Auf meiner Posi­tion spielt ein Älterer“, trom­pe­tete ein junger Louis van Gaal Anfang der Sieb­ziger Jahre durch die nie­der­län­di­sche Presse. Die Leute bei Ajax erkennen nicht, dass ich besser bin als der. Sie geben mir keine Chance.“ Van Gaal war aus der Ajax-Jugend zu den Profis gekommen, blieb dort aber ohne einen ein­zigen Ein­satz, wech­selte in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit der bel­gi­schen Liga zu Royal Ant­werp, zurück nach Hol­land zu Tel­star und schließ­lich zu Sparta Rot­terdam, wo er eine beschei­dene sport­liche Heimat fand. Eine Welt­kar­riere sieht anders aus. Der Ältere“ übri­gens, von dem Van Gaal meinte, er sei besser als der“, war als Aktiver ungleich erfolg­rei­cher: Es war kein gerin­gerer als Johan Cruyff.

Dass Van Gaal schon als Nach­wuchs­ki­cker ohne Pro­fi­erfah­rung die eigenen Fähig­keiten höher ein­schätze als die von Cruyff, einem der unbe­streitbar besten Fuß­baller der Geschichte, passt zu dem Bild, dass man hier­zu­lande vom ehe­ma­ligen Bayern-Trainer hat. Und wel­ches Van Gaal selber kräftig mit­ge­staltet. Man kann ihn nicht ein­fach mögen oder nicht mögen, man liebt ihn oder hasst ihn. Bis in den Grenz­be­reich schierer Arro­ganz selbst­be­wusst, dabei aber doch auch immer wieder für einen char­manten Lacher gut und nicht zuletzt chro­nisch erfolg­reich: Van Gaal macht es einem nicht ein­fach. Zumal das Spiel mit den Medien eine von Van Gaals Para­de­dis­zi­plinen ist und man nie sicher weiß, welche Aus­sage tat­säch­lich so gemeint ist und welche nur dem eigenen Mythos vom strengen, kan­tigen General dient. Wenn Van Gaal gegen­über der Bild“ sagt, Joa­chim Löw sei erfolglos als Trainer, wird er das bei­zeiten bei einem Rot­wein mit Löw rela­ti­vieren. Ebenso liest sich eine Schlag­zeile wie Mour­inho musste tun, was ich sage“ ganz anders in dem Wissen, dass die beiden Erfolgs­trainer seit der gemein­samen Zeit beim FC Bar­ce­lona ein gutes Ver­hältnis pflegen. Was ist also Show und was nicht? Und warum hat ein Trainer wie Van Gaal diese Show über­haupt nötig?

Denn prin­zi­piell spre­chen seine Erfolge für sich. Nach der unspek­ta­ku­lären Spie­ler­kar­riere wech­selte Van Gaal nahtlos ins Trai­ner­fach und gelangte dort recht bald an die Spitze seiner Zunft. UEFA-Cup-Sieger, drei­fa­cher hol­län­di­scher Meister und als Krö­nung der Tri­umph in der Cham­pions League 1995 mit einer jungen, spek­ta­ku­lären Ajax-Mann­schaft lesen sich auf dem Brief­kopf der ersten Chef­trai­ner­sta­tion nicht schlecht. Auch beim FC Bar­ce­lona war Van Gaal erfolg­reich und zweimal Meister, auch wenn das Publikum nie mit dem Hol­länder warm wurde, der als erste Amts­hand­lung die von Cruyff instal­lierte Nach­wuchs­för­de­rung kri­ti­siert und Nach­wuchs­spieler im Kader durch hol­län­di­sche Top­stars ersetzt hatte. Nach dem Ver­passen der Qua­li­fi­ka­tion zur WM 2002 mit Hol­land folgte ein erneutes, halb­jäh­riges Inter­mezzo beim FC Bar­ce­lona und anschlie­ßend 2005 der Trai­nerjob beim FC Alk­maar. Was klingt wie eine Kar­rie­re­sack­gasse, schien für Van Gaal eher Ansporn zu sein: 2009 führte er den Underdog über­ra­schend zu hol­län­di­schen Meis­ter­schaft. So viel Erfolg rief schließ­lich den FC Bayern auf den Plan, wo Van Gaal das Double gewann und 2010 dorthin vor­stieß, wo der Verein seinem Selbst­ver­ständnis nach hin­ge­hört: ins Cham­pions-League-Finale. Warum also jetzt das böse Blut?

Wo er auch war: Sport­li­cher Erfolg und das Van Gaal­sche Anecken gingen immer Hand in Hand. Neben zahl­losen Neben­kriegs­schau­plätzen sagt ins­be­son­dere die lei­den­schaft­lich aus­ge­tra­gene Fehde mit Johan Cruyff viel über Van Gaal aus. Die Schar­mützel sind nur selten inhalt­li­cher Natur, viel mehr sind sie Sym­ptom des Unver­mö­gens Van Gaals (und Cruyffs), andere Alpha­tiere in der unmit­tel­baren Umge­bung zu dulden. Als Cruyff zuletzt anläss­lich Van Gaals Ernen­nung zum Bondscoach sachte Zweifel an dieser Ent­schei­dung laut werden ließ, war das nur die Spitze einer seit Jahr­zehnten schwe­lenden Aus­ein­an­der­set­zung. Und nicht immer war die Aus­ein­an­der­set­zung derart sachte. Cruyff habe den Trai­ner­schein nur, weil er ein guter Spieler gewesen sei, hieß es sei­tens Van Gaal. Van Gaal habe wohl Alz­heimer, dik­tierte Cruyff der Presse. Als Van Gaal 2011 in einer putsch­ähn­li­chen Intrige als Gene­ral­di­rektor bei Ajax instal­liert werden sollte – hinter dem Rücken von Ajax-Halb­gott Cruyff – kam es zum vor­läu­figen Eklat. Sie sind ver­rückt geworden“, tobte Cruyff. Sie haben Ajax in Brand gesteckt“. Es folgte eine öffent­liche Schlamm­schlacht, an deren Ende Van Gaal gericht­lich wieder aus­ge­bootet wurde. Eine Ent­schei­dung, die für Van Gaal mehr als nur eine Nie­der­lage gewesen sein dürfte.

