Was wisst ihr eigent­lich über Al-Ahly? Etwas unver­mit­telt steht die Frage im Raum, aber Ahmed Shawkat muss unbe­dingt klar machen, wie groß sein Klub ist. In diesem Restau­rant in Istanbul, mehr als tau­send Kilo­meter von Kairo ent­fernt, ist das natür­lich schwer nach­zu­voll­ziehen. Doch seinem Freund Amr Ali und ihm ist das wichtig. Also: Al-Ahly wurde 38 Mal ägyp­ti­scher Meister, häu­figer als alle anderen im Land. Al-Ahly gewann 19 afri­ka­ni­sche Pokale, mehr als alle anderen des Kon­ti­nents. Einen grö­ßeren Klub findet man nicht in Afrika, und auch nicht viele in der Welt. Ein­hun­dert Mil­lionen Anhänger zähle Al-Ahly, in Ägypten allein seien es sechzig Mil­lionen, schwärmen die beiden Ultras der ersten Stunde. Keine Partei, keine Gewerk­schaft, keine andere Orga­ni­sa­tion bringt dort so viele Men­schen zusammen. Wenn es den Klub nicht gäbe, würde ich das ganze Land nicht wollen“, sagt Shawkat.

Früher hätte Mus­tafa Mekki, der neben ihnen sitzt, in diesem Moment wahr­schein­lich zumin­dest abschätzig mit den Augen gerollt. Auch er ist Ultra, aber von Zamalek, Al-Ahlys großen Rivalen, der eben­falls Mil­lionen Anhänger hat. Doch in der Fremde ist das Ver­bin­dende wich­tiger als das Tren­nende. Mekki ist 26 Jahre alt, die beiden anderen sind ein Jahr jünger. Alle drei haben in ihrer Heimat Jura stu­diert und mal gehofft, aus Ägypten ein gerech­teres Land zu machen. Sie haben dafür auf den Straßen von Kairo gekämpft, als dort 2011 der Ara­bi­sche Früh­ling begann. Und sie haben irgend­wann auf­ge­geben, ver­ließen ihr Land, kamen nach Istanbul, als Aus­wan­derer und auch als Exi­lanten.

72 Men­schen wurden schlichtweg mas­sa­kriert

Sie sind in dieses Restau­rant gekommen, um ihre Geschichte zu erzählen und die Geschichte eines Fuß­ball­spiels, das sich in diesen Tagen jährt. Vor fünf Jahren, am 1. Februar 2012 in Port Said, spielte der hei­mi­sche Klub Al-Masry gegen Al-Ahly, danach starben bei Aus­schrei­tungen 72 Men­schen. Wobei Aus­schrei­tungen“ nicht einmal ansatz­weise das beschreibt, was in jener Nacht geschah. Denn die Men­schen in der Fan­kurve von Al-Ahly wurden in den Tod getrieben oder schlichtweg mas­sa­kriert.

Was an jenem Abend geschah, hatte Aus­wir­kungen auf die Lebens­wege einer ganzen Genera­tion junger Ägypter. Ohne dieses Spiel wären auch die drei jungen Männer nicht in Istanbul; in die Türkei können Ägypter pro­blemlos gelangen. Ahmed Shawkat, den eine Aura großer Ernst­haf­tig­keit umgibt, kam vor zwei­ein­halb Jahren und arbeitet heute als Stadt­führer für ara­bi­sche Tou­risten. Der betont läs­sige und flip­pige Amr Ali ist erst seit gut einem halben Jahr da und schlägt sich mit Über­set­zungs­jobs durch, nebenbei betreut er ehren­amt­lich Kinder von Flücht­lingen. Mus­tafa Mekki kam schon 2013, ist inzwi­schen mit einer Türkin ver­lobt und jobbt als Auf­seher in einer kleinen Tex­til­fa­brik. Ihr Leben in der Türkei ist nicht ein­fach, oft ist das Geld knapp, aber hier können sie ihre Geschichte offen erzählen, ohne Angst vor den Spit­zeln der Geheim­po­lizei, die in Kairo an jeder Ecke lauern. Denn aus dem Ara­bi­schen Früh­ling ist in ihrer Heimat längst ein eisiger Winter der Repres­sion geworden.

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Die Mutter eines der Ermor­deten von Port Said zeigt kurz nach dem Mas­saker ein Foto seiner Leiche.

