Seite 3: „Das Ziel war, uns umzubringen“

So cool, wie Ali das erzählt, wird daraus ein ver­rücktes Aben­teuer. Aber sein Leben war oft in Gefahr, zum ersten Mal am legen­dären Freitag der Wut“, drei Tage nach Beginn der Auf­stände. Damals lernte er im Getümmel einen gleich­alt­rigen Jungen kennen, der ihn bat, näher an die Mauer her­an­kommen zu dürfen, an der beide standen. Es wurde näm­lich gerade geschossen. Einen Moment danach krallte er sich an meiner Schulter fest. Als ich mich umdrehte, war sein Bauch voller Löcher, aus denen Blut lief.“ Er war nicht der Letzte, den Ali sterben sah. Als er das erzählt, steigen ihm Tränen in die Augen.

Viele Men­schen kamen in den acht­zehn Tagen, bis Mubarak schließ­lich kapi­tu­lierte, ums Leben, auch einer der Ultras Ahlawy war unter den Toten. Nach dem Sturz des Des­poten demons­trierten die Ägypter weiter, ver­an­stal­teten Pro­test­lager und Sit-ins, denn das Militär wollte nicht von der Macht lassen. Im November 2011 kam es in Kairos Mohammed-Mahmoud-Straße, die direkt zum Innen­mi­nis­te­rium führt, zu beson­ders hef­tigen Kämpfen. Auch die drei Ultras aus Istanbul waren dabei, als Molo­tow­cock­tails und Steine flogen. Ultras bil­deten Stoß­trupps, die Poli­zei­autos umstürzten und anzün­deten, jün­gere Fans sicherten den Nach­schub an Wurf­ge­schossen, und auf Mopeds wurden die Ver­letzten abtrans­por­tiert. Einen Monat später wurde ein Ultra Ahlawy vom Militär so schwer miss­han­delt, dass er an den Ver­let­zungen starb.

Macht euer Tes­ta­ment, bevor ihr nach Port Said kommt“

Twitter-Botschaft der Green Eagles, Ultras von Al-Masry

Im Sta­dion hatte sich die Gruppe bis dahin poli­tisch nicht geäu­ßert, aber natür­lich wussten Militär und Polizei, dass die sie auf Seiten der Revo­lu­tion standen. Auf der Straße haben wir immer als Ägypter demons­triert und nicht als Ultras“, sagt Ali. Doch Ende Januar 2012, vier Tage vor dem Spiel in Port Said, war das anders. Al-Ahly spielte daheim gegen einen der klei­neren Klubs aus Kairo, und alle waren auf­ge­bracht wegen des getö­teten Ultras. Laut­hals sangen sie gegen die Polizei und zum ersten Mal auch gegen den Supreme Council of the Armed Forces, die Mili­tär­re­gie­rung.

Vor der Fahrt nach Port Said war uns auch des­halb nicht ganz wohl“, sagt Ahmed Shawkat. Die blu­tigen Stra­ßen­schlachten im November, bei der die Polizei die Kon­trolle ver­loren hatte, und die offen feind­se­ligen Gesänge im Sta­dion ver­än­derten die Situa­tion. Und Reisen nach Port Said waren schon in fried­li­chen Zeiten immer heikel gewesen. Die Atmo­sphäre der Spiele beim in Port Said behei­ma­teten Klub Al-Masry war für Al-Ahly sogar erbit­terter und feind­se­liger als beim großen Kairo-Derby gegen Zamalek. Die Leute in Port Said fühlen sich seit jeher gegen­über der Haupt­stadt benach­tei­ligt. So hatte es über die Jahre immer wieder Kra­walle gegeben, wenn Al-Ahly kam. Beim letzten Spiel, acht Monate zuvor, waren es die Ultras Ahlawy gewesen, die in Port Said ran­da­lierten. Sie hatten Steine geworfen und Autos demo­liert. Dieses Mal drohten ihnen die Green Eagles, die Ultras von Al-Masry, per Twitter-Nach­richt mit dem Tod: Macht euer Tes­ta­ment, bevor ihr nach Port Said kommt.“

