Die Seele des Fuß­balls
Es gibt viele Anek­doten im Leben des Rudi Assauer – und diese vier­ein­halb Minuten im Mai 2001“. Auf Ewig haben sie sich ins Schalker Gedächtnis ein­ge­brannt und letzt­lich auch in meines. Der Moment in der Geschichte der Bun­des­liga und in meiner Repor­terlauf­bahn. Der Meister der Herzen“ und ich, der Reporter der Schmerzen“. Fast jeder Fuß­ballfan weiß, wovon ich rede. Ich erspare mir, das nochmal aus­zu­führen, gleich­wohl der Film“ auf der Fest­platte in meinem Schädel von Zeit zu Zeit ein­fach auto­ma­tisch abläuft. Die Seele des Fuß­balls lebt im Ruhr­pott und Du hast sie ver­kör­pert wie kaum ein Zweiter. Lieber Rudi, ich hoffe, dass ich Dir irgend­wann die Schale mit nach oben bringen kann. Ich glaube, ich bin Dir noch was schuldig.

Rollo Fuhr­mann, Fuß­ball-Reporter

Herr Fra­ge­steller
Es muss 2007 gewesen sein, da saß ich mit Rudi Assauer beim DSF-Dop­pel­pass. Um beim feucht­fröh­li­chen Stamm­tisch nicht unter­zu­gehen, lohnte es sich schon damals, ein paar grif­fige Thesen parat zu haben. Zumal es an diesem Sonntag im Dop­pel­pass neben der aus­führ­li­chen Ana­lyse des FC Bayern auch um den FC Schalke 04 gehen sollte. Ich hätte mir jedoch jede Vor­be­rei­tung sparen können, Rudi Assauer bestritt gemeinsam mit Jörg Won­torra die Sen­dung nahezu allein. Wir Jour­na­listen dienten allen­falls dazu, hin und wieder nickend oder schmun­zelnd ein­ge­blendet zu werden, ansonsten duel­lierten sich die beiden Sil­ber­rü­cken mit einem beein­dru­ckenden Arsenal an Stamm­tisch­weis­heiten, flotten Sprü­chen und abschät­zigen Bemer­kungen über den Sach­ver­stand des jeweils anderen. Immer wenn Won­torra den Schalke-Manager mit irgend­einem unschönen Faktum (Punk­te­stand, finan­zi­elle Situa­tion, was auch immer) kon­fron­tierte, verzog Assauer spöt­tisch das Gesicht und schwieg erst einmal ein paar Sekunden, bis die ange­trun­kenen Zuschauer an den Bier­ti­schen schon ganz unruhig wurden. Und dann bequemte er sich und lei­tete seine Ant­wort stets mit dem Intro ein: Herr Fra­ge­steller…“, ganz so als habe sich Klipp­schüler Won­torra in einer Deutsch­stunde zu Wort gemeldet. Da lachte das Publikum und hörte auch nicht auf, wenn Assauer in seiner Ant­wort weder auf die Frage ein­ging, noch sonst allzu Erhel­lendes von sich gab. So ging das zwei Stunden und dann war auch schon alles vorbei. Als Jörg Won­torra schließ­lich die Sen­dung abmo­de­rierte, erhob sich Assauer mit gespieltem Stöhnen aus dem roten Sessel und zwin­kerte mir dezent zu. Das hatte ihm Spaß gemacht. Und uns auch.

Philipp Köster

Bewe­gende Erin­ne­rungen
Ich habe Rudi Assauer nur einmal per­sön­lich getroffen, falls man das so nennen kann, wenn zwei Leute sich im selben Pres­se­raum befinden. Das war im November 2000, bei einem Pokal­spiel zwi­schen Schalke 04 und Borussia Dort­mund. Wie pas­send, denn obwohl er heute vor­nehm­lich als Schalker wahr­ge­nommen wird, war und blieb er auch ein echter Borusse, wes­halb sein Tod am Bor­sig­platz fast ebenso tief betrauert wird wie am Schalker Markt.

Man sieht das auch daran, dass mir Assauer später immer wieder bei irgend­wel­chen Buch­pro­jekten begeg­nete. So hörte ich schon einige Monate, bevor sie publik wurde, von seiner Alz­heimer-Erkran­kung, und zwar auf Umwegen durch Dieter Hoppy“ Kurrat, seinen ehe­ma­ligen Mann­schafts­ka­me­raden beim BVB. Zwar konnte Hoppy die Dia­gnose nicht mit Namen benennen, aber seine Beschrei­bung ließ ver­muten, um was es sich han­delte.