Luca Sola
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Der Bruder eines anderen Toten wäh­rend einer Demons­tra­tion.

Luca Sola
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Sit-in am 27. März 2012 in Kairo. Bei Demons­tra­tionen konnten die Ultras Ahlawy bis zu 40 000 Leute mobi­li­sieren und die Polizei her­aus­for­dern.

Luca Sola
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An einem Graf­fiti, das einer der Toten von Port Said gemalt hat, trauert sein Bruder.

Luca Sola
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Ein Ultra Ahlawy, der nicht erkannt werden will, vor einem Pro­test­slogan.

Luca Sola
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In einem Zelt des Pro­test­la­gers nach dem Mas­saker von Port Said.

Luca Sola
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Die Zahl 74 erin­nert an die 72 dort Getö­teten und zwei wei­tere Ultras, die vorher bei Demos umkamen.

Luca Sola
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Zimmer von Mohammed Kota, Ultra von Al-Masry, der wegen des Mas­sa­kers in Port Said zum Tode ver­ur­teilt wurde.

Luca Sola
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Nasra Fahmi, die Mutter eines wei­teren zu Tode Ver­ur­teilten.

Luca Sola
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Ahmed Shawkat war damals in Port Said. An jenem Mitt­woch holte er zunächst Muhamed Khaled, einen 16-jäh­rigen Nach­bars­jungen, von zu Hause ab. Eigent­lich wollte der die Aus­wärts­fahrt nicht mit­ma­chen, um sich auf Prü­fungen in der Schule vor­zu­be­reiten. Doch Shawkat hatte ihm erklärt, dass ein echter Ultra immer dabei sein müsse. Also gingen sie gemeinsam zum Treff­punkt in ihrem Stadt­viertel und zogen von dort aus mit den anderen Ultras zum Bahnhof, wo die 200 Kilo­meter lange Reise von Kairo in die Stadt am Mit­tel­meer begann.

Shawkat selbst ist seit seiner Kind­heit ins Sta­dion gegangen, an der Hand seines Vaters, sogar die Mutter kam gele­gent­lich mit. Die Familie war Al-Ahly durch und durch. 2007 gehörte er zu den 25 Grün­dern der Ultras Ahlawy. Es war die Zeit, in der sich die Ultra-Idee in ganz Nord­afrika fast gleich­zeitig und mit beein­dru­ckender Rasanz ver­brei­tete, in Marokko, Alge­rien, Tune­sien und in Ägypten, wo die Ultras von Al-Ahly die ersten im Land waren. Im Sta­dion sangen sie, dass sie dem Verein bis zum Tod treu bleiben würden.

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Manchmal hasse ich Fuß­ball, manchmal ver­misse ich ihn“ – Amr Ali

Ben Kilb

Auf seinem Smart­phone zeigt Shawkat einige Videos aus jener Zeit. Zehn­tau­sende Fans in roten Tri­kots stehen in der weit geschwun­genen Kurve des Inter­na­tio­nalen Sta­dions von Kairo, klat­schen zusammen und singen gemeinsam, wie aus einem Mund. Es ist ein gewal­tiger Anblick, aus den erst nur 25 Ultras Ahlawy waren längst 40 000 geworden. In jedem Stadt­viertel von Kairo gab es Unter­gruppen, die darum wett­ei­ferten, beson­ders gute, beson­ders treue Sup­porter zu sein. Beim Rivalen Zamalek for­mierten sich etwas später die Ultras White Knights und kamen in Win­des­eile eben­falls auf zehn­tau­sende Mit­glieder. Mus­tafa Mekki grün­dete in seinem Stadt­teil eine Sek­tion.

Die Videos ver­mit­teln ein beein­dru­ckendes Gefühl davon, wel­ches Gefühl von Frei­heit und Gemein­schaft die Fans damals ver­bunden haben muss. Es gab nichts Attrak­ti­veres, als Ultra zu sein in dieser Dik­tatur des ewigen Poten­taten Hosni Mubarak, der sein Volk seit 30 Jahren per Not­fall­ver­ord­nung und krasser Repres­sion beherrschte, ohne der Jugend eine Zukunft auf­zeigen zu können. Und nun erlebten diese jungen Männer im Sta­dion erst­mals ein Gefühl von Macht. Irgend­wann hängten sie in ihrer Kurve ein Trans­pa­rent auf: We are Egypt“. Sie meinten ihren Klub, aber wohl auch sich selbst.

