Seite 5: Die Frage nach dem Warum

Die große Frage war die nach dem Warum. Warum wurden zum ersten Mal über­haupt Fuß­ball­fans in einem Sta­dion ermordet? Wer erlaubte, dass die Fans Waffen mit ins Sta­dion bringen konnten? Wer schal­tete das Licht aus? Wer schloss das Aus­gangstor ab? Warum wurde der Fluchtweg blo­ckiert? Vor allem aber: Warum griffen Polizei und Militär bei dem Mas­saker nicht ein? Ahmed Shawkat meint: Port Said ergibt einen Sinn, wenn man sich die Geschichte seit Beginn der Revo­lu­tion anschaut.“ Für die alten Mächte waren die Ultras nicht mehr ver­rückte Kids, sie waren Feinde in einem blu­tigen Macht­kampf geworden.

Und wie können sie wei­ter­leben, nach sol­chem Horror, sol­cher Bös­ar­tig­keit? 14 der 72 Toten von Port Said waren Freunde von Ahmed Shawkat. Sie sind für eine gute Sache gestorben und jetzt an einem bes­seren Ort“, sagt er. Bis heute erin­nern die Ultras Ahlawy an ihre 74 Mär­tyrer, die 72 Toten von Port Said und die beiden, die schon vorher gestorben waren. Und viel­leicht hilft es gegen den Schmerz, die Trauer und den Zorn wirk­lich, diesem Gemetzel einen Sinn zu geben, indem diese jungen Men­schen, die doch teil­weise fast noch Kinder waren, zu Mär­ty­rern erklärt werden. Auf der Straße kämpften viele Ultras nach dem Mas­saker von Port Said noch wilder und radi­kaler. Auch Shawkat tat das und Ali, der kaum noch zur Ruhe kam. Ehren­amt­lich gab er Rechts­hilfe, für ein ägyp­tisch-ame­ri­ka­ni­sches For­schungs­pro­jekt führte er Inter­views, um Augen­zeugen der Revo­lu­tion eine Stimme zu geben. Dann wieder stand er in der ersten Reihe im Kampf gegen die Polizei.

Es war sinnlos, ein­fach immer nur mehr Leute sterben zu sehen“

Ahmed Shawkat

Fünf Monate nach Port Said, im Juni 2012, gewannen die Mus­lim­brüder die Wahlen in Ägypten und stellten den Prä­si­denten. Doch bald begannen Demons­trationen gegen die neue Regie­rung. Auch Ultras waren daran betei­ligt oder Leute, die sich als Ultras aus­gaben. Längst waren die Linien zwi­schen Gut und Böse ver­wischt. End­gültig schei­terte die Revo­lu­tion im Sommer 2013, als das Militär gegen den Staats­prä­si­dent Mohammed Mursi putschte. Erneut gab es Mas­saker in Kairo, hun­derte Men­schen kamen zu Tode, viel­leicht sogar tau­sende. Wir haben damals auf­ge­hört zu demons­trieren. Es war sinnlos geworden, ein­fach immer nur mehr Leute sterben zu sehen“, sagt Shawkat.

2013 wurden die Morde von Port Said in einem Pro­zess in der Polizei­akademie in Kairo ver­han­delt. Das Urteil wurde live im Fern­sehen ver­lesen: Es gab 21 Todes­ur­teile, die meisten gegen Mit­glieder der Ultras Green Eagles. Zwei Poli­zisten bekamen Gefäng­nis­strafen, sieben wurden frei­ge­spro­chen. Dar­aufhin setzten die Ultras Ahlawy in Kairo einen Poli­zei­club in Brand und das Gebäude des Fuß­ball­ver­bandes. Auch in Port Said gab es gewalt­tä­tige Pro­teste. 2015 wurde die Zahl der Todes­ur­teile auf elf redu­ziert, noch sind sie nicht rechts­gültig. Für die drei Ultras in Istanbul ist der Pro­zess eine Farce, weil er sich nicht um die Hin­ter­männer küm­merte. Die wahren Schul­digen werden sowieso nicht bestraft“, sagt Ali.