Die Polizei erlaubte den Sturm auf die Gäs­te­kurve

Shawkat erzählt die Geschichte des Tages nüch­tern und sach­lich. Er rührt sich dabei kaum, ist hoch­kon­zen­triert, als wolle er Zeugnis ablegen, ohne sich von Emo­tionen mit­reißen zu lassen. Ihr Zug aus Kairo sei bereits an einer Sta­tion zwanzig Kilo­meter vor Port Said gestoppt worden, erzählt er. Wir sollten in Busse umsteigen und wurden dann, von Militär und Polizei bewacht, ins Sta­dion gefahren. Das war nicht normal“, sagt er. Als die zwei­tau­send Fans in der Gäs­te­kurve des Sta­dions ange­kommen waren, das nur eine Quer­straße vom Mit­tel­meer ent­fernt liegt, war noch etwas anderes unge­wöhn­lich, nur wussten sie es nicht: Die hei­mi­schen Fans waren nicht wie sonst üblich nach Waffen durch­sucht worden.

Das ganze Spiel ver­lief chao­tisch, schon der Anpfiff ver­zö­gerte sich um eine halbe Stunde. Und obwohl Al-Masry zur Pause mit 1:0 führte, stürmten einige hei­mi­sche Fans den Platz und ver­suchten, zum geg­ne­ri­schen Block zu gelangen. Bei Spie­lende, die Gast­geber hatten 3:1 gewonnen, kamen sie wieder. Erst sah es wie eine wilde, aus der Fas­sung gera­tene Sie­ges­feier aus, bei der die hei­mi­schen Fans den Spie­lern aus Kairo nach­jagten, um ihnen Tritte und Schläge zu ver­setzen. Doch dann wen­deten sie sich der Gäs­te­kurve zu, dazwi­schen zwei Reihen behelmter Poli­zisten. Und Unge­heu­er­li­ches geschah: Die Poli­zisten traten zur Seite und erlaubten den Sturm auf die Gäs­te­kurve. Die Fans von Al-Masry schossen zunächst mit Feu­er­werks­kör­pern, holten dann Knüppel hervor, Macheten so lang wie Unter­arme, abge­bro­chene Glas­fla­schen. Dann erlosch das Flut­licht.

Ultras ahly istanbul 16 RZ

Er sagte: Komm, lass ihn liegen, der ist doch schon tot!‘ “ – Ahmed Shawkat

Ben Kilb

An dieser Stelle, da Fürch­ter­li­ches bevor­steht, will Ahmed Shawkat noch vom 27-jäh­rigen Yussuf Muhamed erzählen, einem der ältesten und erfah­rensten Fans in der Kurve. Noch unge­wöhn­li­cher war, dass er Ultra und zugleich Poli­zist war, nie­mand auf seiner Arbeits­stelle durfte das wissen. Muhamed war in der 75. Minute auf die Toi­lette gegangen, und als er kurz danach in die Kurve zurück­kehren wollte, stellte er ver­blüfft fest, dass das Tor am Ende des Trep­pen­hauses ver­schlossen worden war. Es ist bis heute nicht klar, ob dieses Tor mit einem Vor­hän­ge­schloss abge­schlossen oder sogar zuge­schweißt wurde. Eines aber steht unzwei­fel­haft fest: der ein­zige Aus­gang der Gäs­te­kurve war nun blo­ckiert. Nie­mand würde raus­kommen.

Als das Licht im Sta­dion aus­ging und die Bewaff­neten über die Zäune in ihre Kurve stürmten, war Shawkat sofort klar, dass es sich hier nicht um eine aus den Fugen gera­tene Fuß­ball­schlä­gerei han­delte. Er ver­mutet, dass sich unter die Fuß­ball­fans auch Schläger des Regimes gemischt hatten. Das Ziel war jeden­falls ganz klar, uns umzu­bringen“, sagt er. In der all­ge­meinen Panik schlug er kurz vor dem Trep­pen­haus zum Aus­gang hin und fiel aufs Gesicht – dann stellte er sich tot, wäh­rend um ihn herum das Sterben begann. Fans wurden ersto­chen und erschlagen. Sie wurden über die Brüs­tung am Rand der Tri­büne geworfen und schlugen unten auf dem Asphalt auf. Es kam jemand und wollte mich an den Haaren hoch­ziehen. Aber ein anderer sagte: Komm, lass ihn liegen, der ist doch schon tot.‘“