Die ent­schei­denden drei Minuten seiner Kar­riere erlebte Alex Fer­guson an einem späten Abend im Mai in Bar­ce­lona, als die unbe­greif­liche Schluss­phase des Cham­pions-League-Finals zwi­schen Bayern Mün­chen und Man­chester United nicht nur die Anhänger beider Mann­schaften, son­dern auch Fer­guson selbst bei­nahe sprachlos machte. Als ein Fern­seh­re­porter ihn im Augen­blick des Tri­umphs zu fassen bekam, sagte der Trainer jenen Satz, der zu seinem berühm­testen werden sollte: Foot­ball“, sin­nierte er, bloody hell!“ Fuß­ball, ver­dammte Hölle!

Die Anzei­ge­tagel zeigte: noch drei Minuten

Aus Bayern-Sicht war das noch milde aus­ge­drückt. Der deut­sche Meister war durch ein Frei­stoßtor von Mario Basler früh in Füh­rung gegangen, und bis Mitte der zweiten Halb­zeit sah es nie danach aus, als sollte sich das Blatt noch wenden. Mit dem Schachzug, Mehmet Scholl im Mit­tel­feld neben Stefan Effen­berg auf­zu­bieten, schien Ottmar Hitz­feld seinen eng­li­schen Wider­sa­cher aus­ge­trickst zu haben. Scholl schei­terte einmal am Pfosten, Carsten Jancker an der Latte und ihre Kol­legen gleich mehr­fach an Man­ches­ters däni­schem Keeper Peter Schmei­chel, der fast im Allein­gang dafür sorgte, dass seine Mann­schaft nach 90 Minuten mit nur einem Tor zurücklag.

Auf der Anzei­ge­tafel, die der vierte Offi­zi­elle hoch­hielt, leuch­tete eine 3“ auf. In der ersten dieser drei Minuten sprin­tete Schmei­chel bei einer Ecke über das gesamte Feld und sorgte für Ver­wir­rung im geg­ne­ri­schen Straf­raum, was der ein­ge­wech­selte Teddy She­ringham zum Aus­gleich nutzte. Ange­sichts der Reak­tion der 50 000 United-Fans hätte man meinen können, Fer­gu­sons Team hätte soeben das Spiel gewonnen. Aber auch die Bayern schienen das Unheil bereits zu ahnen. Kaum hatten sie sich aus ihrer Schock­starre gelöst, zap­pelte der Ball erneut hinter Oliver Kahn im Netz, diesmal hin­ein­ge­sto­chert von Fer­gu­sons zweitem Joker, Ole Gunnar Sol­skjær.

Noch nie hatte ein Finale eine so dra­ma­ti­sche Wen­dung genommen. United-Ver­tei­diger Gary Neville bezeich­nete die Schluss­phase anschlie­ßend als über­na­tür­lich“, und nie­mand mochte ihm wider­spre­chen. Als Fer­guson das Spiel später ana­ly­sierte, hatte er indes eine weitaus nüch­ter­nere Erklä­rung parat: Hitz­feld hätte kei­nes­wegs die bes­sere Taktik gewählt und das Pech gehabt, dass sich Fer­gu­sons pani­sche Aus­wechs­lungen bezahlt machten. Viel­mehr hätten die Bayern nach der Her­aus­nahme von Lothar Mat­thäus buch­stäb­lich ihren Kopf und dadurch Orga­ni­sa­tion und Über­sicht bei der fol­gen­schweren Ecke in der Nach­spiel­zeit ver­loren.

Macht und Kon­trolle“

Genie wird bis­weilen als die unbe­grenzte Bereit­schaft defi­niert, alle Mühen auf sich zu nehmen, und Fer­gu­sons Detail­ver­ses­sen­heit ist wirk­lich legendär. Seit seiner Zeit als Spieler beim schot­ti­schen Klub Dun­fer­mline Ath­letic, der in den Sech­zi­gern beacht­liche Erfolge auf euro­päi­scher Bühne fei­erte, beschäf­tigt Fer­guson sich mit sämt­li­chen Aspekten des Fuß­balls und bedient sich seines außer­or­dent­li­chen, Freunden zufolge foto­gra­fi­schen“ Gedächt­nisses, um Infor­ma­tionen über Spieler, Sys­teme und der­glei­chen zu spei­chern. Doch hinter seinen Erfolgen steckt noch mehr. Seine grim­mige Ent­schlos­sen­heit geht mit einer Per­sön­lich­keit einher, die als die uner­bitt­lichste im bri­ti­schen Fuß­ball gilt – was er selbst kei­nes­wegs leugnet. Im Gegen­teil nennt er Macht und Kon­trolle“ als seine wich­tigsten Werk­zeuge. Und auch mit 70 Jahren macht er kei­nes­wegs den Ein­druck, alters­milde zu werden.

