Seite 4: Ein Geschenk des Himmels

Was Fer­guson in Schott­land erreicht hat, ist gar nicht hoch genug ein­zu­schätzen. Die Zahlen spre­chen für sich: Nur vier der letzten 46 schot­ti­schen Meis­ter­schaften gingen nicht an einen der beiden großen Klubs aus Glasgow, an die Ran­gers oder Celtic. Dreimal gelang dem FC Aber­deen unter Fer­guson dieses Kunst­stück, und auch im Euro­pa­pokal strahlte die Mann­schaft bemer­kens­wertes Selbst­ver­trauen aus. Bevor United ihm 1986 ein Angebot machte, das er nicht ablehnen konnte, hatte Fer­guson bereits Arsenal und Tot­tenham einen Korb gegeben.

Die erste Zeit war nicht leicht, doch Fer­guson sah keinen Anlass, seine Methoden zu ändern. Auch der Kon­troll­wahn blieb: Fer­guson ließ öffent­lich ver­laut­baren, dass er dankbar für jed­wede Infor­ma­tion dar­über wäre, wo seine Spieler ihr Bier tranken und wie viele. Einige der talen­tier­testen Spieler von United waren ebenso talen­tierte Trinker, dar­unter Bryan Robson, Paul McGrath und Norman White­side. Robson lernte, sich zurück­zu­halten, McGrath und White­side mussten gehen.

Frei­heiten für King Eric

Es sollte ein paar Monate dauern, bis sich Fer­gu­sons Wut erst­mals mit aller Macht entlud. United musste bei Tot­tenham antreten, und weil die Lon­doner eine starke Saison spielten, machte Fer­guson sich die Mühe, ihr Spiel ein­ge­hend zu ana­ly­sieren. Außen­ver­tei­diger Arthur Albiston erin­nert sich: Vor der Partie erläu­terte er uns aus­führ­lich die Spiel­weise von Tot­tenham. Wir sollten vor allem auf die Flanken von Chris Waddle und die Vor­stöße von Links­ver­tei­diger Mit­chell Thomas achten. Wir ver­loren 0:4, und Thomas machte zwei Toren nach Flanken von Waddle. Nach dem Spiel hat er sich jeden von uns ein­zeln vor­ge­nommen, inklu­sive Bryan Robson.“

Fer­guson hatte gelernt, nicht alle Spieler über einen Kamm zu scheren. In Aber­deen hatte er sich auf seinen noto­risch trai­nings­schwa­chen Innen­ver­tei­diger Willie Miller stets ver­lassen können und ging dem­entspre­chend mit ihm um. Bei United gestand er seinem begna­deten Kapitän Robson etwas mehr Frei­heiten zu, ebenso Eric Can­tona, dessen Ver­pflich­tung im Herbst 1992 sich als spek­ta­ku­lärer Glücks­griff erwies.

Bis dahin hatte Fer­guson nach sechs Jahren mit United zwar den FA Cup und den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger gewonnen, aber noch keine Meis­ter­schaft. Der Mann­schaft schien ein ganz bestimmtes Ele­ment zu fehlen und das erhielt sie in Person von Can­tona. Auf Anraten seines Freundes Gerard Houl­lier, damals Trainer der fran­zö­si­schen Natio­nal­mann­schaft, holte Fer­guson das Enfant ter­rible für 1,2 Mil­lionen Pfund von Leeds United nach Old Traf­ford. Leeds hatte ein Jahr zuvor mit Can­tona zwar die Meis­ter­schaft gewonnen, doch das Ver­hältnis des lau­ni­schen Genies zu Trainer Howard Wil­kinson war ange­spannt geblieben.

Ein Geschenk des Him­mels

Für United erwies sich Can­tona als ein Geschenk des Him­mels. Mit ihm änderte sich alles. In den 17 Spielen vor seiner Ankunft hatte die Mann­schaft im Schnitt ein Tor pro Spiel erzielt. Mit Can­tona wurden stieg die Quote auf durch­schnitt­lich zwei Treffer, und am Ende fei­erte United die erste Meis­ter­schaft seit 26 Jahren. Fer­guson war nun end­gültig unan­tastbar, er hatte die volle Kon­trolle.

Im Falle von Can­tona ließ er sie auf sub­tile Weise walten. Für den Fran­zosen galten beson­dere oder eigent­lich gar keine Regeln. Als United einmal zu einer Ehrung ins Rat­haus der Stadt geladen wurde, ord­nete Fer­guson Anzug und Kra­watte an. Alle Spieler hielten sich daran, außer Can­tona, der im Trai­nings­anzug erschien. Fer­guson sagte nichts. Der Fran­zose war ein­fach zu wichtig, um sich mit ihm anzu­legen.