Das geschah bei der Recherche zu einem Buch über die Fans des BVB, und in diesen Monaten fiel der Name Assauer noch viel häu­figer. Zum einen natür­lich, weil er zu den Helden von 1966“ gehörte, der ersten deut­schen Elf, die einen Euro­pacup gewann. Zum anderen aber auch, weil viele der älteren Anhänger von einem Kino erzählten, das ein Zweig der Familie Assauer bis in die frühen Sech­ziger am Bor­sig­platz betrieb. Zwar war Rudi selbst weder in Dort­mund geboren noch auf­ge­wachsen, doch wegen dieser Ver­bin­dung galt er einer bestimmten Genera­tion von Dort­mun­dern als Junge vom Bor­sig­platz ehren­halber.

So richtig intensiv wurde die Beschäf­ti­gung mit Assauer dann aber im Herbst 2013, denn da begann ich, mit Werner Hansch an seiner Auto­bio­grafie zu arbeiten. Für ein sol­ches Pro­jekt braucht man ja eine bestimmte Moti­va­tion. Meine war es, die fas­zi­nie­rende und fast unbe­kannte Fami­li­en­ge­schichte von Hansch zu erzählen. (Sein Vater war in der Nazi­zeit aktiver Kom­mu­nist.) Hansch hin­gegen wollte das Buch machen, weil er wegen seiner langen Bezie­hung zu Assauer in das Thema Alz­heimer ein­ge­taucht war und eine Platt­form suchte, um die Alz­heimer-Initia­tive bekannt zu machen.

So saßen Hansch und ich oft und lange in einem Dort­munder Café, und sehr häufig kam dabei die Rede auf Assauer. Beson­ders bewe­gend waren Hanschs Erin­ne­rungen an einen Tag im November 2010, als er mit Assauer einen Auf­tritt vor dem Lions Club Borken im Schloss Raes­feld hatte. Die beiden wurden damals gerne gebucht, weil sie prima als Duo funk­tio­nierten. Wie Hansch sagte: Ein Ahnungs­loser, das war ich, stellte dumme Fragen über Fuß­ball und Rudi beant­wor­tete sie, indem er launig und humorig aus dem Näh­käst­chen plau­derte.“ Doch nicht an diesem Tag, denn da war Assauer fahrig, unkon­zen­triert, ver­gess­lich. Wenige Stunden später beich­tete er Hansch unter Tränen, dass irgendwas mit ihm nicht in Ord­nung war.

Hansch beschrieb mir ein­dring­lich, wie überall in Assauers Wohn­zimmer Kreuz­wort­rätsel und Denk­sport­auf­gaben her­um­lagen, mit denen er ver­zwei­felt ver­sucht hatte, sein immer flüch­tiger wer­dendes Gedächtnis zum Bleiben zu zwingen. Dann tranken wir schwei­gend unseren Kaffee. Mir wurde klar, dass Hansch auch des­halb an dem Buch inter­es­siert war, weil er gerade viel über Ver­gehen und Bewahren nach­dachte. Und weil er wollte, dass sein Freund Assauer, der immer mehr vergaß, in Erin­ne­rung blieb.

Uli Hesse

Alles Zirkus
Man schrieb das Jahr 04 dieses Jahr­hun­derts. Rudi Assauer hatte gerade zum Groß­an­griff geblasen: Ailton und Krstajic aus Bremen geholt, Bordon aus Stutt­gart, Lin­coln aus Lau­tern. Doch bevor Schalkes neues High­flying Dream Team“ so richtig abhob – am Sai­son­ende reichte es, wie so oft, zu Platz zwei – war erst mal Trai­nings­lager. Ganz boden­ständig, am Bodensee. Auch wir Jour­na­listen kamen ordent­lich ins Schwitzen, beim obli­ga­to­ri­schen Pres­se­kick. Natür­lich mit Assi“, diesem Fuß­ball­fa­na­tiker. Die Stutzen her­un­ter­ge­rollt, den Kopf stets oben, diri­gierte der damals 60-Jäh­rige sein Team aus Ahnungs­losen“, wie er (nur halb) im Scherz sagte. Wer im Spiel auf Assis“ Kom­mandos hörte, dem passte er gön­ner­haft den Ball in die Tiefe, dem tät­schelte er väter­lich den Hin­ter­kopf. Doch als ein junger Kol­lege von der Bue­r­schen Zei­tung“ den Ball einmal spek­ta­kulär, aber planlos aus dem Halb­feld vors Tor löf­felte, obwohl Team­kol­lege Assauer nebenan frei­ge­standen hatte, wurde es unge­müt­lich: Heeeyyy, wir sind hier nich‘ im Zirkus!“, schnauzte Stumpen-Rudi den armen Kerl an. Ein Satz, dahin gebrüllt im Eifer des Gefechts. Und doch sprach er Rudi Assauer aus tiefster Seele: Fuß­ball, das war für ihn nie­mals Show oder Clow­nerie. Fuß­ball, das war alles für ihn. Und wer dieses hei­lige Spiel ent­weihte, den stutzte er zurecht. Laut und pol­ternd, wie er war. Im Fall des jungen Jour­na­listen aber merkte Assi“, dass er übers Ziel hin­aus­ge­schossen war. Nach dem Match, das Schalkes Manager per­sön­lich für beendet erklärte, als sein Team erst­mals in Füh­rung gegangen war, legte er dem Kol­legen die Hand auf die Schulter und brummte: Hab ich nicht so gemeint vorhin.“

