Seite 3: Mehr als nur Wut

Nach der Schul­zeit fing Alex eine Maschi­nen­bau­lehre an, schloss sich Glas­gows renom­miertem Ama­teur­klub Queen’s Park an und war nicht ganz 17 Jahre alt, als er beim Gast­spiel in Stran­raer für die erste Mann­schaft debü­tierte und bei der 1:2‑Niederlage gleich ein Tor erzielte. Seine nächste Sta­tion war St. John­stone, wo er vier wei­tere Jahre als Ama­teur aktiv war, bevor er 1964 bei Dun­fer­mline seinen ersten Pro­fi­ver­trag erhielt. Dort lernte er inter­na­tional erfah­rene Spieler kennen und begann, sich intensiv mit den tak­ti­schen Aspekten des Spiels zu beschäf­tigen. Die ent­spre­chende Fach­li­te­ratur stu­dierte er sta­pel­weise. Prio­rität genoss für ihn aber das Tore­schießen, und als ihn die Ran­gers 1967 für die dama­lige Rekord­ab­lö­se­summe von 65 000 Pfund ver­pflich­teten, erfüllte sich sein Traum, für die Blauen im Ibrox Park auf­zu­laufen.

Die Freude dar­über währte indes nur kurz. Der Trainer, der ihn ver­pflichtet hatte, wurde gefeuert und mit dessen nun zum Chef­coach beför­derten Assis­tenten kam Fer­guson über­haupt nicht klar. Nach zwei ent­täu­schenden Jahren wech­selte er für vier Jahre nach Fal­kirk, bevor er seine Kar­riere nach der Saison 1973/74 bei Ayr United been­dete. Für die schot­ti­sche Natio­nal­mann­schaft durfte er nicht ein ein­ziges Mal auf­laufen. Doch seine große Zeit sollte erst noch kommen.

Erste Sta­tion: East Stir­lingshire

Fer­gu­sons Lauf­bahn als Trainer begann 1974 wenig gla­mourös bei East Stir­lingshire, wo er für umge­rechnet 50 Euro die Woche anheu­erte, bevor er nach nur wenigen Monaten ein Angebot von St. Mirren erhielt, das wesent­lich grö­ßeres Poten­tial besaß. Er führte den Klub in Schott­lands höchste Spiel­klasse und sam­melte erste Erfah­rungen mit der Aus­bil­dung junger Spieler, was eines der bestim­menden Themen seiner Kar­riere werden sollte. In Aber­deen etwa hatte Fer­guson das Glück, auf viele junge Talente zurück­greifen zu können, dar­unter die beiden Ver­tei­diger Willie Miller und Alex McLeish, die er 1986 als Natio­nal­trainer zur WM mit­nehmen sollte.

Mit seiner Titel­samm­lung wuchs auch seine Repu­ta­tion. Fer­guson galt als Sie­gertyp mit aus­ge­prägter, bis­weilen ziem­lich rabiater Per­sön­lich­keit. Die Hairdryer“-Methode, wie Mark Hughes sie später bezeich­nete, kam regel­mäßig zum Ein­satz. Mit­tel­feld­spieler Billy Stark, den Fer­guson zu St. Mirren holte und später nach Aber­deen mit­nahm, erin­nert sich: Er baute sich direkt vor einem Spieler auf und stauchte ihn richtig zusammen. Nie­mand hat es jemals gewagt, ihm Wider­worte zu geben.“

Stark, der heute die schot­ti­sche U 21 betreut, ergänzt: Das konnte einen schon ziem­lich mit­nehmen, aber mich machte es zu einem bes­seren Spieler. Am schlimmsten bekam ich es nach einer 1:3‑Niederlage mit St. Mirren gegen Celtic ab. Celtic bekam damals einen Frei­stoß im Mit­tel­feld, ich drehte mich um und trabte zurück. Sie führten schnell aus und spielten den Ball über mich rüber zu einem Gegner, der flankte und schon war der Ball im Netz. Fer­guson ist nach dem Spiel aus­ge­rastet. Ich saß in der Ecke und zog mich um, als er plötz­lich einen Schuh nach mir warf. Des­wegen muss ich immer lachen, wenn die Leute die Geschichte mit Beckham erzählen.“ Beckham musste mit meh­reren Sti­chen über dem Auge genäht werden, Stark trug ledig­lich eine schmer­zende Schulter davon. Die Erin­ne­rung daran ist aber heute noch frisch.

