Seite 5: Kontrolle und Beobachtung

Auch Roy Keane nahm bei Fer­guson eine Son­der­stel­lung ein. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mich selbst auf dem Platz sehe“, sagte der Trainer einmal über seinen kampf­starken Kapitän. Erst als Keane in die Jahre gekommen war und nicht mehr uner­setz­lich, schob Fer­guson ihn nach einem Inter­view, in dem Keane einige seiner Mit­spieler heftig kri­ti­siert hatte, zu Celtic Glasgow ab.

David Beckham war anders. Er war eines der vielen Talente aus der eigenen Jugend, die bei United die Ära nach Can­tona prägten. Beckham kam mit den Neville-Brü­dern, Paul Scholes und Nicky Butt in die erste Mann­schaft. Alle fünf spielten auch für Eng­land und standen stell­ver­tre­tend für Fer­gu­sons Glauben an die Jugend. Beckham war anfangs noch recht pfle­ge­leicht. Das sollte sich aber ändern, als er das Spice Girl und seine spä­tere Frau Vic­toria Adams ken­nen­lernte.

Fer­guson gegen Vic­toria Beckham

Fer­guson und Vic­toria konnten sich nicht leiden. Es war, als würden sie David in ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tungen zerren, auf der einen Seite seriöses Pro­fitum, auf der anderen Show­busi­ness und Familie. Als David einmal trai­nings­frei bekam, um sich um ein angeb­lich krankes Kind zu küm­mern, wurden die Beck­hams auf einer Moden­schau in London foto­gra­fiert. David flog aus der Mann­schaft und wurde schließ­lich an Real Madrid ver­kauft.

Sein Fehler war es gewesen, sich Fer­gu­sons Kon­trolle ent­ziehen zu wollen. Auch Wayne Rooney wagte es auf spek­ta­ku­läre Weise, die Auto­rität seines Trai­ners in Frage zu stellen. Fer­guson hatte den Stürmer für 30 Mil­lionen Euro vom FC Everton geholt, und Rooney war zu einem uner­setz­li­chen Bestand­teil der Mann­schaft geworden. Als er im Oktober 2010 Wech­sel­ab­sichten hegte, nutzte der scheinbar fas­sungs­lose Fer­guson die Macht der Medien, um die Öffent­lich­keit gegen seinen Spieler auf­zu­bringen, der drei Tage später seine Mei­nung änderte und einen neuen Fünf­jah­res­ver­trag unter­schrieb. Fer­guson hatte wieder einmal bekommen, was er wollte. Seine Macht war unge­bro­chen.

Anfang 2010 hatte er bei einem Vor­trag vor Phi­lo­so­phie­stu­denten im Dub­liner Tri­nity Col­lege gesagt: Die beiden ent­schei­denden Fak­toren in meiner Kar­riere waren Macht und Kon­trolle. Kon­trolle ist das Wich­tigste. Sobald ich über die Mul­ti­mil­lio­näre bei Man­chester United die Kon­trolle ver­liere, kann ich ein­pa­cken. Sobald jemand ver­sucht, sich meiner Kon­trolle zu ent­ziehen, kann er ein­pa­cken.“

Kon­trolle, Beob­ach­tung und der Umgang mit Ver­än­de­rungen.“

Auf die Frage, wel­ches die drei wich­tigsten Ele­mente seines Füh­rungs­stils sind, sagte Fer­guson: Kon­trolle, Beob­ach­tung und der Umgang mit Ver­än­de­rungen.“ Beim Umgang mit Ver­än­de­rungen hat Fer­guson stets ein untrüg­li­ches Gespür bewiesen, sei es hin­sicht­lich der Wei­ter­ent­wick­lung des Spiels auf allen Ebenen, der Not­wen­dig­keit, immer neue Impulse zu setzen, oder der Fähig­keit, Spieler, die schon alles erreicht haben, zu immer neuen Höchst­leis­tungen zu treiben. Fer­guson hat gelernt, sich nicht mit Dingen auf­zu­halten, die er ohnehin nicht kon­trol­lieren kann, wie Ohr­ringe, Tat­toos oder extra­va­ganten Tor­jubel. Als ein Stu­dent nach­hakte, was er mit Beob­ach­tung meine, sagte er: Auf alles zu achten, was um einen herum pas­siert und zu ana­ly­sieren, was wichtig ist. Gefahren und Chancen erkennen, die andere nicht sehen. Das alles kommt mit der Erfah­rung.“
 Er hätte auch sagen können: mit der unbe­grenzten Bereit­schaft, alle Mühen auf sich zu nehmen. United beschäf­tigt heute einen Stab von Spe­zia­listen, die sich um sämt­liche Belange der Spieler küm­mern, von der rich­tigen Ernäh­rung bis hin zur Fuß­pflege. Befragt, warum kein Psy­cho­loge dabei sei, hat Fer­guson einmal geant­wortet: Das mache ich selbst.“