Der Mann, der das Böse des Calcio per­so­ni­fi­ziert, lässt auf sich warten. Zwei Stunden nach dem ver­ab­re­deten Termin betritt er see­len­ruhig die Hotellounge im Nobel­viertel Pos­il­lipo von Neapel. Buo­na­sera Diret­tore!“, wis­pert der Hotel­page ehr­fürchtig. Der kleine Mann grüßt nicht zurück, er wirft sich in ein sehr wei­ches Sofa­kissen. Seine beiden Handys plat­ziert er in Reich­weite. Es sind nur zwei Handys, nicht sechs wie noch vor ein paar Jahren. 

Luciano Moggi ist gebräunt, trägt eine rand­lose Brille, Jeans, ein flie­der­far­benes Polo­shirt und zwei Per­len­kett­chen, an einem bau­melt ein kleines Kreuz. Er sieht erholt aus. Ich bin ein anstän­diger Mensch. Im Gegen­satz zu denen, die schlecht über mich geschrieben haben.“ Rou­ti­niert spult der Fuß­ball­teufel die Nummer vom Unschulds­engel ab. Er sagt: Cal­cio­poli ist ein großer Bluff der­je­nigen, die mich aus­schalten wollten.“

Cal­cio­poli – der Skandal, der Ita­lien erschüt­terte

Cal­cio­poli. So taufen die ita­lie­ni­schen Zei­tungen den Skandal, der im Früh­sommer 2006 über Ita­liens Serie A her­ein­bricht. Eine Über­ra­schung ist er für die Wenigsten, denn schon seit Jahren haben die Tifosi von Mai­land bis Palermo das Gefühl, dass Juventus Turin nicht immer mit lau­teren Mit­teln gewinnt. Ihr Ver­dacht wird bestä­tigt, als Turiner Staats­an­wälte wäh­rend ihrer Ermitt­lungen wegen Doping­prak­tiken und Bilanz­fäl­schung auf ein wei­teres Schat­ten­reich beim ita­lie­ni­schen Rekord­meister stoßen, in dem es noch fins­terer zugeht. Ein ein­ziger Mann hält darin alle Fäden in den Händen: Luciano Moggi.

Mühsam hat er sich nach oben gear­beitet. Er will nie wieder dorthin zurück, woher er kommt, dafür sind ihm alle Mittel recht. Als er noch Bahn­hofs­vor­steher in seinem tos­ka­ni­schen Hei­matort Mon­ti­ciano ist, rast er schon über die Dörfer, immer auf der Suche nach guten Kickern. 1994 wird er Gene­ral­di­rektor von Juve, holt Dut­zende Spieler und macht sie zu Stars, etwa Zidane, Tre­ze­guet oder Henry. Juventus sichert sich mit Moggi nicht nur großen Sach­ver­stand, son­dern auch ein eng­ma­schiges Netz an Bezie­hungen. Es klingt immer auch Ehr­furcht mit, wenn die Jour­na­listen in ihren Arti­keln, in Anleh­nung an den berühmten Mafia­boss, von Lucky Luciano“ schreiben.

Ein trä­nen­ver­quol­lenes Maul­wurfs­ge­sicht

Es ist Mitte Mai 2006, und der einst glück­liche Luciano stapft mit einem trä­nen­ver­quol­lenen Maul­wurfs­ge­sicht aus einer Kaserne in Rom, wo ihn ein Cara­bi­niere-Offi­zier ver­hört. Die Staats­an­walt­schaft hat in Neapel, Moggis Wohn­sitz, ein Ermitt­lungs­ver­fahren wegen Bil­dung einer kri­mi­nellen Ver­ei­ni­gung und Sport­be­trug ein­ge­leitet. Es ist die Zeit, in der Moggi noch sechs Handys benutzt. In dem Verhör erfährt er, dass seine Tele­fone zwi­schen November 2004 und Juni 2005 abge­hört worden sind. Im Schnitt führt er 416 Tele­fo­nate am Tag, zehn Cara­bi­nieri sind für die Aus­wer­tung not­wendig. Ich habe diesen Calcio nicht erfunden, das System funk­tio­niert seit Jahren so“, wehrt er sich im Verhör mit trä­nen­er­stickter Stimme.