Rolf Heß­brügge

Beein­dru­ckender Mut
Als Kind der späten 90er habe ich Rudi Assauers gol­dene Zeiten als Spieler und als Manager nicht mit­be­kommen. Als er mit Borussia Dort­mund 1965 den DFB-Pokal und 1966 den Euro­pa­pokal gewann, war ich noch irgendein Molekül im Uni­versum, als Schalke 1997 mit Assauer als Manager den UEFA-Cup holte, war ich gerade geboren. Mein Fuß­ball­in­ter­esse wurde bei der Welt­meis­ter­schaft 2006 geweckt, doch da hatte Assauer den FC Schalke nach den Aus­ein­an­der­set­zungen mit den Auf­sichts­räten bereits ver­lassen. Meine erste rich­tige Erin­ne­rung an ihn habe ich, als er 2012 seine Alz­heimer Erkran­kung öffent­lich bekannt gab. Meine Eltern und ich saßen vor dem Fern­seher und meine Mutter seufzte: Das war mal ein ganz Großer!“. Ich hatte sofort großen Respekt vor Rudi, der so offen und ehr­lich damit umging. Denn ich kannte mich mit der Krank­heit nur allzu gut aus: Kurz zuvor war mein Groß­vater, jemand zu dem ich immer auf­ge­schaut hatte, jemand, der eine starke Per­sön­lich­keit war und nahezu alles wusste, selbst an Alz­heimer erkrankt. Ich hatte immer das Gefühl, dass Alz­heimer ein Tabu­thema war, da sie eine so demü­ti­gende Krank­heit ist. Sie lässt selbst die größten Per­sön­lich­keiten plötz­lich sehr schwach wirken. Auch Rudi Assauer, der für seinen Machismus bekannt war und dafür, dass er das Herz auf der Zunge trug, zeigte nun eine ganz andere Seite. In einer ZDF-Doku sah man ihn dann, wie er ver­suchte, die Zahlen auf einem Uhren­blatt auf­zu­malen – wie mein Groß­vater. Das hat mich tief beein­druckt: Dass er sich als kranker, hilf­loser Mann nicht vor der Öffent­lich­keit ver­steckte und statt­dessen zuließ, dass sein Image als Macho-Man Risse bekam. Wenn ich an Rudi Assauer denke, dann denke ich an diesen Mut.

Leonie Schüler

Onkel Rudi
Genau wie Mil­lionen anderer Men­schen kannte ich Rudi Assauer nur aus dem Fern­sehen, aus dem Dop­pel­pass“ oder dem Sport­studio“, aus den heut­zu­tage irgendwie schrägen Veltins“-Werbungen, aus Auf­nahmen, die ihn in teuren Anzügen und mit schi­cken Frauen zeigen, jubelnd und lachend, flen­nend und wütend. Wenn ich mir den Men­schen hinter diesen Bil­dern vor­zu­stellen ver­suche, dann sehe ich den Onkel, für dessen Her­ren­witze man sich vor der neuen Freundin ein biss­chen schämt. Den Onkel, der einen im Boden ver­sinken lassen kann, weil er dem Kellner en Detail erklärt, warum genau das Steak gerade so scheiße geschmeckt hat. Einen, der zu laut lacht, zu schnell Auto fährt, zu gierig trinkt, zu dicke Zigarren raucht, zu viel Bar­geld dabei hat. Einen, der aus Sicht der Genüg­samen etwas zu doll lebt. 

Doch wenn es wirk­lich ein Pro­blem gibt, wenn man Ärger hat, mit ein paar unan­ge­nehmen Kerlen aus der Gegend viel­leicht, dann ist es Onkel Rudi, der die Sache regeln kann. Der das Porte­mon­naie zückt, ohne Fragen zu stellen, außer viel­leicht: Wat brauchse denn, Junge?“ Onkel Rudi ist einer, der die Kohle hat, um sie aus­zu­geben, für wen auch immer. Einer, der oft genug selber Pro­bleme hatte und weiß, wie das so ist. Einer, in dessen Bli­cken keine Vor­würfe ver­steckt sind, denn wenn ihm was nicht passen würde, Onkel Rudi würde es ja ein­fach sagen. Onkel Rudi scheißt sich nichts. Vor nichts und nie­mandem. Nicht nur des­wegen wäre man eigent­lich, auch wenn man das nie zugeben würde, ganz gerne wie er. 