Es sind die immer neuen Her­aus­for­de­rungen seines Jobs, die Fer­guson nach wie vor antreiben. Schon vor der Nie­der­lage im letzt­jäh­rigen Cham­pions-League-Finale gegen den FC Bar­ce­lona – eine Vor­füh­rung, die so man­chen alt­ge­dienten Trainer dazu gebracht hätte, sich zur Ruhe zu setzen – plante er, eine neue, junge Mann­schaft auf­zu­bauen. Ihr Schei­tern in der dies­jäh­rigen Grup­pen­phase wird ihn nur noch mehr moti­vieren. Und auf einmal lohnt es sich sogar, für den Gewinn der Europa League zu kämpfen.
Fer­guson hätte bereits 1999, nach dem bis dahin in Eng­land uner­reichten Triple aus Cham­pions League, Meis­ter­schaft und Pokal, zurück­treten können. Mit dem fünften Pre­mier-League-Titel und nun dem Euro­pa­pokal hatte er es damals einem seiner Vor­gänger im Old Traf­ford, dem legen­dären Matt Busby, gleich­getan und war in die Riege der erfolg­reichsten Trainer auf der Insel auf­ge­stiegen. Er hätte sich auf seinen Lor­beeren inklu­sive Rit­ter­schlag aus­ruhen können, doch das alles kam für Sir Alex nicht in Frage. Nicht, solange es Her­aus­for­derer gab, die Anspruch auf seinen Thron erhoben.

Zunächst wehrte er die Angriffe von Arsene Wen­gers glän­zendem Kurzpass­ensemble FC Arsenal ab, dann wies er José Mour­inho und seine gut geölte Kampf­ma­schine FC Chelsea in die Schranken. Bis heute sind so wei­tere acht Meis­ter­titel und ein Euro­pa­pokal dazu­ge­kommen, und als im November 2011 sein 25. Jubi­läum in Old Traf­ford begangen wurde, hatte Fer­guson sich längst als einer der größten Trainer aller Zeiten eta­bliert.

Das Erstaun­liche ist, dass Fer­guson selbst dann auf eine mehr als beacht­liche Kar­riere zurück­bli­cken könnte, wenn er Schott­land nie­mals ver­lassen hätte. Immerhin hatte er den kleinen FC Aber­deen zu drei schot­ti­schen Meis­ter­schaften und im Pokal­sie­ger­wett­be­werb der Saison 1982/83 zu einem gran­diosen Final­sieg gegen Real Madrid geführt. Auf dem Weg ins End­spiel hatten die Schotten übri­gens auch Bayern Mün­chen aus­ge­schaltet.

Simple Ver­hält­nisse in Schott­land

Fer­guson hatte das Glück, in Schott­land auf­zu­wachsen, für einen Jungen wie ihn hätte es keinen bes­seren Ort geben können. Als Sohn eines Werft­ar­bei­ters kam er am letzten Tag des Jahres 1941 in Govan bei Glasgow zur Welt. Der Zweite Welt­krieg tobte noch, doch die Deut­schen hatten ihre Luft­an­griffe auf die nahe gele­genen Werft­an­lagen und Fabriken ein­ge­stellt. Govan war damals ein blü­hendes Indus­trie­zen­trum, und der Lärm der Fabriken war Tag und Nacht zu hören. Nach dem Krieg erlebte die Stadt aller­dings einen schlei­chenden Nie­der­gang. Die Werften wurden nach und nach still­ge­legt, den­noch erlebten Alex und sein ein Jahr jün­gerer Bruder Martin eine glück­liche Kind­heit. Die Familie bewohnte ein Apart­ment in einem der damals für Schott­land typi­schen Sand­stein-Wohn­blöcke. Die Brüder teilten sich eines der beiden Schlaf­zimmer, ihre Eltern das andere. Es gab eine Toi­lette, doch die Bade­wanne musste im Wohn­zimmer benutzt werden. Einmal in der Woche wurden die Jungen sau­ber­ge­schrubbt. Ihre Eltern gaben ihnen ein­fache Prin­zi­pien mit auf den Weg, die Fer­guson viele Jahre später als die tra­di­tio­nellen Werte der Arbei­ter­klasse“ beschrieb: Dis­zi­plin, gute Manieren, Ehr­lich­keit, Anstän­dig­keit“. Seinen Vater bezeich­nete er als red­li­chen Mann“, zu dessen Lieb­lings­sprü­chen die Weis­heit zählte: Wenn etwas wert ist, getan zu werden, dann ist es auch wert, gut getan zu werden.“

