Seite 2: Ein Gefühl von Freiheit in Mubaraks Diktatur

Ahmed Shawkat war damals in Port Said. An jenem Mitt­woch holte er zunächst Muhamed Khaled, einen 16-jäh­rigen Nach­bars­jungen, von zu Hause ab. Eigent­lich wollte der die Aus­wärts­fahrt nicht mit­ma­chen, um sich auf Prü­fungen in der Schule vor­zu­be­reiten. Doch Shawkat hatte ihm erklärt, dass ein echter Ultra immer dabei sein müsse. Also gingen sie gemeinsam zum Treff­punkt in ihrem Stadt­viertel und zogen von dort aus mit den anderen Ultras zum Bahnhof, wo die 200 Kilo­meter lange Reise von Kairo in die Stadt am Mit­tel­meer begann.

Shawkat selbst ist seit seiner Kind­heit ins Sta­dion gegangen, an der Hand seines Vaters, sogar die Mutter kam gele­gent­lich mit. Die Familie war Al-Ahly durch und durch. 2007 gehörte er zu den 25 Grün­dern der Ultras Ahlawy. Es war die Zeit, in der sich die Ultra-Idee in ganz Nord­afrika fast gleich­zeitig und mit beein­dru­ckender Rasanz ver­brei­tete, in Marokko, Alge­rien, Tune­sien und in Ägypten, wo die Ultras von Al-Ahly die ersten im Land waren. Im Sta­dion sangen sie, dass sie dem Verein bis zum Tod treu bleiben würden.

Ultras ahly istanbul 17 RZ

Manchmal hasse ich Fuß­ball, manchmal ver­misse ich ihn“ – Amr Ali

Ben Kilb

Auf seinem Smart­phone zeigt Shawkat einige Videos aus jener Zeit. Zehn­tau­sende Fans in roten Tri­kots stehen in der weit geschwun­genen Kurve des Inter­na­tio­nalen Sta­dions von Kairo, klat­schen zusammen und singen gemeinsam, wie aus einem Mund. Es ist ein gewal­tiger Anblick, aus den erst nur 25 Ultras Ahlawy waren längst 40 000 geworden. In jedem Stadt­viertel von Kairo gab es Unter­gruppen, die darum wett­ei­ferten, beson­ders gute, beson­ders treue Sup­porter zu sein. Beim Rivalen Zamalek for­mierten sich etwas später die Ultras White Knights und kamen in Win­des­eile eben­falls auf zehn­tau­sende Mit­glieder. Mus­tafa Mekki grün­dete in seinem Stadt­teil eine Sek­tion.

Die Videos ver­mit­teln ein beein­dru­ckendes Gefühl davon, wel­ches Gefühl von Frei­heit und Gemein­schaft die Fans damals ver­bunden haben muss. Es gab nichts Attrak­ti­veres, als Ultra zu sein in dieser Dik­tatur des ewigen Poten­taten Hosni Mubarak, der sein Volk seit 30 Jahren per Not­fall­ver­ord­nung und krasser Repres­sion beherrschte, ohne der Jugend eine Zukunft auf­zeigen zu können. Und nun erlebten diese jungen Männer im Sta­dion erst­mals ein Gefühl von Macht. Irgend­wann hängten sie in ihrer Kurve ein Trans­pa­rent auf: We are Egypt“. Sie meinten ihren Klub, aber wohl auch sich selbst.

90 Pro­zent der Ultras waren zwi­schen 13 und 20 Jahre alt

Ende der Nuller­jahre reiste Shawkat erst­mals nach Tunis, die Ultras Ahlawy hatten sich mit den Supras Sud von Espe­r­ance Tunis ange­freundet. So gab es direkte Ver­bin­dungen in das Land, in dem der Ara­bi­sche Früh­ling mit den Pro­testen gegen das Staats­ober­haupt Ben Ali begann. Die Revo­lu­tion dort hatte Ein­fluss auf uns“, sagt er und erzählt, wie sie tune­si­sche Fahnen ins Sta­dion schmug­gelten, um ihre Soli­da­rität mit den Freunden in Tunis zu zeigen. Drei Tage vor Beginn des Auf­stands gegen das Mubarak-Regime im eigenen Land war das. Dann wurden wir eine der wich­tigsten Kräfte unserer Revo­lu­tion.“

Auch Amr Ali war bei den Ultras Ahlawy von Anfang an dabei, schon als sie ihre erste Cho­reo­grafie vor­be­rei­teten. In seinem Stadt­teil übten sie auf dem Platz neben der Moschee und der Kirche der Jung­frau Maria dafür. Begeis­te­rungs­fähig waren sie von Anfang an – und unglaub­lich jung. Mit­glied bei den Ultras konnte man bereits im Alter von zehn Jahren werden, 90 Pro­zent der Fans waren zwi­schen 13 und 20 Jahre alt. Die meisten kamen aus Mit­tel­schichts­fa­mi­lien, sagt Ali. Sein Vater war Bank­an­ge­stellter, der von Shawkat arbei­tete als Lager­ver­walter.

Für die Polizei waren wir vor allem ver­rückte Kids, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen“

Amr Ali

Ultras wurden zur Jugend­be­we­gung schlechthin und irri­tierten die Auto­ri­täten. Die Polizei wusste lange nicht, was sie mit uns machen sollte. Für sie waren wir vor allem ver­rückte Kids, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen“, sagt Ali. Doch als die Ägypter im Januar 2011 erst­mals gegen Mubarak auf die Straße gingen, wussten diese Kids sehr wohl, was sie wollten. Außerdem brachten sie eine Erfah­rung mit, die den meisten Demons­tranten fehlte: Beim Fuß­ball waren sie oft mit der Polizei anein­an­der­ge­raten. Manchmal holten die Beamten will­kür­lich ein paar Leute aus dem Block, ver­prü­gelten sie oder steckten sie hinter Gitter. Ahmed Shawkat etwa hatte mal 16 Tage lang im Gefängnis gesessen, war dann aber frei­ge­spro­chen worden. Immer wieder hatten sie bei Spielen offen gegen die Polizei gekämpft, Angst vor ihr hatten sie keine mehr.

Am ersten Tag der Revo­lu­tion, dem 25. Januar 2011, kämpften die Ultras von Al-Ahly und von Zamalek gemeinsam die Brü­cken über den Nil frei und durch­bra­chen Poli­zei­ketten, damit die Demons­tranten zum zen­tralen Tahrir-Platz ziehen konnten. Dorthin, wo tra­di­tio­nell auch große Fuß­ball­siege gefeiert wurden. In den Tagen darauf machten sie anderen Demons­tranten Mut und beschützten sie. Zum ersten Mal wurden Fuß­ball­fans so zu Heroen einer Revo­lu­tion. Doch dieses Hel­dentum gab es nicht geschenkt, das zeigt die Stirn von Amr Ali. An einigen Stellen ist die Haut uneben, dar­unter sind Schrot­ku­geln. Außerdem hat er auf der Stirn eine runde Narbe, wo ihn wäh­rend einer Demons­tra­tion eine Poli­zei­kugel traf.