Max Din­kelaker

Demons­tra­tive Härte
Das hätte ich mal besser nicht gemacht: Huub Ste­vens zu fragen, warum Schalke beim grau­en­haften Null­null gegen Frank­furt so ein­fallslos gespielt hatte. Assauer hörte das, damals noch im Pres­se­raum des alten Park­sta­dions, wo man sei­ner­zeit noch zum Nach­ge­spräch nach vorne kam. Und Assauer hörte das nicht nur, es gefiel ihm auch nicht, wie da so ein Schrei­ber­ling seinem Kumpel auf­müp­fige Fragen stellte. Was woll’nse denn damit sagen?“, knurrte er mich an. Das klang so, als würde es direkt mal was um die Ohren geben. Assauer war auch Macho und Proll, aber das war selbst in dieser Situa­tion nicht unsym­pa­thisch, weil er das thea­tra­lisch über­zeich­nete. Ob er einen Freund ver­tei­digte oder auch sonst. Ich weiß, es klingt fürch­ter­lich kit­schig, aber ich hatte wirk­lich immer den Ein­druck, als wolle er hinter dieser demons­tra­tiven Härte sein wei­ches Herz ver­bergen.

Chris­toph Bier­mann

Auf Teufel komm raus
Ich bin kein Euro­fighter – 1997 war ich zu jung. Ich bin kein Meister der Herzen – 2001 hatte mich Königs­blau noch nicht gepackt. Erst in den späten Jahren der Ära Assauer wurde ich zum Schalke-Fan. Der Pokal­sieg 2002 war mein erster Tri­umph, Jörg Böhme mein Held. Schalke und Assauer fei­erten aus­giebig, so aus­giebig, dass der Manager den Pokal demo­lierte. 2003 mein erstes Mal in der Arena, Assauers Denkmal. Ein 1:1 gegen den VfL Wolfs­burg. Auf der Rück­fahrt sin­nierten zwei Fans in der Stra­ßen­bahn über 2001, über Markus Merk und die Nach­spiel­zeit. Ich wollte ein­fach einmal Deut­scher Meister sein, ver­stehse? Einmal!“ Ich ver­stand, obwohl ich weder ange­spro­chen, noch dabei war. Ich ver­stand, was Assauer antrieb. Uli Hoeneß warf Assauer vor, er wolle auf Teufel komm raus Titel holen.“ Viel­leicht wollte er das. Und holte dafür Spieler, die zu Helden meiner Kind­heit und frühen Jugend wurden. Jörg Böhme mit seinem fan­tas­ti­schen linken Außen­rist. Gerald Asa­moah, der Wühler. Hamit Alt­intop aus Wat­ten­scheid. Ebbe Sand mit seinem Tor zum Der­by­sieg in Dort­mund nach mehr als neun Monaten ohne Treffer. Frank Rost, der in diesem Spiel zwei Elf­meter hielt und Nor­bert Dickel in die Ver­zweif­lung trieb. Das Abwehr­boll­werk aus Bordon und Krstajic. Lin­coln, der groß­ar­tige Spiel­ma­cher, der Schalke am 25. Spieltag der Saison 2004/05 per Frei­stoß zum Sieg über Bayern und an die Tabel­len­spitze der Bun­des­liga schoss. Die Tabel­len­füh­rung hielt eine ganze Woche. Näher sollte Rudi Assauer der Meis­ter­schaft in seiner Zeit auf Schalke nach 2001 nicht mehr kommen. Er hätte sie ver­dient gehabt.