Letzt­end­lich bist du das, was deine Eltern waren.“

Wenn Alex und Martin von der Schule heim­kehrten, waren ihre Eltern meis­tens bei der Arbeit, aber oft­mals war die Tür unver­schlossen und sie fanden die Nach­richt eines Nach­barn, der sich Tee oder Zucker geborgt hatte. Eine weniger beschau­liche Seite der Gesell­schaft, in der die beiden auf­wuchsen, waren die reli­giösen Span­nungen zwi­schen Katho­liken und der pro­tes­tan­ti­schen Mehr­heit. Die Fer­gu­sons standen dar­über: Der Vater von Alex war Katholik, seine Mutter Pro­tes­tantin. Alex selbst wurde pro­tes­tan­tisch erzogen, sollte später aber eine Katho­likin hei­raten.
In seiner Auto­bio­grafie Mana­ging My Life“, die wenige Monate nach dem Sieg in Bar­ce­lona erschien, schrieb Fer­guson: Letzt­end­lich bist du das, was deine Eltern waren.“ Sein Vater neigte zu Wut­aus­brü­chen, seine Mutter war stark, unser Fels“. Beide Cha­rak­ter­züge treffen auch auf Alex zu, Fair­ness und gute Manieren blieben indes hin und wieder auf der Strecke.

Der Fuß­ball spielte stets eine zen­trale Rolle in seinem Leben. Sams­tags ging er mit Martin in den Ibrox Park, um die Ran­gers, tra­di­tio­nell der Klub der Pro­tes­tanten, spielen zu sehen. Daheim malte er sich dann aus, für die Blauen zu stürmen und Tore zu erzielen. Er kickte auf der Straße, wie es Jungs damals eben taten. Er spielte für seine Schule und die Mann­schaften gemein­nüt­ziger Jugend­or­ga­ni­sa­tionen, denen er und Martin auf Betreiben ihrer Eltern hin bei­traten. Gele­gent­lich gerieten die beiden den­noch in Prü­ge­leien, was ange­sichts der vielen Gangs in der Gegend kaum zu ver­meiden war.

Nach der Schul­zeit fing Alex eine Maschi­nen­bau­lehre an, schloss sich Glas­gows renom­miertem Ama­teur­klub Queen’s Park an und war nicht ganz 17 Jahre alt, als er beim Gast­spiel in Stran­raer für die erste Mann­schaft debü­tierte und bei der 1:2‑Niederlage gleich ein Tor erzielte. Seine nächste Sta­tion war St. John­stone, wo er vier wei­tere Jahre als Ama­teur aktiv war, bevor er 1964 bei Dun­fer­mline seinen ersten Pro­fi­ver­trag erhielt. Dort lernte er inter­na­tional erfah­rene Spieler kennen und begann, sich intensiv mit den tak­ti­schen Aspekten des Spiels zu beschäf­tigen. Die ent­spre­chende Fach­li­te­ratur stu­dierte er sta­pel­weise. Prio­rität genoss für ihn aber das Tore­schießen, und als ihn die Ran­gers 1967 für die dama­lige Rekord­ab­lö­se­summe von 65 000 Pfund ver­pflich­teten, erfüllte sich sein Traum, für die Blauen im Ibrox Park auf­zu­laufen.