Unter­dessen können die Ita­liener in den Zei­tungen Wort für Wort nach­lesen, was sich hinter den Kulissen des großen Fuß­ball­spek­ta­kels abge­spielt hat. Fast täg­lich tele­fo­niert Moggi mit den Schieds­rich­te­r­ob­män­nern Pier­luigi Pai­retto und Paolo Ber­gamo. Weil er fürchtet, abge­hört zu werden, ver­sorgt er einige seiner Gesprächs­partner mit aus­län­di­schen SIM-Karten. Auf seine Anwei­sung hin küm­mern sich die Obmänner darum, dass Juve die gewünschten Refe­rees zuge­lost bekommt, die den Geg­nern schon mal ein­deu­tige Straf­stöße ver­wei­gern. Auch eine andere Methode bewährt sich: Wich­tige Spieler von Mann­schaften, die am nächsten Spieltag gegen Juve antreten, werden ver­warnt und müssen dann gesperrt aus­setzen. Dass Pai­retto zudem Schieds­rich­te­r­ob­mann der UEFA ist, kommt Moggi auch in der Cham­pions League zugute. Ich habe dir einen tollen Schieds­richter ver­passt“, teilt Pai­retto vor dem Grup­pen­spiel gegen Ajax Ams­terdam am 15. Sep­tember 2004 mit. Urs Meier wird pfeifen, Moggi ist zufrieden. Der Gene­ral­di­rektor nennt Pai­retto zärt­lich Pino­chet“.

Und denk daran, halte 50 Augen auf!“

Und denk daran, halte 50 Augen auf! Um auch Dinge zu sehen, die man gar nicht sehen kann!“ So stimmt Pai­retto Schieds­richter Paolo Don­da­rini auf das Spiel Sam­pdoria Genua gegen Juventus im Sep­tember 2004 ein. Juventus gewinnt mit Hilfe eines groß­zü­gigen Elf­me­ter­pfiffs und eines nicht gege­benen Straf­stoßes mit 3:0. Doch im System Moggi genügt es nicht, die Schieds­richter unter Kon­trolle zu haben. Ebenso wichtig ist, die öffent­liche Mei­nung zu steuern. Moggi steht ein halbes Dut­zend Jour­na­listen zu Diensten. Eine der meist­ge­se­henen Fuß­ball­sen­dungen dieser Zeit ist der Pro­zess“, in dem sich ältere Männer in einer Art Fern­seh­tri­bunal anbrüllen. Vor der Sen­dung ruft ein Redak­teur bei Moggi an, um zu erfragen, wen er gut und wen er schlecht weg­kommen lassen solle. Du musst Ber­tini, Dat­tilo und Tre­fo­loni retten. Auf Milan kannst du drauf­hauen so viel du willst“, so Moggi. Sein Wille geschieht.

Sein Ein­fluss reicht weit über den Calcio hinaus. Im Februar 2005 ruft Innen­mi­nister Giu­seppe Pisanu an und fleht ihn um die Ret­tung seines in der dritten Liga düm­pelnden Hei­mat­ver­eins Torres Sas­sari an. In der Folge gewinnt der Klub erst­mals seit zwei Jahren wieder ein Aus­wärts­spiel und kann sich vor dem Abstieg retten. Als Papst Johannes Paul II. im Sterben liegt, weist Moggi den Minister an, den anste­henden Spieltag kei­nes­falls aus­zu­setzen, schließ­lich ist der kom­mende Juventus-Gegner in diesem Moment nicht nur durch zwei Gelb-Sperren, son­dern auch durch zwei Ver­letzte geschwächt, die sich bald wieder erholen könnten.

Moggis Büro: Ein Dreh­kreuz der Gefäl­lig­keiten

Das Büro des Gene­ral­di­rek­tors hat sich über die Jahre zu einem Dreh­kreuz der Gefäl­lig­keiten ent­wi­ckelt. Alle krie­chen sie zu Kreuze, wenn der Diret­tore“ ihnen ein paar Tickets für das nächste Cham­pions-League-Spiel ver­spricht. Das System funk­tio­niert auch ohne Bestechung. Kleine Gefäl­lig­keiten und die Sicher­heit, das Wohl­wollen des Fuß­ball­paten zu genießen, rei­chen den meisten als Lohn für die Unter­wer­fung aus. Als der Transfer von Zlatan Ibra­hi­movic aus Ams­terdam nach Turin zustande kommt, ruft ein begeis­terter Tifoso bei Moggi an. Unglaub­lich, echt tie­risch, Glück­wunsch, Mamma mia!“ Der Tifoso heißt Pier­luigi Pai­retto und ist Schieds­rich­te­r­ob­mann der Serie A.

In ihrer Anklage behaupten die Staats­an­wälte, Moggi sei der Kopf einer kri­mi­nellen Ver­ei­ni­gung. Zu ihr gehören Juventus-Sport­di­rektor Antonio Giraudo, der in erster Instanz zu drei Jahren Haft ver­ur­teilt wird, Schieds­richter, Ver­bands­funk­tio­näre und auch Moggis Sohn Ales­sandro, Chef der Spie­leragentur Gea World“. Etwa 200 Spieler und Trainer sind dort unter Ver­trag, die Agentur ist wegen ihrer Mono­pol­stel­lung wesent­li­cher Bestand­teil des Moggi-Sys­tems. Im März 2011 werden Vater und Sohn in zweiter Instanz wegen Nöti­gung ver­ur­teilt. Der Senior wird seine zwölf­mo­na­tige Gefäng­nis­strafe nie absitzen müssen, weil das Par­la­ment zur Ent­las­tung der Justiz eine Amnestie ver­ab­schiedet hat.