Flo­rian Nuss­dorfer

Unge­nierter Macho
Als wir Rudi Assauer im Dezember 2001 auf Schalke zum Inter­view trafen, befand er sich auf dem Höhe­punkt seiner Macht. Uefa-Cup-Sieger, Meister der Herzen, Erbauer der neuen Arena. Der Manager strahlte ein Selbst­be­wusst­sein aus, das selbst im von Alpha­männ­chen durch­setzten Fuß­ball­mi­lieu sei­nes­glei­chen sucht. Wie ein König, der weiß, dass seine Unter­tanen in Dank­bar­keit zu ihm auf­sehen. Später einmal, als sich der Wind drehte, sollte ihm diese Hal­tung zum Ver­hängnis werden. Doch im Winter 2001, das war zu spüren, konnte ihm hier keiner was. Die Zeit fürs Gespräch war auf eine Stunde begrenzt, doch als mein Kol­lege Volker sagte, er würde gern mal die Kata­komben der Arena sehen, griff der Manager zum Telefon, bestellte einen Fahrer, der uns rüber ins Sta­dion fuhr, wo uns Assauer höchst­per­sön­lich durch sein Reich führte. Dabei sprach er nicht wie ein stolzer Regent, son­dern eher wie ein Steiger zu den Berg­män­nern. Hier, Jungs, die Farbe der Roll­treppen: königs­blau. Der Her­steller war nicht ein­fach zu finden.“ Im sprung­haften Fuß­ball habe ich nie wieder einen Funk­ti­ons­träger getroffen, der mit der­ar­tiger Läs­sig­keit in sich ruhte. Assauer war noch mit der Schau­spie­lerin Simone Tho­m­alla liiert. Als es um sie ging, nannte er sie die Alte“. Wenn man es liest, wirken seine Worte stumpf und despek­tier­lich, aber wer ihm zuhörte, spürte die lie­be­volle Hoch­ach­tung, die er vor seiner Part­nerin hatte. Dass er offenbar genoss, wie die beiden eine Bezie­hung auf Augen­höhe führten, die es ihm sogar erlaubte, öffent­lich weiter unge­niert den Macho zu spielen. Am Ende eines langen Nach­mit­tags in Gel­sen­kir­chen pro­phe­zeite er: Spä­tes­tens 2005 wird Schalke 04 Deut­scher Meister. Dann kann ich mich end­lich zur Ruhe setzen.“ Auch ohne Sym­pa­thien für die Knappen, Rudi Assauer hätte man gewünscht, dass es so kommt.

Tim Jür­gens

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Der Pro­totyp
Rudi Assauer war Schalke 04. Ich habe keine Ahnung, was er vorher gemacht hat und eigent­lich will ich es auch gar nicht wissen. Meiner Wahr­neh­mung nach war Assauer ver­ant­wort­lich für diesen Verein. Sein Manager; viel­leicht der Erste, den ich kannte, der mir also ein Bild brachte zu diesem Wort, dass zu einer Berufs­be­zeich­nung gehörte, von der ich mir nie vor­stellen konnte, wofür sie eigent­lich stand. Vulgär war er, im besten Sinne, nah dran, am Volk der Königs­blauen, so kam es mir zumin­dest vor. Diese Zigarre! Er zog immer an ihr, wirk­lich immer, sodass seine Wangen sich ständig nach innen wölbten, wäh­rend er ein­fach nur da stand, Fuß­ball guckte und ein Manager war. Eine Son­nen­brille sollten die Augen dieses Mannes auch an Tagen ohne Son­nen­schein abdun­keln. Warum, weiß ich nicht. Wenn ich mir heute ältere männ­liche Manager vor­stelle, sehen sie alle ein biss­chen aus wie Assauer. Dann war er lange weg aus meiner Wahr­neh­mung. Bis er mich mit seinem offenen Umgang mit seiner Krank­heit beein­druckte.

Claudio Riz­zello

Wurst­würfel ohne Ende
Ich habe Rudi Assauer nicht wirk­lich gekannt, aber an den wenigen Gele­gen­heiten, bei denen wir uns in einem Raum befanden, war er ein Mann ohne Berüh­rungs­ängste. Meist war das im Pres­se­raum der Bie­le­felder Alm, in dem ich als lokaler Jour­na­list vor den Spielen und in der Halb­zeit­pause meinen Kaffee trank. So oft kam es gar nicht vor, dass sich die Fuß­ball­pro­mi­nenz dort die Ehre gab, aber Assauer, der ja auch pro­blemlos in den VIP-Raum hätte gehen können, schien sich in der Gesell­schaft der Reporter sehr wohl zu fühlen. Er kannte Hinz und Kunz, gerade von den Schalker Bericht­erstat­tern, plau­derte hier, plau­derte da. Keine Scheu vor unbe­quemen Gesprä­chen, die brauchte er auch nicht zu haben, statt­dessen herrschte in seiner Anwe­sen­heit eine alle schrillen Töne à priori ersti­ckende Jovia­lität. Ach ja, wäh­rend es im VIP-Raum rich­tiges“ Essen gab, war das Cate­ring für die Pres­se­leute rus­ti­kaler. Einmal hatte ich ein Auge auf einen Teller mit gewür­felter Fleisch­wurst geworfen, warum auch immer, wahr­schein­lich Kater, ich weiß es nicht mehr. Mein Pro­blem war der freie Zugang, denn unmit­telbar vor dem Tisch plau­derte Assauer in einer Traube und warf sich dabei einen Wurst­würfel nach dem anderen ein. Als der Weg wieder frei wurde, große Ent­täu­schung: Der Teller war leer. Er hatte ihn kom­plett erle­digt. Rudi Assauer war ein Mann, der das Leben nahm, wie es kam, und das in vollen Zügen.

