Seite 4: Ein wundersamer Mann

Wurst­würfel ohne Ende
Ich habe Rudi Assauer nicht wirk­lich gekannt, aber an den wenigen Gele­gen­heiten, bei denen wir uns in einem Raum befanden, war er ein Mann ohne Berüh­rungs­ängste. Meist war das im Pres­se­raum der Bie­le­felder Alm, in dem ich als lokaler Jour­na­list vor den Spielen und in der Halb­zeit­pause meinen Kaffee trank. So oft kam es gar nicht vor, dass sich die Fuß­ball­pro­mi­nenz dort die Ehre gab, aber Assauer, der ja auch pro­blemlos in den VIP-Raum hätte gehen können, schien sich in der Gesell­schaft der Reporter sehr wohl zu fühlen. Er kannte Hinz und Kunz, gerade von den Schalker Bericht­erstat­tern, plau­derte hier, plau­derte da. Keine Scheu vor unbe­quemen Gesprä­chen, die brauchte er auch nicht zu haben, statt­dessen herrschte in seiner Anwe­sen­heit eine alle schrillen Töne à priori ersti­ckende Jovia­lität. Ach ja, wäh­rend es im VIP-Raum rich­tiges“ Essen gab, war das Cate­ring für die Pres­se­leute rus­ti­kaler. Einmal hatte ich ein Auge auf einen Teller mit gewür­felter Fleisch­wurst geworfen, warum auch immer, wahr­schein­lich Kater, ich weiß es nicht mehr. Mein Pro­blem war der freie Zugang, denn unmit­telbar vor dem Tisch plau­derte Assauer in einer Traube und warf sich dabei einen Wurst­würfel nach dem anderen ein. Als der Weg wieder frei wurde, große Ent­täu­schung: Der Teller war leer. Er hatte ihn kom­plett erle­digt. Rudi Assauer war ein Mann, der das Leben nahm, wie es kam, und das in vollen Zügen.

Jens Kir­schneck

Ver­gan­gene Legende
Meine Familie kommt aus Ost­west­falen, mein Onkel bewirtet bei Bad Oeyn­hausen einen Bau­ernhof. Er ist HSV-Fan, immer gewesen, aber Rudi Assauer fand er super­toll. Ich erin­nere mich an Abende vor dem Fern­seher in den 1990ern – ran“ guckten wir damals. Immer wenn Assauer ins Bild kam, sagte mein Onkel dat is’ noch ne Type, ne?“. Ich hatte keine Ahnung, aber heute weiß ich: Ja, das war ne Type. Einer der letzten seiner Art. Natür­lich völlig unmög­lich, dass so einer wie Assauer heute nochmal irgendwie Erfolg hat. Fette Zigarre, Sakkos mit steifen Schul­ter­pols­tern, kri­ti­scher Blick, biss­chen maul­faul – Assauer ist der Pos­terboy der alten, west­deut­schen Macho-Macher, so ein biss­chen wie Donald Trump für den ame­ri­ka­ni­schen Rea­lity-TV-Tur­bo­ka­pi­ta­lismus: irgendwie von ges­tern. In Deutsch­land werden solche Typen heut­zu­tage gleich ins Dschun­gel­camp geschickt, oder sie betreiben Trikot-Klitschen im Schwä­bi­schen wie der Tri­gema-Boss Wolf­gang Grupp. Jeden­falls sind sie Per­sonae non gratae für alle, die es mit Geschlech­ter­gleich­stel­lung halten und Ange­berei nicht aus­stehen können. Ich glaube, Rudi Assauer war sich seinem Image immer bewusst. Das unter­scheidet ihn von Trump und Grupp, und des­halb mochte ihn mein Onkel wohl auch so. Assauer hat wahn­sin­nige Erfolge im Fuß­ball gefeiert und so viel Gutes außer­halb des Fuß­balls getan. Das macht ihn zur Legende. Zur Legende einer Zeit, die wirk­lich längst vorbei ist.

Max Pol­onyi

Ein wun­der­samer Mann
Ich bin Jahr­gang 1996, als die Euro­fighter mit dem gewon­nenen Uefa-Cup durchs Sta­dion tuckerten, tapste ich im Sand­kasten umher. Als der HSV Schalke kurz­fristig den Meis­ter­titel kos­tete, krit­zelte ich ein paar unles­bare Buch­staben auf Papier. Das erste Mal, dass ich Rudi Assauer wirk­lich wahr­nahm, war, als er mir im Fern­sehen sein Bier ver­kaufen wollte. Der Onkel aus der Wer­bung, dem sein Gesöff wich­tiger war als seine Freundin. Ich wun­derte mich: Wieso muss dieser Mann so angeben? Warum mag er die Frau im Bett nicht? Aber das Publikum ver­ehrte ihn im Sport­fern­sehen. Wenn Assauer auf­tauchte, waren sie glück­lich, jubeltem ihm zu. Soll er eben auf seine Art das Geld ver­dienen, der ändert sich sowieso nicht mehr“, sagten mir dann die Älteren damals und ich hörte auf, das zu hin­ter­fragen. Heute ärgere ich mich, Assauers große Momente ver­schlafen zu haben. So war er leider immer etwas zu weit weg in der Fuß­ball­his­torie. Seine Altz­heimer-Erkran­kung und sein Tod haben mich den­noch traurig gemacht, weil ich zumin­dest gelernt hatte, wie vielen Men­schen er etwas bedeu­tete. 

Leon Wohl­leben

Respekt, Unsym­path
Die ersten neun Jahre meines Lebens ver­brachte ich in einem Land, das es nicht mehr gibt. Als Rudi Assauer 1993 zum zweiten Mal in seinem Leben Schalke-Manager wurde, war die Mauer zwar schon seit fast vier Jahren gefallen, doch Bran­den­burg sah noch immer ziem­lich genauso aus. Seine Men­schen auch. Dieser Rudi Assauer hin­gegen, den ich da Woche für Woche im Fern­sehen sah, sah aus wie der Pro­totyp des West­deut­schen, vor dem sie uns im Hei­mat­kunde-Unter­richt der DDR immer gewarnt hatten. Er sah aus wie einer, der den lieben langen Tag über nichts anderes tat, als mit seinem Por­sche-Cabrio von Stei­gen­berger-Hotel zu Stei­gen­berger-Hotel zu rasen. Die obli­ga­to­ri­sche Zigarre zwi­schen den Finger, die ansonsten wahl­weise und jeder­zeit die Rich­tung oder anderen den Weg, also den Effe“, anzeigen konnten. Die Son­nen­brille in den zurück­ge­legten Haaren. Die eine Frisur bil­deten, von der ich immer annahm, sie sei so, weil Typen wie Assauer ein­fach so forsch durch das Leben peit­schen, dass die Haare sich von ganz allein nach hinten quar­tieren. Kurzum: Ich hatte ein biss­chen Angst vor Rudi Assauer. Was ihn mir nicht son­der­lich sym­pa­thisch machte. Aber immer, bis heute, dachte ich eben auch: Dem kann man nix. Für die, für die er da sein muss, und das war immerhin eine ganze, königs­blaue Reli­gion, konnte man dann nur froh sein. Er war, er ver­kör­perte, im wirk­lich wahrsten, im phy­sischsten Sinne: Schalke 04. Das ist mir immer noch nicht sym­pa­thisch. Aber es flößt mir ver­dammt nochmal mehr Respekt ein, als ich zu sagen im Stande wäre.

Ilja Beh­nisch