90 Pro­zent der Ultras waren zwi­schen 13 und 20 Jahre alt

Ende der Nuller­jahre reiste Shawkat erst­mals nach Tunis, die Ultras Ahlawy hatten sich mit den Supras Sud von Espe­r­ance Tunis ange­freundet. So gab es direkte Ver­bin­dungen in das Land, in dem der Ara­bi­sche Früh­ling mit den Pro­testen gegen das Staats­ober­haupt Ben Ali begann. Die Revo­lu­tion dort hatte Ein­fluss auf uns“, sagt er und erzählt, wie sie tune­si­sche Fahnen ins Sta­dion schmug­gelten, um ihre Soli­da­rität mit den Freunden in Tunis zu zeigen. Drei Tage vor Beginn des Auf­stands gegen das Mubarak-Regime im eigenen Land war das. Dann wurden wir eine der wich­tigsten Kräfte unserer Revo­lu­tion.“

Auch Amr Ali war bei den Ultras Ahlawy von Anfang an dabei, schon als sie ihre erste Cho­reo­grafie vor­be­rei­teten. In seinem Stadt­teil übten sie auf dem Platz neben der Moschee und der Kirche der Jung­frau Maria dafür. Begeis­te­rungs­fähig waren sie von Anfang an – und unglaub­lich jung. Mit­glied bei den Ultras konnte man bereits im Alter von zehn Jahren werden, 90 Pro­zent der Fans waren zwi­schen 13 und 20 Jahre alt. Die meisten kamen aus Mit­tel­schichts­fa­mi­lien, sagt Ali. Sein Vater war Bank­an­ge­stellter, der von Shawkat arbei­tete als Lager­ver­walter.

Für die Polizei waren wir vor allem ver­rückte Kids, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen“

Amr Ali

Ultras wurden zur Jugend­be­we­gung schlechthin und irri­tierten die Auto­ri­täten. Die Polizei wusste lange nicht, was sie mit uns machen sollte. Für sie waren wir vor allem ver­rückte Kids, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen“, sagt Ali. Doch als die Ägypter im Januar 2011 erst­mals gegen Mubarak auf die Straße gingen, wussten diese Kids sehr wohl, was sie wollten. Außerdem brachten sie eine Erfah­rung mit, die den meisten Demons­tranten fehlte: Beim Fuß­ball waren sie oft mit der Polizei anein­an­der­ge­raten. Manchmal holten die Beamten will­kür­lich ein paar Leute aus dem Block, ver­prü­gelten sie oder steckten sie hinter Gitter. Ahmed Shawkat etwa hatte mal 16 Tage lang im Gefängnis gesessen, war dann aber frei­ge­spro­chen worden. Immer wieder hatten sie bei Spielen offen gegen die Polizei gekämpft, Angst vor ihr hatten sie keine mehr.

Am ersten Tag der Revo­lu­tion, dem 25. Januar 2011, kämpften die Ultras von Al-Ahly und von Zamalek gemeinsam die Brü­cken über den Nil frei und durch­bra­chen Poli­zei­ketten, damit die Demons­tranten zum zen­tralen Tahrir-Platz ziehen konnten. Dorthin, wo tra­di­tio­nell auch große Fuß­ball­siege gefeiert wurden. In den Tagen darauf machten sie anderen Demons­tranten Mut und beschützten sie. Zum ersten Mal wurden Fuß­ball­fans so zu Heroen einer Revo­lu­tion. Doch dieses Hel­dentum gab es nicht geschenkt, das zeigt die Stirn von Amr Ali. An einigen Stellen ist die Haut uneben, dar­unter sind Schrot­ku­geln. Außerdem hat er auf der Stirn eine runde Narbe, wo ihn wäh­rend einer Demons­tra­tion eine Poli­zei­kugel traf. 

So cool, wie Ali das erzählt, wird daraus ein ver­rücktes Aben­teuer. Aber sein Leben war oft in Gefahr, zum ersten Mal am legen­dären Freitag der Wut“, drei Tage nach Beginn der Auf­stände. Damals lernte er im Getümmel einen gleich­alt­rigen Jungen kennen, der ihn bat, näher an die Mauer her­an­kommen zu dürfen, an der beide standen. Es wurde näm­lich gerade geschossen. Einen Moment danach krallte er sich an meiner Schulter fest. Als ich mich umdrehte, war sein Bauch voller Löcher, aus denen Blut lief.“ Er war nicht der Letzte, den Ali sterben sah. Als er das erzählt, steigen ihm Tränen in die Augen.