Jens Kir­schneck

Ver­gan­gene Legende
Meine Familie kommt aus Ost­west­falen, mein Onkel bewirtet bei Bad Oeyn­hausen einen Bau­ernhof. Er ist HSV-Fan, immer gewesen, aber Rudi Assauer fand er super­toll. Ich erin­nere mich an Abende vor dem Fern­seher in den 1990ern – ran“ guckten wir damals. Immer wenn Assauer ins Bild kam, sagte mein Onkel dat is’ noch ne Type, ne?“. Ich hatte keine Ahnung, aber heute weiß ich: Ja, das war ne Type. Einer der letzten seiner Art. Natür­lich völlig unmög­lich, dass so einer wie Assauer heute nochmal irgendwie Erfolg hat. Fette Zigarre, Sakkos mit steifen Schul­ter­pols­tern, kri­ti­scher Blick, biss­chen maul­faul – Assauer ist der Pos­terboy der alten, west­deut­schen Macho-Macher, so ein biss­chen wie Donald Trump für den ame­ri­ka­ni­schen Rea­lity-TV-Tur­bo­ka­pi­ta­lismus: irgendwie von ges­tern. In Deutsch­land werden solche Typen heut­zu­tage gleich ins Dschun­gel­camp geschickt, oder sie betreiben Trikot-Klitschen im Schwä­bi­schen wie der Tri­gema-Boss Wolf­gang Grupp. Jeden­falls sind sie Per­sonae non gratae für alle, die es mit Geschlech­ter­gleich­stel­lung halten und Ange­berei nicht aus­stehen können. Ich glaube, Rudi Assauer war sich seinem Image immer bewusst. Das unter­scheidet ihn von Trump und Grupp, und des­halb mochte ihn mein Onkel wohl auch so. Assauer hat wahn­sin­nige Erfolge im Fuß­ball gefeiert und so viel Gutes außer­halb des Fuß­balls getan. Das macht ihn zur Legende. Zur Legende einer Zeit, die wirk­lich längst vorbei ist.

Max Pol­onyi

Ein wun­der­samer Mann
Ich bin Jahr­gang 1996, als die Euro­fighter mit dem gewon­nenen Uefa-Cup durchs Sta­dion tuckerten, tapste ich im Sand­kasten umher. Als der HSV Schalke kurz­fristig den Meis­ter­titel kos­tete, krit­zelte ich ein paar unles­bare Buch­staben auf Papier. Das erste Mal, dass ich Rudi Assauer wirk­lich wahr­nahm, war, als er mir im Fern­sehen sein Bier ver­kaufen wollte. Der Onkel aus der Wer­bung, dem sein Gesöff wich­tiger war als seine Freundin. Ich wun­derte mich: Wieso muss dieser Mann so angeben? Warum mag er die Frau im Bett nicht? Aber das Publikum ver­ehrte ihn im Sport­fern­sehen. Wenn Assauer auf­tauchte, waren sie glück­lich, jubeltem ihm zu. Soll er eben auf seine Art das Geld ver­dienen, der ändert sich sowieso nicht mehr“, sagten mir dann die Älteren damals und ich hörte auf, das zu hin­ter­fragen. Heute ärgere ich mich, Assauers große Momente ver­schlafen zu haben. So war er leider immer etwas zu weit weg in der Fuß­ball­his­torie. Seine Altz­heimer-Erkran­kung und sein Tod haben mich den­noch traurig gemacht, weil ich zumin­dest gelernt hatte, wie vielen Men­schen er etwas bedeu­tete. 

