Seite 2: Scheitern als Kunst

Man darf getrost davon aus­gehen, dass Keegan und Lee das Herz auf­geht, wenn sie in dieser Saison Spiele von Borussia Dort­mund sehen. Da muss man gar nicht bis in den Herbst zurück­gehen, zu dem 3:2‑nach‑0:2‑Spektakel gegen Inter Mai­land oder dem 3:3‑nach‑0:3‑Drama gegen die anderen Schwarz-Blauen, den SC Pader­born. Allein unter den letzten sieben Par­tien des BVB waren nicht weniger als vier, die sehr gute Chancen darauf haben, in den Top Ten zu landen, wenn wir Ende Mai an die besten Kicks des Fuß­ball­jahres zurück­denken.

Manchmal gewinnt Dort­mund solche Spiele sogar, wie etwa beim tur­bu­lenten und tor­rei­chen Aus­flug nach Augs­burg, der den his­to­ri­schen Haa­land-Hat­trick brachte. Aber wie Kee­gans Enter­tainer, so erheben auch Lulus Borussen vor allem das Schei­tern zur hol­ly­woodreifen Kunst­form. Gera­dezu Kin­topp, wie man Julian Brandt beim 3:3 gegen Leipzig erst ein Traumtor ins Dreh­buch schrieb, dann einen Alp­traum­fehler. Und an die beiden jüngsten Action­ko­mö­dien, in Bremen und Lever­kusen, muss man wohl nicht erin­nern.

Das Favre-Rätsel

Wer den Fuß­ball als Unter­hal­tung ver­steht, möchte den Dort­mun­dern den Titel eines bekannten BVB-Songs zurufen: Boh ey, boh ey, Borussia – geh nie vorbei!“ Macht weiter so! Aber durch die schwarz-gelbe Brille sieht das alles natür­lich ganz anders aus. So man­cher Borusse wird sich wün­schen, dass doch bitte, bitte end­lich der rich­tige Lucien Favre vor­treten möge. Der Zau­derer mit seinem lang­wei­ligen, aber ner­ven­scho­nenden Match­plan. Der Mann, der sein System nie vari­iert und den Gegner zur Ver­zweif­lung bringt. Und vor allem: Der Trainer, der die Zahlen schlägt.

Es ist noch keine zwei Jahre her, dass der geschätzte Kol­lege Chris­toph Bier­mann sich an dieser Stelle mit dem Favre-Rätsel“ beschäf­tigte. Um es kurz zusam­men­zu­fassen: Seit vielen Jahren stellt Lulu ein uner­klär­li­ches Fas­zi­nosum für Sta­tis­tik­freaks und Ana­lysten dar, weil seine Mann­schaften immer mehr Tore schießen, als sie eigent­lich dürften, und stets weniger Treffer kas­sieren, als sie eigent­lich müssten.

Tuchel in der Schur­ken­rolle

Immer? Stets? Nein, nur bis zu dieser Saison. Jetzt bekommt Favres Mann­schaft Gegen­tore, die man eigent­lich nicht bekommen könnte, selbst wenn man wollte. Man denke nur an die slap­stick­ar­tigen Lauf­du­elle seiner Abwehr­spieler gegen Pader­born oder die ver­un­glückten Rück­pässe und Tor­war­tak­tionen gegen Leipzig. Und obwohl es auf den ersten Blick aus­sehen mag, als würde wenigs­tens die Offen­siv­ab­tei­lung des BVB ihren Job erle­digen, ver­bal­lert Favres Elf viel zu viele Groß­chancen und ver­passt dadurch immer wieder die Gele­gen­heit, Spiele früh zu ent­scheiden. So wäre Erling Haa­lands Auf­tritt in Augs­burg über­haupt nicht nötig gewesen, wenn Marco Reus vorher auch nur die Hälfte seiner Hun­dert­pro­zen­tigen ver­wan­delt hätte.

Wer weiß, viel­leicht sind diese nicht erklär­baren Aus­reißer nach unten am Ende ein­fach nur ein ver­spä­teter sta­tis­ti­scher Aus­gleich für die ganzen nicht erklär­baren Aus­reißer nach oben, die Favres Kar­rie­reweg pflas­terten, bis er ihn nach Dort­mund führte? Wenn das stimmt, dann stehen BVB-Fans noch einige anstren­gende Wochen bevor, denn es dürfte dauern, bis sich Favres Trai­ner­werte wieder beim Durch­schnitt ein­pen­deln. Der neu­trale Zuschauer hin­gegen deckt sich erwar­tungs­froh mit Pop­corn ein. Schon morgen gibt’s die nächste Vor­stel­lung. Und nur vier Tage später kommt Paris St. Ger­main. Mit Thomas Tuchel in der Schur­ken­rolle. Großes Kino.