Viele Men­schen kamen in den acht­zehn Tagen, bis Mubarak schließ­lich kapi­tu­lierte, ums Leben, auch einer der Ultras Ahlawy war unter den Toten. Nach dem Sturz des Des­poten demons­trierten die Ägypter weiter, ver­an­stal­teten Pro­test­lager und Sit-ins, denn das Militär wollte nicht von der Macht lassen. Im November 2011 kam es in Kairos Mohammed-Mahmoud-Straße, die direkt zum Innen­mi­nis­te­rium führt, zu beson­ders hef­tigen Kämpfen. Auch die drei Ultras aus Istanbul waren dabei, als Molo­tow­cock­tails und Steine flogen. Ultras bil­deten Stoß­trupps, die Poli­zei­autos umstürzten und anzün­deten, jün­gere Fans sicherten den Nach­schub an Wurf­ge­schossen, und auf Mopeds wurden die Ver­letzten abtrans­por­tiert. Einen Monat später wurde ein Ultra Ahlawy vom Militär so schwer miss­han­delt, dass er an den Ver­let­zungen starb.

Macht euer Tes­ta­ment, bevor ihr nach Port Said kommt“

Twitter-Botschaft der Green Eagles, Ultras von Al-Masry

Im Sta­dion hatte sich die Gruppe bis dahin poli­tisch nicht geäu­ßert, aber natür­lich wussten Militär und Polizei, dass die sie auf Seiten der Revo­lu­tion standen. Auf der Straße haben wir immer als Ägypter demons­triert und nicht als Ultras“, sagt Ali. Doch Ende Januar 2012, vier Tage vor dem Spiel in Port Said, war das anders. Al-Ahly spielte daheim gegen einen der klei­neren Klubs aus Kairo, und alle waren auf­ge­bracht wegen des getö­teten Ultras. Laut­hals sangen sie gegen die Polizei und zum ersten Mal auch gegen den Supreme Council of the Armed Forces, die Mili­tär­re­gie­rung.

Vor der Fahrt nach Port Said war uns auch des­halb nicht ganz wohl“, sagt Ahmed Shawkat. Die blu­tigen Stra­ßen­schlachten im November, bei der die Polizei die Kon­trolle ver­loren hatte, und die offen feind­se­ligen Gesänge im Sta­dion ver­än­derten die Situa­tion. Und Reisen nach Port Said waren schon in fried­li­chen Zeiten immer heikel gewesen. Die Atmo­sphäre der Spiele beim in Port Said behei­ma­teten Klub Al-Masry war für Al-Ahly sogar erbit­terter und feind­se­liger als beim großen Kairo-Derby gegen Zamalek. Die Leute in Port Said fühlen sich seit jeher gegen­über der Haupt­stadt benach­tei­ligt. So hatte es über die Jahre immer wieder Kra­walle gegeben, wenn Al-Ahly kam. Beim letzten Spiel, acht Monate zuvor, waren es die Ultras Ahlawy gewesen, die in Port Said ran­da­lierten. Sie hatten Steine geworfen und Autos demo­liert. Dieses Mal drohten ihnen die Green Eagles, die Ultras von Al-Masry, per Twitter-Nach­richt mit dem Tod: Macht euer Tes­ta­ment, bevor ihr nach Port Said kommt.“

Die Polizei erlaubte den Sturm auf die Gäs­te­kurve

Shawkat erzählt die Geschichte des Tages nüch­tern und sach­lich. Er rührt sich dabei kaum, ist hoch­kon­zen­triert, als wolle er Zeugnis ablegen, ohne sich von Emo­tionen mit­reißen zu lassen. Ihr Zug aus Kairo sei bereits an einer Sta­tion zwanzig Kilo­meter vor Port Said gestoppt worden, erzählt er. Wir sollten in Busse umsteigen und wurden dann, von Militär und Polizei bewacht, ins Sta­dion gefahren. Das war nicht normal“, sagt er. Als die zwei­tau­send Fans in der Gäs­te­kurve des Sta­dions ange­kommen waren, das nur eine Quer­straße vom Mit­tel­meer ent­fernt liegt, war noch etwas anderes unge­wöhn­lich, nur wussten sie es nicht: Die hei­mi­schen Fans waren nicht wie sonst üblich nach Waffen durch­sucht worden.