Die Freude dar­über währte indes nur kurz. Der Trainer, der ihn ver­pflichtet hatte, wurde gefeuert und mit dessen nun zum Chef­coach beför­derten Assis­tenten kam Fer­guson über­haupt nicht klar. Nach zwei ent­täu­schenden Jahren wech­selte er für vier Jahre nach Fal­kirk, bevor er seine Kar­riere nach der Saison 1973/74 bei Ayr United been­dete. Für die schot­ti­sche Natio­nal­mann­schaft durfte er nicht ein ein­ziges Mal auf­laufen. Doch seine große Zeit sollte erst noch kommen.

Erste Sta­tion: East Stir­lingshire

Fer­gu­sons Lauf­bahn als Trainer begann 1974 wenig gla­mourös bei East Stir­lingshire, wo er für umge­rechnet 50 Euro die Woche anheu­erte, bevor er nach nur wenigen Monaten ein Angebot von St. Mirren erhielt, das wesent­lich grö­ßeres Poten­tial besaß. Er führte den Klub in Schott­lands höchste Spiel­klasse und sam­melte erste Erfah­rungen mit der Aus­bil­dung junger Spieler, was eines der bestim­menden Themen seiner Kar­riere werden sollte. In Aber­deen etwa hatte Fer­guson das Glück, auf viele junge Talente zurück­greifen zu können, dar­unter die beiden Ver­tei­diger Willie Miller und Alex McLeish, die er 1986 als Natio­nal­trainer zur WM mit­nehmen sollte.

Mit seiner Titel­samm­lung wuchs auch seine Repu­ta­tion. Fer­guson galt als Sie­gertyp mit aus­ge­prägter, bis­weilen ziem­lich rabiater Per­sön­lich­keit. Die Hairdryer“-Methode, wie Mark Hughes sie später bezeich­nete, kam regel­mäßig zum Ein­satz. Mit­tel­feld­spieler Billy Stark, den Fer­guson zu St. Mirren holte und später nach Aber­deen mit­nahm, erin­nert sich: Er baute sich direkt vor einem Spieler auf und stauchte ihn richtig zusammen. Nie­mand hat es jemals gewagt, ihm Wider­worte zu geben.“

Stark, der heute die schot­ti­sche U 21 betreut, ergänzt: Das konnte einen schon ziem­lich mit­nehmen, aber mich machte es zu einem bes­seren Spieler. Am schlimmsten bekam ich es nach einer 1:3‑Niederlage mit St. Mirren gegen Celtic ab. Celtic bekam damals einen Frei­stoß im Mit­tel­feld, ich drehte mich um und trabte zurück. Sie führten schnell aus und spielten den Ball über mich rüber zu einem Gegner, der flankte und schon war der Ball im Netz. Fer­guson ist nach dem Spiel aus­ge­rastet. Ich saß in der Ecke und zog mich um, als er plötz­lich einen Schuh nach mir warf. Des­wegen muss ich immer lachen, wenn die Leute die Geschichte mit Beckham erzählen.“ Beckham musste mit meh­reren Sti­chen über dem Auge genäht werden, Stark trug ledig­lich eine schmer­zende Schulter davon. Die Erin­ne­rung daran ist aber heute noch frisch.

Mehr als nur Wut

Das war einer der ent­schei­denden Momente meiner Kar­riere“, sagt er. Ich glaube nicht, dass Fer­guson so etwas ohne Kalkül macht. Da steckte mehr dahinter als nur Wut. Das war seine Art, Spieler auf die Probe zu stellen und zu schauen, ob sie den Mumm hatten, die Her­aus­for­de­rung anzu­nehmen. Ich beschloss, es ihm zu zeigen. Ich habe nie wieder dem Ball den Rücken zuge­kehrt.“

Ein Wut­aus­bruch, der mit Sicher­heit nicht gespielt war, ereig­nete sich im rumä­ni­schen Pitesti. Aber­deen war mit einem 3:0 aus dem Hin­spiel ange­reist, lag aber kurz vor der Pause 0:2 hinten. Fer­guson hatte vom sonst von ihm bevor­zugten 4−4−2 auf ein 4−3−3 umge­stellt. Einer der drei Angreifer war Gordon Stra­chan, der später auch für Fer­guson bei Man­chester United stürmte und bei der WM 1986 ein Tor gegen Deutsch­land erzielte. Das System ist super, wenn man die rich­tigen Spieler dafür hat“, erin­nert er sich. Aber wir wurden ein­fach ins kalte Wasser geworfen. Wir hatten das System, wenn über­haupt, einen Tag lang trai­niert. Mein Pech war, dass ich auf der Seite spielte, die der Trai­ner­bank am nächsten war.“

