ein Klub ist, dem die Corona-Krise in beson­derem Maße zuge­setzt hat. Der Verein, der noch weit über die Jahr­tau­send­wende hinaus zur Bun­des­liga-Spitze gehörte, ist peu à peu ins Hin­ter­treffen geraten und hat im Zuge der frei­dre­henden Kom­mer­zia­li­sie­rung den Anschluss ver­loren. Schon SVW-Manager Klaus Allofs wusste, dass die Akquise eines gewich­tigen Geld­ge­bers in der struk­tur­be­schränkten nord­deut­schen Tief­ebene kein Selbst­gänger ist. Seit meh­reren Jahren schon spielen die Bremer gegen den Abstieg und zeit­weise drohte auch in der eher von Kon­ti­nuität geprägten Han­se­stadt der Trai­ner­stuhl zum Schleu­der­sitz zu werden.

Doch seit vor drei Jahren Flo­rian Koh­feldt das Amt als Coach von Alex­ander Nouri über­nahm, ist intern wieder Ruhe ein­ge­kehrt. Bode und Bau­mann, die gemeinsam als Bremer Spieler große Erfolge fei­erten, leben in dem festen Glauben in die Magie der Kon­ti­nuität. Sie haben erlebt, wie Werder sich unter Thomas Schaaf durch eine stete, interne Opti­mie­rung von Poten­tialen und Pro­zessen an der Tabel­len­spitze eta­blierte – und nicht durch Per­so­nal­ro­chaden, um dem Druck der Öffent­lich­keit genüge zu tun. Als die beiden in Funk­tio­närs­ämter kamen (Bode folgte Lemke 2014 als Auf­sichts­rat­chef, Bau­mann wurde 2016 Sport­di­rektor), mussten sie zunächst genug Ner­ven­stärke ent­wi­ckeln, um dem äußeren Druck zu kana­li­sieren.

Die letzte Saison war eine gemein­schaft­liche Extre­mer­fah­rung

Doch spä­tes­tens die ver­gan­gene Saison hat in der SVW-Spitze für eine neue Qua­lität bei der Resi­lienz gesorgt. Für eine Wider­stands­kraft gegen­über medialen und auch den Stör­feuern, die von Alt-Inter­na­tio­nalen und sons­tigen Ex-Bossen an den Klub her­an­ge­tragen werden. Die Bremer standen trotz der von Koh­feldt geschürten Hoff­nung, mal wieder an die inter­na­tio­nalen Tabel­len­re­gionen her­an­zu­rü­cken, in der Spiel­zeit 19/20 fast pau­senlos auf einem Abstiegs­platz. Vor dem letzten Spieltag schien die Lage an der Weser völlig aus­sichtslos. Erst wie durch ein Wunder gelang noch der Sprung auf den Rele­ga­ti­ons­rang und letzt­lich in den Aus­schei­dungs­spielen gegen den FC Hei­den­heim der über­glück­liche Klas­sen­er­halt.