Seite 2: Simple Verhältnisse

Zunächst wehrte er die Angriffe von Arsene Wen­gers glän­zendem Kurzpass­ensemble FC Arsenal ab, dann wies er José Mour­inho und seine gut geölte Kampf­ma­schine FC Chelsea in die Schranken. Bis heute sind so wei­tere acht Meis­ter­titel und ein Euro­pa­pokal dazu­ge­kommen, und als im November 2011 sein 25. Jubi­läum in Old Traf­ford begangen wurde, hatte Fer­guson sich längst als einer der größten Trainer aller Zeiten eta­bliert.

Das Erstaun­liche ist, dass Fer­guson selbst dann auf eine mehr als beacht­liche Kar­riere zurück­bli­cken könnte, wenn er Schott­land nie­mals ver­lassen hätte. Immerhin hatte er den kleinen FC Aber­deen zu drei schot­ti­schen Meis­ter­schaften und im Pokal­sie­ger­wett­be­werb der Saison 1982/83 zu einem gran­diosen Final­sieg gegen Real Madrid geführt. Auf dem Weg ins End­spiel hatten die Schotten übri­gens auch Bayern Mün­chen aus­ge­schaltet.

Simple Ver­hält­nisse in Schott­land

Fer­guson hatte das Glück, in Schott­land auf­zu­wachsen, für einen Jungen wie ihn hätte es keinen bes­seren Ort geben können. Als Sohn eines Werft­ar­bei­ters kam er am letzten Tag des Jahres 1941 in Govan bei Glasgow zur Welt. Der Zweite Welt­krieg tobte noch, doch die Deut­schen hatten ihre Luft­an­griffe auf die nahe gele­genen Werft­an­lagen und Fabriken ein­ge­stellt. Govan war damals ein blü­hendes Indus­trie­zen­trum, und der Lärm der Fabriken war Tag und Nacht zu hören. Nach dem Krieg erlebte die Stadt aller­dings einen schlei­chenden Nie­der­gang. Die Werften wurden nach und nach still­ge­legt, den­noch erlebten Alex und sein ein Jahr jün­gerer Bruder Martin eine glück­liche Kind­heit. Die Familie bewohnte ein Apart­ment in einem der damals für Schott­land typi­schen Sand­stein-Wohn­blöcke. Die Brüder teilten sich eines der beiden Schlaf­zimmer, ihre Eltern das andere. Es gab eine Toi­lette, doch die Bade­wanne musste im Wohn­zimmer benutzt werden. Einmal in der Woche wurden die Jungen sau­ber­ge­schrubbt. Ihre Eltern gaben ihnen ein­fache Prin­zi­pien mit auf den Weg, die Fer­guson viele Jahre später als die tra­di­tio­nellen Werte der Arbei­ter­klasse“ beschrieb: Dis­zi­plin, gute Manieren, Ehr­lich­keit, Anstän­dig­keit“. Seinen Vater bezeich­nete er als red­li­chen Mann“, zu dessen Lieb­lings­sprü­chen die Weis­heit zählte: Wenn etwas wert ist, getan zu werden, dann ist es auch wert, gut getan zu werden.“

Letzt­end­lich bist du das, was deine Eltern waren.“

Wenn Alex und Martin von der Schule heim­kehrten, waren ihre Eltern meis­tens bei der Arbeit, aber oft­mals war die Tür unver­schlossen und sie fanden die Nach­richt eines Nach­barn, der sich Tee oder Zucker geborgt hatte. Eine weniger beschau­liche Seite der Gesell­schaft, in der die beiden auf­wuchsen, waren die reli­giösen Span­nungen zwi­schen Katho­liken und der pro­tes­tan­ti­schen Mehr­heit. Die Fer­gu­sons standen dar­über: Der Vater von Alex war Katholik, seine Mutter Pro­tes­tantin. Alex selbst wurde pro­tes­tan­tisch erzogen, sollte später aber eine Katho­likin hei­raten.

In seiner Auto­bio­grafie Mana­ging My Life“, die wenige Monate nach dem Sieg in Bar­ce­lona erschien, schrieb Fer­guson: Letzt­end­lich bist du das, was deine Eltern waren.“ Sein Vater neigte zu Wut­aus­brü­chen, seine Mutter war stark, unser Fels“. Beide Cha­rak­ter­züge treffen auch auf Alex zu, Fair­ness und gute Manieren blieben indes hin und wieder auf der Strecke.

Der Fuß­ball spielte stets eine zen­trale Rolle in seinem Leben. Sams­tags ging er mit Martin in den Ibrox Park, um die Ran­gers, tra­di­tio­nell der Klub der Pro­tes­tanten, spielen zu sehen. Daheim malte er sich dann aus, für die Blauen zu stürmen und Tore zu erzielen. Er kickte auf der Straße, wie es Jungs damals eben taten. Er spielte für seine Schule und die Mann­schaften gemein­nüt­ziger Jugend­or­ga­ni­sa­tionen, denen er und Martin auf Betreiben ihrer Eltern hin bei­traten. Gele­gent­lich gerieten die beiden den­noch in Prü­ge­leien, was ange­sichts der vielen Gangs in der Gegend kaum zu ver­meiden war.