Seite 3: Auf Teufel komm raus

Demons­tra­tive Härte
Das hätte ich mal besser nicht gemacht: Huub Ste­vens zu fragen, warum Schalke beim grau­en­haften Null­null gegen Frank­furt so ein­fallslos gespielt hatte. Assauer hörte das, damals noch im Pres­se­raum des alten Park­sta­dions, wo man sei­ner­zeit noch zum Nach­ge­spräch nach vorne kam. Und Assauer hörte das nicht nur, es gefiel ihm auch nicht, wie da so ein Schrei­ber­ling seinem Kumpel auf­müp­fige Fragen stellte. Was woll’nse denn damit sagen?“, knurrte er mich an. Das klang so, als würde es direkt mal was um die Ohren geben. Assauer war auch Macho und Proll, aber das war selbst in dieser Situa­tion nicht unsym­pa­thisch, weil er das thea­tra­lisch über­zeich­nete. Ob er einen Freund ver­tei­digte oder auch sonst. Ich weiß, es klingt fürch­ter­lich kit­schig, aber ich hatte wirk­lich immer den Ein­druck, als wolle er hinter dieser demons­tra­tiven Härte sein wei­ches Herz ver­bergen.

Chris­toph Bier­mann

Auf Teufel komm raus
Ich bin kein Euro­fighter – 1997 war ich zu jung. Ich bin kein Meister der Herzen – 2001 hatte mich Königs­blau noch nicht gepackt. Erst in den späten Jahren der Ära Assauer wurde ich zum Schalke-Fan. Der Pokal­sieg 2002 war mein erster Tri­umph, Jörg Böhme mein Held. Schalke und Assauer fei­erten aus­giebig, so aus­giebig, dass der Manager den Pokal demo­lierte. 2003 mein erstes Mal in der Arena, Assauers Denkmal. Ein 1:1 gegen den VfL Wolfs­burg. Auf der Rück­fahrt sin­nierten zwei Fans in der Stra­ßen­bahn über 2001, über Markus Merk und die Nach­spiel­zeit. Ich wollte ein­fach einmal Deut­scher Meister sein, ver­stehse? Einmal!“ Ich ver­stand, obwohl ich weder ange­spro­chen, noch dabei war. Ich ver­stand, was Assauer antrieb. Uli Hoeneß warf Assauer vor, er wolle auf Teufel komm raus Titel holen.“ Viel­leicht wollte er das. Und holte dafür Spieler, die zu Helden meiner Kind­heit und frühen Jugend wurden. Jörg Böhme mit seinem fan­tas­ti­schen linken Außen­rist. Gerald Asa­moah, der Wühler. Hamit Alt­intop aus Wat­ten­scheid. Ebbe Sand mit seinem Tor zum Der­by­sieg in Dort­mund nach mehr als neun Monaten ohne Treffer. Frank Rost, der in diesem Spiel zwei Elf­meter hielt und Nor­bert Dickel in die Ver­zweif­lung trieb. Das Abwehr­boll­werk aus Bordon und Krstajic. Lin­coln, der groß­ar­tige Spiel­ma­cher, der Schalke am 25. Spieltag der Saison 2004/05 per Frei­stoß zum Sieg über Bayern und an die Tabel­len­spitze der Bun­des­liga schoss. Die Tabel­len­füh­rung hielt eine ganze Woche. Näher sollte Rudi Assauer der Meis­ter­schaft in seiner Zeit auf Schalke nach 2001 nicht mehr kommen. Er hätte sie ver­dient gehabt.

Flo­rian Nuss­dorfer

Unge­nierter Macho
Als wir Rudi Assauer im Dezember 2001 auf Schalke zum Inter­view trafen, befand er sich auf dem Höhe­punkt seiner Macht. Uefa-Cup-Sieger, Meister der Herzen, Erbauer der neuen Arena. Der Manager strahlte ein Selbst­be­wusst­sein aus, das selbst im von Alpha­männ­chen durch­setzten Fuß­ball­mi­lieu sei­nes­glei­chen sucht. Wie ein König, der weiß, dass seine Unter­tanen in Dank­bar­keit zu ihm auf­sehen. Später einmal, als sich der Wind drehte, sollte ihm diese Hal­tung zum Ver­hängnis werden. Doch im Winter 2001, das war zu spüren, konnte ihm hier keiner was. Die Zeit fürs Gespräch war auf eine Stunde begrenzt, doch als mein Kol­lege Volker sagte, er würde gern mal die Kata­komben der Arena sehen, griff der Manager zum Telefon, bestellte einen Fahrer, der uns rüber ins Sta­dion fuhr, wo uns Assauer höchst­per­sön­lich durch sein Reich führte. Dabei sprach er nicht wie ein stolzer Regent, son­dern eher wie ein Steiger zu den Berg­män­nern. Hier, Jungs, die Farbe der Roll­treppen: königs­blau. Der Her­steller war nicht ein­fach zu finden.“ Im sprung­haften Fuß­ball habe ich nie wieder einen Funk­ti­ons­träger getroffen, der mit der­ar­tiger Läs­sig­keit in sich ruhte. Assauer war noch mit der Schau­spie­lerin Simone Tho­m­alla liiert. Als es um sie ging, nannte er sie die Alte“. Wenn man es liest, wirken seine Worte stumpf und despek­tier­lich, aber wer ihm zuhörte, spürte die lie­be­volle Hoch­ach­tung, die er vor seiner Part­nerin hatte. Dass er offenbar genoss, wie die beiden eine Bezie­hung auf Augen­höhe führten, die es ihm sogar erlaubte, öffent­lich weiter unge­niert den Macho zu spielen. Am Ende eines langen Nach­mit­tags in Gel­sen­kir­chen pro­phe­zeite er: Spä­tes­tens 2005 wird Schalke 04 Deut­scher Meister. Dann kann ich mich end­lich zur Ruhe setzen.“ Auch ohne Sym­pa­thien für die Knappen, Rudi Assauer hätte man gewünscht, dass es so kommt.

Tim Jür­gens

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Der Pro­totyp
Rudi Assauer war Schalke 04. Ich habe keine Ahnung, was er vorher gemacht hat und eigent­lich will ich es auch gar nicht wissen. Meiner Wahr­neh­mung nach war Assauer ver­ant­wort­lich für diesen Verein. Sein Manager; viel­leicht der Erste, den ich kannte, der mir also ein Bild brachte zu diesem Wort, dass zu einer Berufs­be­zeich­nung gehörte, von der ich mir nie vor­stellen konnte, wofür sie eigent­lich stand. Vulgär war er, im besten Sinne, nah dran, am Volk der Königs­blauen, so kam es mir zumin­dest vor. Diese Zigarre! Er zog immer an ihr, wirk­lich immer, sodass seine Wangen sich ständig nach innen wölbten, wäh­rend er ein­fach nur da stand, Fuß­ball guckte und ein Manager war. Eine Son­nen­brille sollten die Augen dieses Mannes auch an Tagen ohne Son­nen­schein abdun­keln. Warum, weiß ich nicht. Wenn ich mir heute ältere männ­liche Manager vor­stelle, sehen sie alle ein biss­chen aus wie Assauer. Dann war er lange weg aus meiner Wahr­neh­mung. Bis er mich mit seinem offenen Umgang mit seiner Krank­heit beein­druckte.

Claudio Riz­zello