Hallo, Herr Fichtel. Erin­nern Sie sich an den 7. Januar 1967?
Hm. Auf Anhieb eigent­lich nicht.

Es war der erste Spieltag der Rück­runde, und Schalke verlor mit 0:11 am Bökel­berg.
Oh, da klingelt’s natür­lich. Das weiß ich noch genau, denn wir mussten auf Schnee spielen, was wir über­haupt nicht gewohnt waren, und genau das war auch die Erklä­rung für das Debakel. Wir kamen mit diesem Boden ein­fach über­haupt nicht klar. Ich kann mich erin­nern, es stand viel­leicht 6:0 oder 7:0, da hat der Harald Klose aus lauter Ver­zweif­lung von der Mit­tel­linie aufs Tor geschossen.

Am Ende hielt Königs­blau noch gerade die Klasse – wie fast immer in den 60er Jahren. War Schalke noch nicht reif für die Bun­des­liga?
Man darf nicht ver­gessen, dass der Verein im Grunde schon abge­stiegen war und daher das halbe Team ver­loren hatte, als ich kam. Plötz­lich musste dann doch nie­mand absteigen, aber es war keine bun­des­li­ga­taug­liche Mann­schaft mehr da. Mühl­mann, Herr­mann, Kreuz und einige andere sind zwar geblieben, aber der Rest wurde mit Ama­teur­spie­lern auf­ge­füllt, so wie ja auch ich von einem Ama­teur­verein geholt wurde. Das hat uns noch über Jahre im Keller gehalten. Und wären nicht kurz vor Schluss noch Alfred Pyka und Gerd Neuser ver­pflichtet worden, hätten wir es im nächsten Jahr bestimmt nicht gepackt.

Das Leben hatte Sie bis dahin nicht gerade ver­wöhnt, eigent­lich hatten Sie schon die harte Berg­bau­erlauf­bahn ein­ge­schlagen. War Schalke für Sie das Tor zur Welt?
Ja, sicher­lich. Ich habe Berg­mann gelernt wie sehr viele hier in meinem Alter, und da war der Fuß­ball natür­lich das Ticket für ein bes­seres Leben. Mein Glück war es auch, aus einer Fuß­bal­ler­fa­milie zu kommen. Mein Vater hatte Fuß­ball gespielt, mein Bruder war unter Fritz Langner Ver­trags­spieler bei West­falia Herne. Des­halb war der dann oft bei uns zu Hause und kannte mich schon aus der Jugend. Und so bekam ich die große Chance, aus dem schwie­rigen Milieu her­aus­zu­kommen.

Ohne Sie wäre Schalke aber auch kaum so lange erst­klassig geblieben.
Das zu sagen, wäre ver­messen. Wir waren damals die oft zitierte ver­schwo­rene Gemein­schaft. Wir wussten, was auf uns zukam, und wir hatten auch viele erfah­rene Leute wie Gerd Neuser, Alfred Pyka, Manni Kreuz, Hannes Becher. Die haben uns Jungen gewaltig geholfen, sonst wäre es sicher nicht mög­lich gewesen, die Klasse zu halten. Wenn aller­dings Gün­ther Herr­mann zu dem Zeit­punkt etwas pas­siert wäre, dann wäre es unheim­lich schwer für uns geworden, weil wir keinen anderen hatten, der seine Rolle über­nehmen konnte. So haben wir es dann von Jahr zu Jahr irgendwie immer gepackt.

Was war das für ein Fuß­ball, den die Knappen da spielten? Bis auf Ihre Abwehr funk­tio­nierte ja nicht allzu viel.
Der Verein hatte schlicht zu wenig Geld, um einen Guten für den Sturm zu kaufen, und so haben wir uns immer Not­lö­sungen schaffen müssen, zum Bei­spiel hat Manni Kreuz eine ganze Zeit lang Mit­tel­stürmer gespielt. Aber in der Tat gab es immer Pro­bleme im Offen­siv­spiel, und vor allem haben wir furchtbar wenig Tore geschossen.

Unter Rudi Guten­dorf rap­pelte sich die Mann­schaft dann end­lich auf. Was hat er anders gemacht als seine Vor­gänger?
Naja, er war halt der Riegel-Rudi“. Er hat großen Wert auf die Abwehr­ar­beit gelegt und außerdem noch den einen oder anderen für die Offen­sive dazu­ge­holt. Vor allem aber war Rudi ein Per­fek­tio­nist. Der hat da Sachen pro­biert, die wir ein­fach nicht kannten, er war halt schon ordent­lich rum­ge­kommen. Vieles davon ist gelungen, und dadurch haben wir plötz­lich viel mehr Spiele gewonnen.

Von man­chen Trai­nern der ersten Stunde hört man wahre Gru­sel­ge­schichten. Manche machten abends Kon­troll­be­suche, andere ver­boten beim Trai­ning sogar das Wasser. Welche Erfah­rungen haben Sie gemacht?
Genau so sah es aus. Vor allem unter Fritz Langner hatten wir eine sehr harte Zeit, wobei ich ja schon über meinen Bruder mit­be­kommen hatte, dass der sehr hart trai­niert. Tat­säch­lich durften wir wenig trinken, zwi­schen den Trai­nings­ein­heiten mussten wir zu Hause ver­su­chen zu schlafen, und abends kon­trol­liert hat er auch. Er war halt ein alter Feld­webel. Ich habe ihm auch eine Menge zu ver­danken, außerdem hatte er sehr viel Ahnung vom Fuß­ball. Nur hat er es manchmal ganz ein­fach über­trieben. Vor allem, wenn es gegen seine alten Ver­eine ging.