Seite 5: Am Ende war Stille

Wie Opa und Enkel
Es war ein Moment wie vor dem ent­schei­denden, viel­leicht letzten Elf­meter: Rudi Assauer stand vor den stäh­lernen Stufen zum hei­ligen Schalker Rasen. Genau zwi­schen dem Kabi­nen­gang, der auf Schalke einem Berg­werks­stollen nach­emp­funden ist, und der Gras­nabe. An seiner Seite Rudis Tochter, Marc Wil­mots und Cle­mens Tön­nies. Glück auf, dachte ich, und sagte die Sätze ins Mikro­phon, die mir so aus tiefster Seele, nein aus tiefstem Herzen kamen: Jetzt kommt der Mann zu uns, dem alle Schalker so viel zu ver­danken haben. Dem alle Schalker diese Arena zu ver­danken haben – Rudi Assauer!“ Ich merkte, wie meine Stimme bei­nahe erstickte, und auch Reiner Cal­mund schossen neben mir die Tränen in die Augen. Cali hatte mich Stunden zuvor darauf hin­ge­wiesen: Dat wird dä schwie­rigste Moment des janzen Abends, weil dä Rudi ja nit mehr bei allen so belieb is. Da musste als Mode­rator risch­tisch Fin­ger­spit­ze­je­fööl han…“ Was würde pas­sieren? Rudi Assauer und die Drei an seiner Seite setzen ihre ersten Schritte zag­haft auf die Treppen, an Cali und mir vorbei. Unter dem langsam anschwel­lenden, dann tosenden Bei­fall zehn­tau­sender, ganz nor­maler Men­schen die Stufen herauf. Gestützt von Willi, seinem Lieb­lings­kampf­schwein, und Cle­mens Tön­nies, den der Schalker Macher einst geholt hatte, und von dem er viele Jahre später dann selbst ent­lassen worden war. Span­nung pur, eben wie beim letzten Elf­meter. Aber dann: Nur warmer, immer lauter wer­dender Applaus. Kein ein­ziger Pfiff! Weder von den Schalke- und Deutsch­land-Fans, noch von den tür­ki­schen Zuschauern, die zum Legenden-Spiel Deutsch­land-Türkei gekommen waren. Dieser Moment war Ruhr­pott pur: Inte­gra­tion! Herz­lich­keit! Ver­geben und ver­gessen, was da viel­leicht einmal nicht so rund gelaufen war. In Ehr­furcht und Dank­bar­keit ver­eint – vor der Größe dieser Lebens­leis­tung! Rudis Schritte auf seinem Rasen waren langsam und bedacht, denn schnell und pol­ternd, wie er früher so oft reagiert und gespro­chen hatte, diese Zeiten waren vorbei. Das merkte jeder – und ganz beson­ders Rudi Assauer selbst. Um Mit­ter­nacht, beim gemein­samen Happy Bir­thday“, ich glaube für Klaus Fischer, saß Rudi etwas in sich gekehrt an einem kleinen Tisch, neben seiner Tochter und seinen engsten Beglei­tern. Der volle Raum mit Natio­nal­spie­lern von Icke Häßler über Kalle Riedle bis Toni Schu­ma­cher und Mario Basler war irgendwie nicht mehr seine Situa­tion. Zwar gefiel ihm die schal­lende Atmo­sphäre der Good Old Boys“, aber er konnte halt nicht mehr mit­dis­ku­tieren. Keine Anek­doten mehr raus­hauen, so wie früher. Rudis Tochter kam zu mir und sagte nur leise: Papa möchte, dass Du Dich zu uns setzt.“ Ich Klaus Fischer und Olaf Thon noch höf­lich Tschüss“, weil ich irgendwie spürte, dass dieser Abend des Jubel-Trubel“ für mich nun zu Ende sein würde. Rudi gab mir etwas zit­ternd die Hand und sagte nur leise: Danke!“

Mehr konnten wir zuerst einmal gar nicht reden, nur die Hände halten und dann gegen­seitig auf die Ober­schenkel legen. So, wie es Groß­väter und Enkel machen. Rudi war einer der Väter und Kinder der Bun­des­liga, irgendwie beides. Spieler, Manager, knall­harter Hau­degen, bra­chialer Vor­kämpfer und groß­spu­riger Macher. In diesen Momenten, an diesem ruhigen Tisch in der prall­vollen Loge auf Schalke, war er ganz ruhig. Ganz nach­denk­lich, reflek­tiert, oft in sich gekehrt. Manchmal konnte er Gedanken klar folgen oder gar selbst for­mu­lieren. Manchmal aber auch nicht mehr. Er hatte an diesem Abend das naive Strahlen eines Kindes. Eines stolzen Kindes der Bun­des­liga. Und den Stolz eines Vaters und Groß­va­ters. Und obwohl wir alle am Tisch wussten, dass wir eigent­lich in den Energie-Spar­modus hätten wech­seln müssen, tranken wir Bier und hielten die Zeit an. Bis auch der letzte Gast gegangen war und das Per­sonal die letzte Runde abge­räumt hatte. Wir schli­chen diesmal die Stufen der Arena hin­unter und gemeinsam heraus. Stille. Nur noch wir vier Leut­chen. Es war ziem­lich genau um 04 Uhr mor­gens, als der Wach­mann auf Schalke das letzte Tor hinter uns Schloss. Mach et gut, Rudi! Und Glück auf!“

Ste­phan Kaußen, Mode­rator