Seite 2: Brasilien drängt und drängt

3. Phase: Bel­gien zu passiv
Bel­giens Plan mag auf dem Papier gut gewesen sein. In der Praxis zeigten sich nach der 2:0‑Führung aber einige Schwä­chen. Ihr 4 – 3‑3-System inter­pre­tierten sie zu passiv, sodass Bra­si­lien die Kon­trolle über das Spiel gewinnen konnte.

Die Bel­gier bekamen zwar Bra­si­liens linke Seite ver­tei­digt. Doch bei Angriffen über die rechte Seite oder bei plötz­li­chen Ver­la­ge­rungen waren sie ver­wundbar. Zum Ende der ersten Halb­zeit vari­ierten die Bra­si­lianer ihr Spiel stärker. Die zen­tralen Mit­tel­feld­spieler rückten weiter vor und kre­ierten Über­zahlen im Zen­trum. Bel­gien begann zu schwimmen.

4. Phase: Bra­si­lien drängt und drängt
Nach der Halb­zeit­pause lief das Spiel nur noch auf das bel­gi­sche Tor. Bra­si­lien drängte auf den Anschluss­treffer. Mar­celo war nun nicht mehr hinten zu finden. Bra­si­lien sicherte Mar­celos Vor­stöße besser ab als vor der Pause, indem Fagner prak­tisch als dritter Innen­ver­tei­diger agierte.

Doch nicht etwa Mar­celo, son­dern die bra­si­lia­ni­schen Mit­tel­feld­spieler kur­belten das Spiel in der Folge an. Mit den Ein­wechs­lungen der Ex-Bun­des­liga-Spieler Fir­mino und Dou­glas Costa stellte Tite sein System um. Bra­si­lien agierte fortan ohne echten Stürmer, Neymar und Fir­mino besetzten das offen­sive Mit­tel­feld.

Dieses 4−2−4−0 war clever gewählt: Gegen die pas­siven Bel­gier ver­suchte Bra­si­lien nicht etwa, Durch­brüche in den Straf­raum mit Flanken zu erzwingen; das hätte ange­sichts von sechs bis acht Bel­giern im eigenen Straf­raum kaum funk­tio­niert. Statt­dessen nutzte Bra­si­lien die Über­zahl im offen­siven Mit­tel­feld, um Bel­giens pas­sives Drei­er­mit­tel­feld zu umspielen. Bel­gien bekam nun kei­nerlei Zugriff auf Bra­si­liens Mit­tel­feld­spieler, die Chance um Chance auf­legten. Der eben­falls ein­ge­wech­selte Renato Augusto über­zeugte in dieser Phase als in den Straf­raum sprin­tender Zehner – und erzielte prompt den Aus­gleich (76.).

5. Phase: Aus­wechs­lungen zer­stören Bra­si­liens Rhythmus
In den letzten zehn Minuten bekam Bel­gien die Partie etwas besser in den Griff. Mar­tinez brachte mit Ver­maelen einen wei­teren Ver­tei­diger, stellte damit auf ein 5 – 3‑2-System um. Bel­gien neu­tra­li­sierte dank des zusätz­li­chen Ver­tei­di­gers Bra­si­liens Sprints in die Tiefe.

Vor allem aber spielte Mar­tinez mit diesen Wech­seln auf Zeit. Bra­si­lien hatte zwar kurz vor Schluss noch einmal eine Chance; die längste Zeit der Nach­spiel­zeit mussten sie aber zusehen, wie Bel­gien Frei­stöße und Aus­wechs­lungen ver­zö­gerte. Die Bra­si­lianer konnten ihre Auf­hol­jagd in der zweiten Halb­zeit nicht krönen.

Ganz Bra­si­lien weint über den ver­meint­lich unge­rechten Schieds­richter und über den bril­lanten bel­gi­schen Tor­hüter Thibaut Cour­tois. Der neu­trale Zuschauer hin­gegen blickt zurück auf dieses Spiel als das, was es war: das bisher beste Spiel dieser Welt­meis­ter­schaft.