Dont’t talk to Fer­guson

Fer­guson schrie Stra­chan die ganze Zeit an. Ich sollte mich mehr zu unserem Mit­tel­stürmer Mark McGhee ori­en­tieren, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Kein Witz. Ich wollte nicht auf­müpfig sein, aber hatte so ein­fach noch nie gespielt. Und dann habe ich etwas echt Dummes gemacht. Einer unserer Spieler sagte immer, man solle sich nie­mals kurz vor der Pause mit Fer­guson anlegen. Als ich ihn anschrie, er solle die Schnauze halten, war mir also klar, dass ich in der Scheiße sitze.“

Die Mann­schaft ging vor dem Trainer durch den Kabi­nen­gang zur Halb­zeit­pause. Als er reinkam, saßen wir bereits mit hän­genden Köpfen da. Er ging schwei­gend auf und ab, bis er schließ­lich vor mir ste­hen­blieb. Ich spürte, wie die Jungs neben mir von mir abrückten. Dann baute er sich vor mir auf und stauchte mich nach Strich und Faden zusammen. Ich stand auf – nicht aus Trotz, ich musste ein­fach Luft holen – und er drehte sich weg, wobei er aus Ver­sehen meh­rere Becher Tee umkippte. Er sah mich schmun­zeln und stieß gleich den ganzen Samowar um. Das Ding war groß und schwer und heiß, das muss also weh getan haben.“ Aber­deen erreichte schließ­lich noch ein 2:2, wobei Stra­chan einen Elf­meter ver­wan­delte. Als ich antrat, dachte ich nur: Wenn du den ver­siebst, bist du ein toter Mann.“

Ein wich­tiger Teil von Fer­gu­sons Stra­tegie war es, den Spie­lern das Gefühl zu geben, unter stän­diger Beob­ach­tung zu stehen. Er war all­ge­gen­wärtig“, erin­nert sich Billy Stark. Man spürte förm­lich, dass er einen nie aus den Augen ließ. In Aber­deen über­ließ er die Lei­tung der Trai­nings­ein­heiten seinem Assis­tenten Archie Knox. Dann tauchte irgend­wann sein schwarzer Mer­cedes auf und bog auf den Park­platz ein. Manchmal sah er ein­fach von dort aus zu. Das hatte Methode: Wir wussten, dass er da war, und genau das wollte er. Wir sollten das Gefühl haben, dass ihm nichts ent­geht. Dieser Kon­troll­wahn war ihm schon immer zu eigen.“

Zudem ver­suchte er, die Schieds­richter ein­zu­schüch­tern und den Spie­lern ein­zu­bläuen, die ganze Welt wäre gegen sie. In Schott­land war es ange­sichts der Über­macht von Celtic und den Ran­gers noch relativ ein­fach, seinen Spie­lern den Status des ewigen Under­dogs zu ver­mit­teln. Um den glei­chen Effekt bei United zu erzielen, war aller­dings eine regel­rechte Gehirn­wä­sche nötig – und trotzdem gelang es Fer­guson Jahr für Jahr.

Was Fer­guson in Schott­land erreicht hat, ist gar nicht hoch genug ein­zu­schätzen. Die Zahlen spre­chen für sich: Nur vier der letzten 46 schot­ti­schen Meis­ter­schaften gingen nicht an einen der beiden großen Klubs aus Glasgow, an die Ran­gers oder Celtic. Dreimal gelang dem FC Aber­deen unter Fer­guson dieses Kunst­stück, und auch im Euro­pa­pokal strahlte die Mann­schaft bemer­kens­wertes Selbst­ver­trauen aus. Bevor United ihm 1986 ein Angebot machte, das er nicht ablehnen konnte, hatte Fer­guson bereits Arsenal und Tot­tenham einen Korb gegeben.

Die erste Zeit war nicht leicht, doch Fer­guson sah keinen Anlass, seine Methoden zu ändern. Auch der Kon­troll­wahn blieb: Fer­guson ließ öffent­lich ver­laut­baren, dass er dankbar für jed­wede Infor­ma­tion dar­über wäre, wo seine Spieler ihr Bier tranken und wie viele. Einige der talen­tier­testen Spieler von United waren ebenso talen­tierte Trinker, dar­unter Bryan Robson, Paul McGrath und Norman White­side. Robson lernte, sich zurück­zu­halten, McGrath und White­side mussten gehen.