Das ganze Spiel ver­lief chao­tisch, schon der Anpfiff ver­zö­gerte sich um eine halbe Stunde. Und obwohl Al-Masry zur Pause mit 1:0 führte, stürmten einige hei­mi­sche Fans den Platz und ver­suchten, zum geg­ne­ri­schen Block zu gelangen. Bei Spie­lende, die Gast­geber hatten 3:1 gewonnen, kamen sie wieder. Erst sah es wie eine wilde, aus der Fas­sung gera­tene Sie­ges­feier aus, bei der die hei­mi­schen Fans den Spie­lern aus Kairo nach­jagten, um ihnen Tritte und Schläge zu ver­setzen. Doch dann wen­deten sie sich der Gäs­te­kurve zu, dazwi­schen zwei Reihen behelmter Poli­zisten. Und Unge­heu­er­li­ches geschah: Die Poli­zisten traten zur Seite und erlaubten den Sturm auf die Gäs­te­kurve. Die Fans von Al-Masry schossen zunächst mit Feu­er­werks­kör­pern, holten dann Knüppel hervor, Macheten so lang wie Unter­arme, abge­bro­chene Glas­fla­schen. Dann erlosch das Flut­licht.

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Er sagte: Komm, lass ihn liegen, der ist doch schon tot!‘ “ – Ahmed Shawkat

Ben Kilb

An dieser Stelle, da Fürch­ter­li­ches bevor­steht, will Ahmed Shawkat noch vom 27-jäh­rigen Yussuf Muhamed erzählen, einem der ältesten und erfah­rensten Fans in der Kurve. Noch unge­wöhn­li­cher war, dass er Ultra und zugleich Poli­zist war, nie­mand auf seiner Arbeits­stelle durfte das wissen. Muhamed war in der 75. Minute auf die Toi­lette gegangen, und als er kurz danach in die Kurve zurück­kehren wollte, stellte er ver­blüfft fest, dass das Tor am Ende des Trep­pen­hauses ver­schlossen worden war. Es ist bis heute nicht klar, ob dieses Tor mit einem Vor­hän­ge­schloss abge­schlossen oder sogar zuge­schweißt wurde. Eines aber steht unzwei­fel­haft fest: der ein­zige Aus­gang der Gäs­te­kurve war nun blo­ckiert. Nie­mand würde raus­kommen.

Als das Licht im Sta­dion aus­ging und die Bewaff­neten über die Zäune in ihre Kurve stürmten, war Shawkat sofort klar, dass es sich hier nicht um eine aus den Fugen gera­tene Fuß­ball­schlä­gerei han­delte. Er ver­mutet, dass sich unter die Fuß­ball­fans auch Schläger des Regimes gemischt hatten. Das Ziel war jeden­falls ganz klar, uns umzu­bringen“, sagt er. In der all­ge­meinen Panik schlug er kurz vor dem Trep­pen­haus zum Aus­gang hin und fiel aufs Gesicht – dann stellte er sich tot, wäh­rend um ihn herum das Sterben begann. Fans wurden ersto­chen und erschlagen. Sie wurden über die Brüs­tung am Rand der Tri­büne geworfen und schlugen unten auf dem Asphalt auf. Es kam jemand und wollte mich an den Haaren hoch­ziehen. Aber ein anderer sagte: Komm, lass ihn liegen, der ist doch schon tot.‘“

Die größte Todes­falle jedoch wurde das Trep­pen­haus, Hun­derte flohen voller Panik hierhin. Dort prallten sie auf das ver­rie­gelte Tor, wurden gegen das Gitter gepresst, stürzten über­ein­ander. Auf der anderen Seite stand immer noch der Poli­zist Muhamed. Ohne ihn wären wahr­schein­lich dop­pelt so viele Men­schen gestorben“, sagt Shawkat. Ver­zwei­felt ver­suchte er, das Tor zu öffnen, obwohl ihm klar gewesen sein muss, dass er erdrückt würde, wenn es ihm gelänge. Dann öff­nete es sich. Mit 27 Jahren war Yussuf Muhamed das älteste Todes­opfer, seine Frau erwar­tete ein Kind.