Milan sucht die Nische im Markt der Schwindler: Lini­en­richter

Bereits im Mai 2006 ist Ver­bands­prä­si­dent Franco Car­raro zurück­ge­treten, auch er gehört zum System. Bald geraten Milan, Lazio, der AC Flo­renz, Reg­gina Calcio sowie Arezzo in den Sog der kri­mi­nellen Energie. Als sie Zeugen des Miss­brauchs werden, kommen die Ver­eins­funk­tio­näre nicht etwa auf die Idee, den Schwindel auf­zu­de­cken, sie betei­ligen sich am schmut­zigen Spiel. Mit Hilfe des hörigen Schieds­rich­ters Mas­simo De Santis ver­meidet Fio­ren­tina sogar den fast schon sicheren Abstieg. Und der Tabel­len­zweite Milan, dama­liger Haupt­kon­kur­rent von Juventus? Er sucht eine Nische im Markt der Schwindler und spe­zia­li­siert sich auf die Beein­flus­sung von Lini­en­rich­tern.

Im Herbst 2006, Ita­lien ist gerade Welt­meister geworden, fällt die Sport­justiz ihre Urteile. Juve werden die Meis­ter­titel der Spiel­zeiten 2004/05 sowie 2005/06 aberkannt, der Verein muss in die zweit­klas­sige Serie B absteigen und bekommt dort neun Punkte abge­zogen. Der vom Ver­band ein­ge­setzte Son­der­kom­missar Guido Rossi hat die unglück­liche Idee, den Meis­ter­titel 2005/06 dem Dritt­plat­zierten Inter Mai­land zuzu­er­kennen, der nach dem Zwangs­ab­stieg des ewigen Rivalen fünfmal hin­ter­ein­ander den Scu­detto gewinnen wird. Erst wäh­rend des im Januar 2009 begin­nenden Straf­pro­zesses in Neapel stellt sich heraus, dass auch die Inter-Funk­tio­näre, dar­unter der heu­tige Prä­si­dent Mas­simo Mor­atti, in regem Aus­tausch mit den Schieds­rich­ter­ko­or­di­na­toren standen. Milan, Lazio und Flo­renz bekommen Punkt­ab­züge, die Ver­ant­wort­li­chen werden für maximal ein Jahr gesperrt. Die Falsch­spieler von damals, Milan-Geschäfts­führer Adriano Gal­liani, Lazio-Prä­si­dent Claudio Lotito und die Brüder della Valle vom AC Flo­renz, geben heute längst wieder den Ton in der Serie A an.

Tele­fo­nieren ist doch wirk­lich kein Ver­bre­chen!“

Nur Luciano Moggi ist nicht wieder auf die große Bühne zurück­ge­kehrt. Der Fuß­ball­ver­band FIGC hat ihn lebens­lang gesperrt. Moggis Lebens­traum ist zer­platzt wie eine Sei­fen­blase. Er muss zurück in die Pro­vinz. Immerhin nicht mehr als Bahn­hofs­vor­steher, der einst mäch­tigste Mann der Serie A ist nun Experte in den Fuß­ball­sen­dungen lokaler Fern­seh­sender. Ob er irgend­etwas bereut? Nein, sagt er in der Hotel­lobby in Pos­il­lipo, er habe sich nichts vor­zu­werfen. Ich musste eine Welt voller Teufel kon­trol­lieren, aber Tele­fo­nieren ist doch wirk­lich kein Ver­bre­chen.“ Mephisto sagt das ganz ruhig. Er muss sich nicht einmal das Lachen ver­kneifen.

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Hin­weis der Redak­tion:
Dieser Artikel ist vor der Ver­ur­tei­lung von Luciano Moggi ver­fasst worden. Die Richter haben den inzwi­schen 74-Jäh­rigen zu fünf Jahren und vier Monaten Haft ver­ur­teilt. Die Staats­an­walt­schaft hatte vier Monate mehr gefor­dert. Der ehe­ma­lige Schieds­richter-Koor­di­nator Paolo Ber­gamo wurde zu drei Jahren und acht Monaten Gefängnis ver­ur­teilt, sein Kol­lege Pier­luigi Pai­retto zu 16 Monaten. Auch Klub­ver­ant­wort­liche wurden vom Gericht für schuldig befunden. Claudio Lotito, Prä­si­dent von Miroslav Kloses Verein Lazio Rom, wurde wegen Sport­be­trugs zu 15 Monaten Haft ver­ur­teilt, die Besitzer des AC Flo­renz, Andrea und Diego Della Valle aus dem glei­chen Grund eben­falls zu 15 Monaten. Leo­nardo Meani, ehe­ma­lige Manager des AC Mai­land, kam mit einem Jahr Haft davon.