Frei­heiten für King Eric

Es sollte ein paar Monate dauern, bis sich Fer­gu­sons Wut erst­mals mit aller Macht entlud. United musste bei Tot­tenham antreten, und weil die Lon­doner eine starke Saison spielten, machte Fer­guson sich die Mühe, ihr Spiel ein­ge­hend zu ana­ly­sieren. Außen­ver­tei­diger Arthur Albiston erin­nert sich: Vor der Partie erläu­terte er uns aus­führ­lich die Spiel­weise von Tot­tenham. Wir sollten vor allem auf die Flanken von Chris Waddle und die Vor­stöße von Links­ver­tei­diger Mit­chell Thomas achten. Wir ver­loren 0:4, und Thomas machte zwei Toren nach Flanken von Waddle. Nach dem Spiel hat er sich jeden von uns ein­zeln vor­ge­nommen, inklu­sive Bryan Robson.“

Fer­guson hatte gelernt, nicht alle Spieler über einen Kamm zu scheren. In Aber­deen hatte er sich auf seinen noto­risch trai­nings­schwa­chen Innen­ver­tei­diger Willie Miller stets ver­lassen können und ging dem­entspre­chend mit ihm um. Bei United gestand er seinem begna­deten Kapitän Robson etwas mehr Frei­heiten zu, ebenso Eric Can­tona, dessen Ver­pflich­tung im Herbst 1992 sich als spek­ta­ku­lärer Glücks­griff erwies.

Bis dahin hatte Fer­guson nach sechs Jahren mit United zwar den FA Cup und den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger gewonnen, aber noch keine Meis­ter­schaft. Der Mann­schaft schien ein ganz bestimmtes Ele­ment zu fehlen und das erhielt sie in Person von Can­tona. Auf Anraten seines Freundes Gerard Houl­lier, damals Trainer der fran­zö­si­schen Natio­nal­mann­schaft, holte Fer­guson das Enfant ter­rible für 1,2 Mil­lionen Pfund von Leeds United nach Old Traf­ford. Leeds hatte ein Jahr zuvor mit Can­tona zwar die Meis­ter­schaft gewonnen, doch das Ver­hältnis des lau­ni­schen Genies zu Trainer Howard Wil­kinson war ange­spannt geblieben.

Ein Geschenk des Him­mels

Für United erwies sich Can­tona als ein Geschenk des Him­mels. Mit ihm änderte sich alles. In den 17 Spielen vor seiner Ankunft hatte die Mann­schaft im Schnitt ein Tor pro Spiel erzielt. Mit Can­tona wurden stieg die Quote auf durch­schnitt­lich zwei Treffer, und am Ende fei­erte United die erste Meis­ter­schaft seit 26 Jahren. Fer­guson war nun end­gültig unan­tastbar, er hatte die volle Kon­trolle.

Im Falle von Can­tona ließ er sie auf sub­tile Weise walten. Für den Fran­zosen galten beson­dere oder eigent­lich gar keine Regeln. Als United einmal zu einer Ehrung ins Rat­haus der Stadt geladen wurde, ord­nete Fer­guson Anzug und Kra­watte an. Alle Spieler hielten sich daran, außer Can­tona, der im Trai­nings­anzug erschien. Fer­guson sagte nichts. Der Fran­zose war ein­fach zu wichtig, um sich mit ihm anzu­legen.

Auch Roy Keane nahm bei Fer­guson eine Son­der­stel­lung ein. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mich selbst auf dem Platz sehe“, sagte der Trainer einmal über seinen kampf­starken Kapitän. Erst als Keane in die Jahre gekommen war und nicht mehr uner­setz­lich, schob Fer­guson ihn nach einem Inter­view, in dem Keane einige seiner Mit­spieler heftig kri­ti­siert hatte, zu Celtic Glasgow ab.

David Beckham war anders. Er war eines der vielen Talente aus der eigenen Jugend, die bei United die Ära nach Can­tona prägten. Beckham kam mit den Neville-Brü­dern, Paul Scholes und Nicky Butt in die erste Mann­schaft. Alle fünf spielten auch für Eng­land und standen stell­ver­tre­tend für Fer­gu­sons Glauben an die Jugend. Beckham war anfangs noch recht pfle­ge­leicht. Das sollte sich aber ändern, als er das Spice Girl und seine spä­tere Frau Vic­toria Adams ken­nen­lernte.