Nach 15 Minuten Gemetzel ging das Sta­di­on­licht an, und die Angreifer ver­schwanden, ganz so, als ob sie ein Zei­chen bekommen hätten. Warum sie plötz­lich abließen, weiß Shawkat bis heute nicht. Sie hätten uns auch alle töten können.“

Tele­fonat mit dem Mörder

Das Spiel des Klubs mit den 60 Mil­lionen Anhän­gern war im Fern­sehen über­tragen worden, und alle hatten sehen können, dass es Aus­schrei­tungen gab. Über die sozialen Medien sickerten erste Infor­ma­tionen über das Ausmaß des Hor­rors durch. Zunächst war die Rede von zwei Toten, aber ein paar Minuten später schon von 20“, sagt Mus­tafa Mekki, der zur glei­chen Zeit in Kairo beim Spiel von Zamalek gegen Ismailia war, das später ange­fangen hatte. Zur Pause zün­deten die Ultras White Knights hinter dem Sta­dion ein rie­siges Feuer an, als Fanal, mit dem sie für einen Spiel­ab­bruch sorgten.

Al-Ahly-Fan Amr Ali hatte eigent­lich selber nach Port Said fahren wollen, dann aber arbeiten müssen. Jetzt ver­suchte er, wie so viele andere, einen guten Freund zu errei­chen, der dort war. Am Tag zuvor hatte er ihn, anders als sonst, mit einer Umar­mung ver­ab­schiedet. Bist du schwul, oder was?“, hatte der lachend gefragt. Jetzt ging er nicht ans Telefon, aber in der Panik von Port Said hatten viele ihr Handy ver­loren, andere waren beraubt worden. Den größten Horror erlebte eine junge Frau aus Alex­an­dria, wie sie später dem Sender Al Jazeera erzählte. Als sie ihren kleinen Bruder zu errei­chen ver­suchte, der nach Port Said gefahren war, ging jemand an sein Telefon und sagte: Wir haben ihn getötet.“ Als sie fas­sungslos fragte, wer da mit ihr spreche, sagte er: Mit dem Mörder deines Sohns.“

Überall Tote und Ver­letzte

Als das Telefon von Ahmed Shawkat klin­gelte, war die Mutter des Nach­bars­jungen Muhamed Khaled dran, den er nach Port Said mit­ge­nommen hatte. Sie konnte ihren Sohn nicht errei­chen. Doch Shawkat, selbst noch unter Schock, hatte ihn aus den Augen ver­loren, als der Angriff auf die Kurve begann. Jetzt lagen überall Ver­letzte und Tote. Einige Fans waren sogar in die Umklei­de­ka­bine von Al-Ahly geflohen, einer starb in den Armen von Star­spieler Mohamed Abou­trika. Aber viel­leicht war Muhamed Khaled auch in einem Kran­ken­wagen weg­ge­bracht worden.

Drei Stunden wurden sie am Sta­dion hinter einem Kordon aus Sol­daten fest­ge­halten. Men­schen aus der Nach­bar­schaft, die helfen wollten, wurden nicht durch­ge­lassen. Dann brachte das Militär die trau­ma­ti­sierten Fans zum Bahnhof. In einem unbe­leuch­teten Zug fuhren sie durch die Nacht und nur das Wim­mern der auf dem Boden lie­genden Ver­letzten war zu hören. Hun­derte hatten Wunden, aber die meisten wollten in Port Said nicht ins Kran­ken­haus, aus Angst, dort getötet zu werden.

Die aus dem Zug stiegen, sahen aus, als kämen sie aus dem Krieg“

Amr Ali

Als sie am frühen Morgen in Kairo ankamen, waren die Bahn­steige über­füllt. Die aus dem Zug stiegen, sahen aus, als kämen sie aus dem Krieg“, sagt Ali, der mit Tau­senden gekommen war, um Kinder, Brüder oder Freunde zu suchen. Seinen Freund fand er nicht. Auch Muhamed Khaled blieb ver­schwunden, und so fuhr Shawkat mit dessen Mutter am nächsten Tag nach Port Said, um die Kran­ken­häuser und die Lei­chen­schau­häuser abzu­su­chen. Dort erfuhren sie, dass die Lei­chen und die Schwer­ver­letzten von einer Mili­tär­ma­schine nach Kairo gebracht worden waren.

