Streng genommen hätte ich als einer der ersten Men­schen in Deutsch­land ahnen können, dass die Pla­nungen für die pom­pöse Eröff­nungs­gala zur WM 2006 finan­ziell eher unso­lide daher­kamen. Etwa drei Jahre vor dem Tur­nier wurde näm­lich ein Abge­sandter des öster­rei­chi­schen Impre­sa­rios, der mit der Pla­nung der Gala beauf­tragt worden war, bei uns in der Ber­liner Redak­tion vor­stellig. Er sei auf der Suche nach unge­wöhn­li­chen Orten in Berlin, eröff­nete er uns, an denen spek­ta­ku­läre Per­for­mances mög­lich seien. Es solle unser finan­zi­eller Schaden nicht sein.

Also gurkten wir im Taxi durch Berlin, und ich zeigte ihm ver­steckte Kleinode, die nor­male Tou­risten nur selten zu Gesicht bekommen, das Bran­den­burger Tor zum Bei­spiel, den Reichstag und die Schwan­gere Auster. Der Emissär bekam sich vor Begeis­te­rung kaum noch ein, warf mich dann aus dem Taxi und wies mich an, eine Hono­rar­note über 1500 Euro zu schreiben. 1500 Euro wohl­ge­merkt nur dafür, dass ich einmal fahrig in Rich­tung Reichstag gedeutet hatte. Was den Schluss zuließ, dass damals in den Ver­an­stal­ter­kreisen über eine sinn­volle Ver­wen­dung vor­han­dener Gelder eher weniger nach­ge­dacht wurde.

Das soge­nannte Som­mer­mär­chen

Es war dies die kurze Begeg­nung mit einem Skandal, dessen Brei­ten­wir­kung sich erst all­mäh­lich ent­fal­tete, der inzwi­schen aber den Rück­schluss zulässt, dass das deut­sche WM-OK sich zu keinem Zeit­punkt dem Trug­schluss hin­ge­geben hatte, die Wahl­männer im FIFA-Exe­ku­tiv­ko­mitee allein mit ein paar duften Argu­menten vom WM-Standort Deutsch­land über­zeugen zu können. So weit so schmutzig. Einen erfreu­li­chen Neben­as­pekt hat die ganze Affäre den­noch. Näm­lich jenen, dass die kleb­rige Legende vom soge­nannten Som­mer­mär­chen auf ein halb­wegs erträg­li­ches Nor­malmaß zurück­ge­stutzt werden kann.

Das WM-Tur­nier 2006 wird näm­lich seit nun­mehr neun Jahren auf gro­teske Weise zu einer Art natio­nalem Erwe­ckungs­er­lebnis ver­klärt, zur vier­wö­chigen Geburt eines neuen, nun aber mächtig welt­of­fenen Deutsch­lands sti­li­siert. So sehr ist die Geschichts­klit­te­rung schon fort­ge­schritten, dass neu­lich nie­mand hämisch lachte, als Bun­des­trainer Joa­chim Löw mit dem Brustton der Über­zeu­gung erklärte: Viel­leicht wäre die offene Will­kom­mens­kultur, die wir in der aktuell schwie­rigen Flücht­lings­frage erleben, ohne die WM 2006 gar nicht mög­lich gewesen.“ Wie bitte?