Leon Wohl­leben

Respekt, Unsym­path
Die ersten neun Jahre meines Lebens ver­brachte ich in einem Land, das es nicht mehr gibt. Als Rudi Assauer 1993 zum zweiten Mal in seinem Leben Schalke-Manager wurde, war die Mauer zwar schon seit fast vier Jahren gefallen, doch Bran­den­burg sah noch immer ziem­lich genauso aus. Seine Men­schen auch. Dieser Rudi Assauer hin­gegen, den ich da Woche für Woche im Fern­sehen sah, sah aus wie der Pro­totyp des West­deut­schen, vor dem sie uns im Hei­mat­kunde-Unter­richt der DDR immer gewarnt hatten. Er sah aus wie einer, der den lieben langen Tag über nichts anderes tat, als mit seinem Por­sche-Cabrio von Stei­gen­berger-Hotel zu Stei­gen­berger-Hotel zu rasen. Die obli­ga­to­ri­sche Zigarre zwi­schen den Finger, die ansonsten wahl­weise und jeder­zeit die Rich­tung oder anderen den Weg, also den Effe“, anzeigen konnten. Die Son­nen­brille in den zurück­ge­legten Haaren. Die eine Frisur bil­deten, von der ich immer annahm, sie sei so, weil Typen wie Assauer ein­fach so forsch durch das Leben peit­schen, dass die Haare sich von ganz allein nach hinten quar­tieren. Kurzum: Ich hatte ein biss­chen Angst vor Rudi Assauer. Was ihn mir nicht son­der­lich sym­pa­thisch machte. Aber immer, bis heute, dachte ich eben auch: Dem kann man nix. Für die, für die er da sein muss, und das war immerhin eine ganze, königs­blaue Reli­gion, konnte man dann nur froh sein. Er war, er ver­kör­perte, im wirk­lich wahrsten, im phy­sischsten Sinne: Schalke 04. Das ist mir immer noch nicht sym­pa­thisch. Aber es flößt mir ver­dammt nochmal mehr Respekt ein, als ich zu sagen im Stande wäre.

Ilja Beh­nisch

Wie Opa und Enkel
Es war ein Moment wie vor dem ent­schei­denden, viel­leicht letzten Elf­meter: Rudi Assauer stand vor den stäh­lernen Stufen zum hei­ligen Schalker Rasen. Genau zwi­schen dem Kabi­nen­gang, der auf Schalke einem Berg­werks­stollen nach­emp­funden ist, und der Gras­nabe. An seiner Seite Rudis Tochter, Marc Wil­mots und Cle­mens Tön­nies. Glück auf, dachte ich, und sagte die Sätze ins Mikro­phon, die mir so aus tiefster Seele, nein aus tiefstem Herzen kamen: Jetzt kommt der Mann zu uns, dem alle Schalker so viel zu ver­danken haben. Dem alle Schalker diese Arena zu ver­danken haben – Rudi Assauer!“ Ich merkte, wie meine Stimme bei­nahe erstickte, und auch Reiner Cal­mund schossen neben mir die Tränen in die Augen. Cali hatte mich Stunden zuvor darauf hin­ge­wiesen: Dat wird dä schwie­rigste Moment des janzen Abends, weil dä Rudi ja nit mehr bei allen so belieb is. Da musste als Mode­rator risch­tisch Fin­ger­spit­ze­je­fööl han…“ Was würde pas­sieren? Rudi Assauer und die Drei an seiner Seite setzen ihre ersten Schritte zag­haft auf die Treppen, an Cali und mir vorbei. Unter dem langsam anschwel­lenden, dann tosenden Bei­fall zehn­tau­sender, ganz nor­maler Men­schen die Stufen herauf. Gestützt von Willi, seinem Lieb­lings­kampf­schwein, und Cle­mens Tön­nies, den der Schalker Macher einst geholt hatte, und von dem er viele Jahre später dann selbst ent­lassen worden war. Span­nung pur, eben wie beim letzten Elf­meter. Aber dann: Nur warmer, immer lauter wer­dender Applaus. Kein ein­ziger Pfiff! Weder von den Schalke- und Deutsch­land-Fans, noch von den tür­ki­schen Zuschauern, die zum Legenden-Spiel Deutsch­land-Türkei gekommen waren. Dieser Moment war Ruhr­pott pur: Inte­gra­tion! Herz­lich­keit! Ver­geben und ver­gessen, was da viel­leicht einmal nicht so rund gelaufen war. In Ehr­furcht und Dank­bar­keit ver­eint – vor der Größe dieser Lebens­leis­tung! Rudis Schritte auf seinem Rasen waren langsam und bedacht, denn schnell und pol­ternd, wie er früher so oft reagiert und gespro­chen hatte, diese Zeiten waren vorbei. Das merkte jeder – und ganz beson­ders Rudi Assauer selbst. Um Mit­ter­nacht, beim gemein­samen Happy Bir­thday“, ich glaube für Klaus Fischer, saß Rudi etwas in sich gekehrt an einem kleinen Tisch, neben seiner Tochter und seinen engsten Beglei­tern. Der volle Raum mit Natio­nal­spie­lern von Icke Häßler über Kalle Riedle bis Toni Schu­ma­cher und Mario Basler war irgendwie nicht mehr seine Situa­tion. Zwar gefiel ihm die schal­lende Atmo­sphäre der Good Old Boys“, aber er konnte halt nicht mehr mit­dis­ku­tieren. Keine Anek­doten mehr raus­hauen, so wie früher. Rudis Tochter kam zu mir und sagte nur leise: Papa möchte, dass Du Dich zu uns setzt.“ Ich Klaus Fischer und Olaf Thon noch höf­lich Tschüss“, weil ich irgendwie spürte, dass dieser Abend des Jubel-Trubel“ für mich nun zu Ende sein würde. Rudi gab mir etwas zit­ternd die Hand und sagte nur leise: Danke!“