Mehr als nur Wut

Das war einer der ent­schei­denden Momente meiner Kar­riere“, sagt er. Ich glaube nicht, dass Fer­guson so etwas ohne Kalkül macht. Da steckte mehr dahinter als nur Wut. Das war seine Art, Spieler auf die Probe zu stellen und zu schauen, ob sie den Mumm hatten, die Her­aus­for­de­rung anzu­nehmen. Ich beschloss, es ihm zu zeigen. Ich habe nie wieder dem Ball den Rücken zuge­kehrt.“

Ein Wut­aus­bruch, der mit Sicher­heit nicht gespielt war, ereig­nete sich im rumä­ni­schen Pitesti. Aber­deen war mit einem 3:0 aus dem Hin­spiel ange­reist, lag aber kurz vor der Pause 0:2 hinten. Fer­guson hatte vom sonst von ihm bevor­zugten 4−4−2 auf ein 4−3−3 umge­stellt. Einer der drei Angreifer war Gordon Stra­chan, der später auch für Fer­guson bei Man­chester United stürmte und bei der WM 1986 ein Tor gegen Deutsch­land erzielte. Das System ist super, wenn man die rich­tigen Spieler dafür hat“, erin­nert er sich. Aber wir wurden ein­fach ins kalte Wasser geworfen. Wir hatten das System, wenn über­haupt, einen Tag lang trai­niert. Mein Pech war, dass ich auf der Seite spielte, die der Trai­ner­bank am nächsten war.“

Dont’t talk to Fer­guson

Fer­guson schrie Stra­chan die ganze Zeit an. Ich sollte mich mehr zu unserem Mit­tel­stürmer Mark McGhee ori­en­tieren, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Kein Witz. Ich wollte nicht auf­müpfig sein, aber hatte so ein­fach noch nie gespielt. Und dann habe ich etwas echt Dummes gemacht. Einer unserer Spieler sagte immer, man solle sich nie­mals kurz vor der Pause mit Fer­guson anlegen. Als ich ihn anschrie, er solle die Schnauze halten, war mir also klar, dass ich in der Scheiße sitze.“

Die Mann­schaft ging vor dem Trainer durch den Kabi­nen­gang zur Halb­zeit­pause. Als er reinkam, saßen wir bereits mit hän­genden Köpfen da. Er ging schwei­gend auf und ab, bis er schließ­lich vor mir ste­hen­blieb. Ich spürte, wie die Jungs neben mir von mir abrückten. Dann baute er sich vor mir auf und stauchte mich nach Strich und Faden zusammen. Ich stand auf – nicht aus Trotz, ich musste ein­fach Luft holen – und er drehte sich weg, wobei er aus Ver­sehen meh­rere Becher Tee umkippte. Er sah mich schmun­zeln und stieß gleich den ganzen Samowar um. Das Ding war groß und schwer und heiß, das muss also weh getan haben.“ Aber­deen erreichte schließ­lich noch ein 2:2, wobei Stra­chan einen Elf­meter ver­wan­delte. Als ich antrat, dachte ich nur: Wenn du den ver­siebst, bist du ein toter Mann.“

Ein wich­tiger Teil von Fer­gu­sons Stra­tegie war es, den Spie­lern das Gefühl zu geben, unter stän­diger Beob­ach­tung zu stehen. Er war all­ge­gen­wärtig“, erin­nert sich Billy Stark. Man spürte förm­lich, dass er einen nie aus den Augen ließ. In Aber­deen über­ließ er die Lei­tung der Trai­nings­ein­heiten seinem Assis­tenten Archie Knox. Dann tauchte irgend­wann sein schwarzer Mer­cedes auf und bog auf den Park­platz ein. Manchmal sah er ein­fach von dort aus zu. Das hatte Methode: Wir wussten, dass er da war, und genau das wollte er. Wir sollten das Gefühl haben, dass ihm nichts ent­geht. Dieser Kon­troll­wahn war ihm schon immer zu eigen.“

Zudem ver­suchte er, die Schieds­richter ein­zu­schüch­tern und den Spie­lern ein­zu­bläuen, die ganze Welt wäre gegen sie. In Schott­land war es ange­sichts der Über­macht von Celtic und den Ran­gers noch relativ ein­fach, seinen Spie­lern den Status des ewigen Under­dogs zu ver­mit­teln. Um den glei­chen Effekt bei United zu erzielen, war aller­dings eine regel­rechte Gehirn­wä­sche nötig – und trotzdem gelang es Fer­guson Jahr für Jahr.