Fer­guson gegen Vic­toria Beckham

Fer­guson und Vic­toria konnten sich nicht leiden. Es war, als würden sie David in ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tungen zerren, auf der einen Seite seriöses Pro­fitum, auf der anderen Show­busi­ness und Familie. Als David einmal trai­nings­frei bekam, um sich um ein angeb­lich krankes Kind zu küm­mern, wurden die Beck­hams auf einer Moden­schau in London foto­gra­fiert. David flog aus der Mann­schaft und wurde schließ­lich an Real Madrid ver­kauft.

Sein Fehler war es gewesen, sich Fer­gu­sons Kon­trolle ent­ziehen zu wollen. Auch Wayne Rooney wagte es auf spek­ta­ku­läre Weise, die Auto­rität seines Trai­ners in Frage zu stellen. Fer­guson hatte den Stürmer für 30 Mil­lionen Euro vom FC Everton geholt, und Rooney war zu einem uner­setz­li­chen Bestand­teil der Mann­schaft geworden. Als er im Oktober 2010 Wech­sel­ab­sichten hegte, nutzte der scheinbar fas­sungs­lose Fer­guson die Macht der Medien, um die Öffent­lich­keit gegen seinen Spieler auf­zu­bringen, der drei Tage später seine Mei­nung änderte und einen neuen Fünf­jah­res­ver­trag unter­schrieb. Fer­guson hatte wieder einmal bekommen, was er wollte. Seine Macht war unge­bro­chen.

Anfang 2010 hatte er bei einem Vor­trag vor Phi­lo­so­phie­stu­denten im Dub­liner Tri­nity Col­lege gesagt: Die beiden ent­schei­denden Fak­toren in meiner Kar­riere waren Macht und Kon­trolle. Kon­trolle ist das Wich­tigste. Sobald ich über die Mul­ti­mil­lio­näre bei Man­chester United die Kon­trolle ver­liere, kann ich ein­pa­cken. Sobald jemand ver­sucht, sich meiner Kon­trolle zu ent­ziehen, kann er ein­pa­cken.“

Kon­trolle, Beob­ach­tung und der Umgang mit Ver­än­de­rungen.“

Auf die Frage, wel­ches die drei wich­tigsten Ele­mente seines Füh­rungs­stils sind, sagte Fer­guson: Kon­trolle, Beob­ach­tung und der Umgang mit Ver­än­de­rungen.“ Beim Umgang mit Ver­än­de­rungen hat Fer­guson stets ein untrüg­li­ches Gespür bewiesen, sei es hin­sicht­lich der Wei­ter­ent­wick­lung des Spiels auf allen Ebenen, der Not­wen­dig­keit, immer neue Impulse zu setzen, oder der Fähig­keit, Spieler, die schon alles erreicht haben, zu immer neuen Höchst­leis­tungen zu treiben. Fer­guson hat gelernt, sich nicht mit Dingen auf­zu­halten, die er ohnehin nicht kon­trol­lieren kann, wie Ohr­ringe, Tat­toos oder extra­va­ganten Tor­jubel. Als ein Stu­dent nach­hakte, was er mit Beob­ach­tung meine, sagte er: Auf alles zu achten, was um einen herum pas­siert und zu ana­ly­sieren, was wichtig ist. Gefahren und Chancen erkennen, die andere nicht sehen. Das alles kommt mit der Erfah­rung.“
 Er hätte auch sagen können: mit der unbe­grenzten Bereit­schaft, alle Mühen auf sich zu nehmen. United beschäf­tigt heute einen Stab von Spe­zia­listen, die sich um sämt­liche Belange der Spieler küm­mern, von der rich­tigen Ernäh­rung bis hin zur Fuß­pflege. Befragt, warum kein Psy­cho­loge dabei sei, hat Fer­guson einmal geant­wortet: Das mache ich selbst.“

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HIN­WEIS: Dieser Text erschien bereits in unserer Aus­gabe 11FREUNDE #123 anläss­lich des 70. Geburtstag von Sir Alex Fer­guson