In Kairo gingen sie dorthin, wo die Toten von Port Said in Reihen auf­ge­bahrt waren. Es war fürch­ter­lich. Wir haben uns Toten für Toten ange­schaut. Einigen war Port Said“ oder UGE“ in die Stirn geritzt worden – Ultras Green Eagles.“ Die Mörder demü­tigten ihre Opfer noch im Tod. Ihren Sohn konnte Muha­meds Mutter nur anhand der Schuhe iden­ti­fi­zieren. Sein Gesicht war zu ent­stellt, er war im Gedränge vor dem ver­schlos­senen Tor erdrückt worden. Auch der Freund von Amr Ali lag im Lei­chen­schau­haus. Der Trommler von Al-Ahly war tot.

Die große Frage war die nach dem Warum. Warum wurden zum ersten Mal über­haupt Fuß­ball­fans in einem Sta­dion ermordet? Wer erlaubte, dass die Fans Waffen mit ins Sta­dion bringen konnten? Wer schal­tete das Licht aus? Wer schloss das Aus­gangstor ab? Warum wurde der Fluchtweg blo­ckiert? Vor allem aber: Warum griffen Polizei und Militär bei dem Mas­saker nicht ein? Ahmed Shawkat meint: Port Said ergibt einen Sinn, wenn man sich die Geschichte seit Beginn der Revo­lu­tion anschaut.“ Für die alten Mächte waren die Ultras nicht mehr ver­rückte Kids, sie waren Feinde in einem blu­tigen Macht­kampf geworden.

Und wie können sie wei­ter­leben, nach sol­chem Horror, sol­cher Bös­ar­tig­keit? 14 der 72 Toten von Port Said waren Freunde von Ahmed Shawkat. Sie sind für eine gute Sache gestorben und jetzt an einem bes­seren Ort“, sagt er. Bis heute erin­nern die Ultras Ahlawy an ihre 74 Mär­tyrer, die 72 Toten von Port Said und die beiden, die schon vorher gestorben waren. Und viel­leicht hilft es gegen den Schmerz, die Trauer und den Zorn wirk­lich, diesem Gemetzel einen Sinn zu geben, indem diese jungen Men­schen, die doch teil­weise fast noch Kinder waren, zu Mär­ty­rern erklärt werden. Auf der Straße kämpften viele Ultras nach dem Mas­saker von Port Said noch wilder und radi­kaler. Auch Shawkat tat das und Ali, der kaum noch zur Ruhe kam. Ehren­amt­lich gab er Rechts­hilfe, für ein ägyp­tisch-ame­ri­ka­ni­sches For­schungs­pro­jekt führte er Inter­views, um Augen­zeugen der Revo­lu­tion eine Stimme zu geben. Dann wieder stand er in der ersten Reihe im Kampf gegen die Polizei.

Es war sinnlos, ein­fach immer nur mehr Leute sterben zu sehen“

Ahmed Shawkat

Fünf Monate nach Port Said, im Juni 2012, gewannen die Mus­lim­brüder die Wahlen in Ägypten und stellten den Prä­si­denten. Doch bald begannen Demons­trationen gegen die neue Regie­rung. Auch Ultras waren daran betei­ligt oder Leute, die sich als Ultras aus­gaben. Längst waren die Linien zwi­schen Gut und Böse ver­wischt. End­gültig schei­terte die Revo­lu­tion im Sommer 2013, als das Militär gegen den Staats­prä­si­dent Mohammed Mursi putschte. Erneut gab es Mas­saker in Kairo, hun­derte Men­schen kamen zu Tode, viel­leicht sogar tau­sende. Wir haben damals auf­ge­hört zu demons­trieren. Es war sinnlos geworden, ein­fach immer nur mehr Leute sterben zu sehen“, sagt Shawkat.