Mehr konnten wir zuerst einmal gar nicht reden, nur die Hände halten und dann gegen­seitig auf die Ober­schenkel legen. So, wie es Groß­väter und Enkel machen. Rudi war einer der Väter und Kinder der Bun­des­liga, irgendwie beides. Spieler, Manager, knall­harter Hau­degen, bra­chialer Vor­kämpfer und groß­spu­riger Macher. In diesen Momenten, an diesem ruhigen Tisch in der prall­vollen Loge auf Schalke, war er ganz ruhig. Ganz nach­denk­lich, reflek­tiert, oft in sich gekehrt. Manchmal konnte er Gedanken klar folgen oder gar selbst for­mu­lieren. Manchmal aber auch nicht mehr. Er hatte an diesem Abend das naive Strahlen eines Kindes. Eines stolzen Kindes der Bun­des­liga. Und den Stolz eines Vaters und Groß­va­ters. Und obwohl wir alle am Tisch wussten, dass wir eigent­lich in den Energie-Spar­modus hätten wech­seln müssen, tranken wir Bier und hielten die Zeit an. Bis auch der letzte Gast gegangen war und das Per­sonal die letzte Runde abge­räumt hatte. Wir schli­chen diesmal die Stufen der Arena hin­unter und gemeinsam heraus. Stille. Nur noch wir vier Leut­chen. Es war ziem­lich genau um 04 Uhr mor­gens, als der Wach­mann auf Schalke das letzte Tor hinter uns Schloss. Mach et gut, Rudi! Und Glück auf!“

Ste­phan Kaußen, Mode­rator

Rudi hin­term Inter-Tor

Wenn wir mit der Familie in den Neun­zi­gern zu einem wich­tigen Spiel ins Park­sta­dion fuhren, schoben meine Eltern vor der Abfahrt immer eine VHS-Kas­sette Zwecks Auf­zeich­nung in den Rekorder. Es kam nicht selten vor, dass mein Vater nach der Rück­kunft dann noch spät nachts auf Play drückte und sich nochmal die gesamten neunzig Minuten reinzog.

Das Spiel am 17. März 1998 war ein wich­tiges. Schalke emp­fing im Jahr nach dem UEFA-Cup-Sieg erneut Inter Mai­land und brauchte nach der 0:1‑Pleite im Hin­spiel unbe­dingt ein Tor. Kurz vor Spie­lende bemerkten wir im Block 2, dass Rudi gar nicht mehr bei Huub am Rand steht“. Wo war er? Sekunden später zir­kelte der Bel­gier Michael Goos­sens den Ball von der Straf­raum­kante ins lange Eck, wie es eigent­lich nur sein Gegen­über mit Namen Ronaldo konnte.

Zu Hause ange­kommen, schauten wir uns das Tor auf Kas­sette an. RTL hatte aus­ge­strahlt und Kom­men­tator Flo­rian König fast seine Stimme ver­loren: Jaaaaaaaaaaaaa! Gibt’s denn daaas?!“ Dann zeigt die Kamera plötz­lich Rudi Assauer, wie er direkt hinter dem geg­ne­ri­schen Tor steht und jubelt. Was zum Teufel hatte er da (stil­echt mit Zigarre) ver­loren? Man stelle sich vor, im CL-Vier­tel­fi­nale 2019 kreuzt Sekunden vor Schluss unver­mit­telt BVB-Sport­di­rektor Michael Zorc hinter Tot­ten­hams Hugo Lloris auf und mimt den Antreiber!

Dann gibt Assauer einem vor­bei­hu­schenden Ball­jungen einen ordent­li­chen Klaps auf die Backe – ein Bild, das ich nie wieder los­ge­worden bin. Irgendwo zwi­schen Ich hab’s doch gesagt!“ und Du kommst mir nie wieder mit ner Fünf aus der Schule!“ ist da dieser nah­bare Manager, der auf Außen­ste­hende wie ein aal­glatter Pate wirkte, doch die eigenen Fans und Spieler behan­delte wie ein Vater. Ein Klaps eben, der tadelt und beru­higt zugleich, nicht zu weich und nicht zu hart. Und so war da für uns Fans immer dieses sichere Gefühl: Assauer hat Schalke im Griff. Wer kann und konnte das je behaupten?!

Heiko Rothen­pieler