Der SV Werder hatte in den letzten Jahren zwei Gesichter. Sie zeigten Anspruch und Wirk­lich­keit des Ver­eins – Gegen­sätze also, wie seine Anhänger in der zurück­lie­genden Saison leid­voll fest­stellen mussten. 

Der Anspruch mag gewesen sein, in der Cham­pions League zu spielen. Er wurde dann hin­un­ter­kor­ri­giert auf die Europa League. Doch auch diesem Anspruch hielt die Wirk­lich­keit nicht Stand. Die sieht nun so aus: Platz 9, jen­seits von jedem. 

Und sie sieht natür­lich auch so aus: wie Thomas Schaaf. Der Trainer trägt das eine Gesicht des Ver­eins, das Gesicht der Wirk­lich­keit. Es wird zuse­hends älter, fahler, unra­sierter, nord­deut­scher. In einem Film könnte Schaaf nun bald sich selbst spielen.

Das andere Gesicht, das Gesicht des Anspruchs, trägt Tim Wiese. Es wird zuse­hends alters­loser, bräuner, ent­haarter, ame­ri­ka­ni­scher. In einem Film könnte Wiese nun bald einen Welt­klas­se­keeper spielen. 

Als sol­chen sieht er sich seit je her. Daher ist es nur kon­se­quent, dass er nach sieben Jahren in Bremen, im besten Tor­war­talter von 30, den Verein wech­selt. Einen Pokal holte er mit den Bre­mern, zweimal wurde er Vize-Meister, aus dem Vier­fach-Duell gegen den HSV im Früh­jahr 2009 ging er als Anti-Held hervor, als Mann, der sich gera­dezu oli­ver­k­ahn­haft als Ein­zel­kämpfer dem Gegner gegen­über­stellt – und nicht als einer von elf.

Und so geht er nun auch nicht als einer von elf, son­dern als Ein­zel­kämpfer: mit dem dazu­ge­hö­rigen Getöse. Wohin, das war lange unklar, und Wiese selbst machte seine Zukunfts­pla­nung erst span­nend, dann quä­lend, gerade so, als küre er den Aus­tra­gungsort der Olym­pi­schen Som­mer­spiele. 

War Wiese stärker an den Top­klubs inter­es­siert als sie an ihm?

Von Man­chester United war die Rede, von Real Madrid und dem AC Mai­land – ins­ge­samt sechs unter­schrifts­reife Ver­träge sollen ihm vor­ge­legen haben. Dass er sich nun 1899 Hof­fen­heim anschließt, einem Verein aus Wer­ders Tabel­len­nach­bar­schaft, mag man­chen ver­blüffen. War er am Ende doch stärker an den Top­klubs inter­es­siert als sie an ihm? Hat Geld den Aus­schlag gegeben oder, wie es in sol­chen Fällen vage heißt, die sport­liche Per­spek­tive? Die kann man sich in Hof­fen­heim, diesem Über­ra­schungsei der Bun­des­liga, ziem­lich klein denken. Oder eben, wenn man über Tim Wieses Kapa­zi­täten ver­fügt, durchaus sehr groß.

Sein Anspruch wird selbst in der badi­schen Pro­vinz nicht schrumpfen. Für die Hof­fen­heimer Macher hat die Ver­pflich­tung also einen dop­pelten Effekt: Sie bekommen einen guten Tor­wart (wenn auch nicht so gut, wie er glaubt, aber das werden sie schon wissen) und oben­drein einen Mann, der stets mehr sein will, als er momentan ist. 

Mit Wiese wird 1899 Hof­fen­heim weder grau noch Maus sein 

Das kann dem Kraich­gauer Zukunfts­pro­jekt nur guttun. Denn in seinen bes­seren Tagen hat es sich eben­falls am Anspruch gemessen und nicht an der Wirk­lich­keit. The sky, hieß es hinter den Rip­pen­ja­lou­sien im Sins­heimer Fuß­ball­labor, sei the limit. 

Nach vier Jahren Bun­des­liga, dem Abgang von Trainer Ralf Rang­nick, den Angriffen auf Mäzen Dietmar Hopp, dem Miss­ver­ständnis mit Holger Sta­nis­lawski und einigen ernüch­ternden Resul­taten, zeigt sich der Verein jedoch ungleich ver­druckster, beschei­dener, ja mit­tel­mä­ßiger. Tim Wieses Hybris kann Impulse für eine erneute Leis­tungs­stei­ge­rung wie zuletzt zwi­schen 2006 und 2008 setzen, selbst wenn sie nicht aus dem Können her­vor­geht, son­dern nur aus dem Willen. Fest steht schon jetzt: Mit Wiese in seinen Reihen wird 1899 Hof­fen­heim weder grau noch Maus sein. 

In Bremen hin­gegen soll es Men­schen geben, die seinen Abschied begrüßen. Ihnen war er immer schon zu schrill, zu selbst­ver­liebt, zu rhein­län­disch, zu wenig Bremer. Er halte, unter­stellen sie ihm, Bälle nicht für die Mann­schaft, son­dern für sich selbst. Mehr als seine Paraden sind ihnen ohnehin seine Fehler in Erin­ne­rung, vor allem der fatale Pur­zel­baum im Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League gegen Juventus Turin 2006.

Doch immerhin spielte Werder mal dort, in der Cham­pions League. Zuletzt gab es wenigs­tens noch den Anspruch, dorthin zurück­zu­kehren, war er auch nur­mehr Wiese ins Gesicht geschrieben. Dieser Rosa bevor­zu­gende Tor­hüter war immer auch eine Zumu­tung, ein Sta­chel im Fleisch, ohne den sie mög­li­cher­weise ver­gessen hätten, dass außer­halb Deutsch­lands über­haupt Fuß­ball gespielt wird. Sein Wechsel nach Hof­fen­heim, vom Neunten zum Elften, mar­kiert nun den end­gül­tigen Ver­fall der Ambi­tionen. 

Anspruch und Wirk­lich­keit könnten in ganz Bremen dem­nächst deckungs­gleich werden. Das ist immer dann der Fall, wenn man zufrieden ist. Oder hoff­nungslos.