2013 wurden die Morde von Port Said in einem Pro­zess in der Polizei­akademie in Kairo ver­han­delt. Das Urteil wurde live im Fern­sehen ver­lesen: Es gab 21 Todes­ur­teile, die meisten gegen Mit­glieder der Ultras Green Eagles. Zwei Poli­zisten bekamen Gefäng­nis­strafen, sieben wurden frei­ge­spro­chen. Dar­aufhin setzten die Ultras Ahlawy in Kairo einen Poli­zei­club in Brand und das Gebäude des Fuß­ball­ver­bandes. Auch in Port Said gab es gewalt­tä­tige Pro­teste. 2015 wurde die Zahl der Todes­ur­teile auf elf redu­ziert, noch sind sie nicht rechts­gültig. Für die drei Ultras in Istanbul ist der Pro­zess eine Farce, weil er sich nicht um die Hin­ter­männer küm­merte. Die wahren Schul­digen werden sowieso nicht bestraft“, sagt Ali.

Fami­li­en­fest als Ret­tung

Die ägyp­ti­sche Meis­ter­schaft wurde nach Port Said abge­bro­chen. Bis heute finden die Liga­spiele ohne Publikum statt und können nur im Fern­sehen ver­folgt werden. Nur bei Län­der­spielen und afri­ka­ni­schen Pokal­wett­be­werben darf eine begrenzte Zahl an Zuschauern ins Sta­dion.

Für den 8. Februar 2015, fast genau drei Jahre nach Port Said, kün­digte der Prä­si­dent von Zamalek über­ra­schend eine Aus­nahme an. Als alter Par­tei­gänger des Regimes hatte er sich stets vehe­ment gegen die Ultras seines Klubs aus­ge­spro­chen, nun stellte er zehn­tau­send Karten bereit. Mus­tafa Mekki, der seit dem Tag von Port Said nicht mehr im Sta­dion gewesen war, wollte unbe­dingt kommen. Er lebte bereits in Istanbul, war aber in Kairo zu Besuch. Doch seine Mutter ver­don­nerte ihn zum Besuch eines Fami­li­en­festes. Viel­leicht hat sie mir damit das Leben gerettet“, sagt er. Denn dop­pelt so viele Fans wie zuge­lassen kamen an jenem Tag zum Air Defense Sta­dium. Sie drängten auf einen ein­zigen Ein­gang zu, dann ver­stellte die Polizei den Rückweg und warf Trä­nengas in die Menge. In der Mas­sen­panik starben 22 Men­schen, die meisten Mit­glieder der Ultras White Knights. Ich glaube, dass es geplant war, damit die Fans gar nicht mehr ins Sta­dion zurück­kommen“, sagt Mekki.

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Dass man im Sta­dion sterben kann, hat mich fertig gemacht“ – Mus­tafa Mekki

Ben Kilb

Die meisten Beob­achter gehen eher davon aus, dass diese Kata­strophe kein Kom­plott war, son­dern Aus­druck der Inkom­pe­tenz der Poli­zisten und Mili­tärs. Seither sitzt ein Anführer der Ultras White Knights in Unter­su­chungs­haft und trat letztes Jahr wegen der Haft­be­din­gungen in einen Hun­ger­streik. Mit dem Ende des Ara­bi­schen Früh­lings werden Ultras in Ägypten teil­weise nicht mehr nur verbal mit Ter­ro­risten gleich­ge­setzt, son­dern auch so behan­delt. Selbst Mei­nungs­äu­ße­rungen in sozialen Medien sind von der Polizei schon ver­folgt worden. Die Face­book-Seite der Ultras Ahlawy dient inzwi­schen vor allem dazu, der Toten zu gedenken.

Dass man im Sta­dion sterben kann, hat mich fer­tig­ge­macht“, sagt Mus­tafa Mekki. Den­noch schaut er sich via Internet wei­terhin fast jedes Spiel von Zamalek an, und die beiden anderen ver­passen keines von Al-Ahly. Fuß­ball ist geblieben, trotz allem. Manchmal hasse ich den Fuß­ball, manchmal ver­misse ich ihn“, sagt Amr Ali. Mit­unter hält er es kaum aus, die Spiele anzu­schauen. Ahmed Shawkat hat bis heute Alb­träume von Port Said: Aber wenn ich ins Sta­dion gehe, habe ich keine schlechten Gefühle.“ Letztes Jahr ist er sogar nach Kenia geflogen, als Al-Ahly dort spielte. Er wartet auf den Tag, an dem er wieder ganz normal eine Partie besu­chen kann. Bis dahin postet er auf Twitter und Face­book unver­drossen über Al-Ahly, den größten Klub Afrikas.