Im hol­län­di­schen TV gab Van Gaal vor Kurzem zum Besten, er habe zu den meisten seiner Ver­eine nochmal zurück­kehren können. Fak­tisch ist das nicht falsch, und trotzdem nur die halbe Wahr­heit. Aller sport­li­chen Erfolge zum Trotz hat Van Gaal an fast jeder Wir­kungs­stätte ver­brannte Erde hin­ter­lassen. Die Türen bei Ajax sind nach der Farce um den Posten als Gene­ral­di­rektor wohl end­gültig zu. Bei Barca erin­nert man sich in Zeiten von La Masia wahr­schein­lich mit einer zen­ti­me­ter­di­cken Gän­se­haut an die Bus­la­dungen hol­län­di­scher Natio­nal­spieler, die Van Gaal nach Kata­lo­nien karrte und so die Iden­tität des Klubs ins Wanken brachte. Und auch die Dünn­häu­tig­keit, mit der die gesamte Füh­rungs­riege der Bayern auf Van Gaals Angriff auf Uli Hoeneß reagierte, spricht Bände. Sammer, Heynckes, Breitner und schließ­lich Hoeneß – das kol­lek­tive Zurück­schießen kann man durchaus als Zei­chen dafür werten, dass man auch andert­halb Jahre nach der Ära Van Gaal in Mün­chen noch äußerst all­er­gisch auf den Hol­länder reagiert. Schon wäh­rend der sport­lich eigent­lich erfolg­rei­chen Zeit hatte man immer wieder das Gefühl, dass es ordent­lich knirscht im bay­risch-hol­län­di­schen Gebälk. Uli Hoeneß ist nicht gerade dafür bekannt, ein Mann der leisen Töne zu sein; dass er einem Trainer, dessen Ver­trag er gerade erst ver­län­gert hat, öffent­lich an den Karren fährt und ihn live im TV als bera­tungs­re­sis­tent bezeichnet, kann man durchaus als Aus­druck schwer­wie­gender atmo­sphä­ri­scher Stö­rungen ver­stehen. Einen Trainer wohl­ge­merkt, der dem Verein im ersten Jahr zwei, fast drei Titel bescherte und wäh­rend seiner Amts­zeit Ent­schei­dungen traf, von denen der Klub heute noch pro­fi­tiert. Der Sys­tem­wechsel zum 4−5−1, Schwein­s­tei­gers Ver­set­zung in die Mitte, die För­de­rung von Müller, Bad­stuber und Alaba: Zu Recht weist Van Gaal darauf hin, dass dies seine Ent­schei­dungen waren. Aber wieder beschleicht einen das Gefühl, dass auch das nur die halbe Wahr­heit ist und auf jede der erfolg­rei­chen Maß­nahmen des Hol­län­ders auch min­des­tens eine streit­bare kam. Dass ein Tages­ge­schäft zwi­schen den Dick­schä­deln Van Gaal und Hoeneß äußerst anstren­gend, wenn nicht sogar kon­tra­pro­duktiv gewesen sein muss, kommt da noch hinzu. Es kann schließ­lich nur einen geben.

In Mün­chen ist und bleibt das selbst­ver­ständ­lich Hoeneß, dessen Macht­fülle Van Gaal vorige Woche einige abfäl­lige Bemer­kungen wert war. Durch seine Art reißt Van Gaal oft ein, was er zuvor sport­lich auf­ge­baut hatte. Ins­be­son­dere, wenn er das eigene Ter­ri­to­rium zugunsten eines anderen Platz­hir­schen ver­tei­digen zu müssen gedenkt. Zur dama­ligen Demis­sion Van Gaals hieß es 2011 sei­tens des FCB übri­gens recht diplo­ma­tisch, man habe unter­schied­liche stra­te­gi­sche Auf­fas­sungen“ zur Aus­rich­tung des Klubs. Eine Medi­en­floskel, die man in unter­schied­li­chen Aus­ge­stal­tungen schon tau­sendmal gehört hat. Die wahren Gründe für das Ende Van Gaals bei den Bayern und zu Teilen viel­leicht auch bei seinen vor­he­rigen Sta­tionen drückte Uli Hoeneß wenig später etwas undi­plo­ma­ti­scher aus: Dass der mensch­lich eine Kata­strophe war, steht auf einem anderen Blatt. Fach­lich war er top.“ So oder so ähn­lich würde sich Van Gaal wahr­schein­lich auch über Hoeneß äußern. Oder über Cruyff.