Fami­li­en­fest als Ret­tung

Die ägyp­ti­sche Meis­ter­schaft wurde nach Port Said abge­bro­chen. Bis heute finden die Liga­spiele ohne Publikum statt und können nur im Fern­sehen ver­folgt werden. Nur bei Län­der­spielen und afri­ka­ni­schen Pokal­wett­be­werben darf eine begrenzte Zahl an Zuschauern ins Sta­dion.

Für den 8. Februar 2015, fast genau drei Jahre nach Port Said, kün­digte der Prä­si­dent von Zamalek über­ra­schend eine Aus­nahme an. Als alter Par­tei­gänger des Regimes hatte er sich stets vehe­ment gegen die Ultras seines Klubs aus­ge­spro­chen, nun stellte er zehn­tau­send Karten bereit. Mus­tafa Mekki, der seit dem Tag von Port Said nicht mehr im Sta­dion gewesen war, wollte unbe­dingt kommen. Er lebte bereits in Istanbul, war aber in Kairo zu Besuch. Doch seine Mutter ver­don­nerte ihn zum Besuch eines Fami­li­en­festes. Viel­leicht hat sie mir damit das Leben gerettet“, sagt er. Denn dop­pelt so viele Fans wie zuge­lassen kamen an jenem Tag zum Air Defense Sta­dium. Sie drängten auf einen ein­zigen Ein­gang zu, dann ver­stellte die Polizei den Rückweg und warf Trä­nengas in die Menge. In der Mas­sen­panik starben 22 Men­schen, die meisten Mit­glieder der Ultras White Knights. Ich glaube, dass es geplant war, damit die Fans gar nicht mehr ins Sta­dion zurück­kommen“, sagt Mekki.

Ultras ahly istanbul 18 RZ

Dass man im Sta­dion sterben kann, hat mich fertig gemacht“ – Mus­tafa Mekki

Ben Kilb

Die meisten Beob­achter gehen eher davon aus, dass diese Kata­strophe kein Kom­plott war, son­dern Aus­druck der Inkom­pe­tenz der Poli­zisten und Mili­tärs. Seither sitzt ein Anführer der Ultras White Knights in Unter­su­chungs­haft und trat letztes Jahr wegen der Haft­be­din­gungen in einen Hun­ger­streik. Mit dem Ende des Ara­bi­schen Früh­lings werden Ultras in Ägypten teil­weise nicht mehr nur verbal mit Ter­ro­risten gleich­ge­setzt, son­dern auch so behan­delt. Selbst Mei­nungs­äu­ße­rungen in sozialen Medien sind von der Polizei schon ver­folgt worden. Die Face­book-Seite der Ultras Ahlawy dient inzwi­schen vor allem dazu, der Toten zu gedenken.

Dass man im Sta­dion sterben kann, hat mich fer­tig­ge­macht“, sagt Mus­tafa Mekki. Den­noch schaut er sich via Internet wei­terhin fast jedes Spiel von Zamalek an, und die beiden anderen ver­passen keines von Al-Ahly. Fuß­ball ist geblieben, trotz allem. Manchmal hasse ich den Fuß­ball, manchmal ver­misse ich ihn“, sagt Amr Ali. Mit­unter hält er es kaum aus, die Spiele anzu­schauen. Ahmed Shawkat hat bis heute Alb­träume von Port Said: Aber wenn ich ins Sta­dion gehe, habe ich keine schlechten Gefühle.“ Letztes Jahr ist er sogar nach Kenia geflogen, als Al-Ahly dort spielte. Er wartet auf den Tag, an dem er wieder ganz normal eine Partie besu­chen kann. Bis dahin postet er auf Twitter und Face­book unver­drossen über Al-Ahly, den größten Klub Afrikas.