Giu­seppe Ber­gomi, könnten Sie mir bitte die Stamm­for­ma­tion Ihrer Meis­ter­mann­schaft von 1989 auf dieses Blatt Papier notieren und daran die Rollen der deut­schen Spieler beschreiben?

Giu­seppe Ber­gomi: Gern, wenn Sie mir bitte sagen, wie die Nach­amen der beiden geschrieben werden? Sie haben im Deut­schen diese merk­wür­digen Buch­staben, auf denen Dop­pel­punkte stehen. Lothars Nach­name hat so ein Schrift­zei­chen, oder?

Ja. Mat­thäus wird mit Ä geschrieben. Brehme mit H hinter dem ersten E.

Giu­seppe Ber­gomi: Und stimmt es auch, dass Klins­manns Vor­name auf dem U mit einem Dop­pel­punkt geschrieben wird?

Das deut­sche Ü wird wie ein U mit der Nuance eines Ypsi­lons aus­ge­spro­chen.

Giu­seppe Ber­gomi: Diese Buch­staben gibt es im Ita­lie­ni­schen nicht. Die meisten Men­schen in Ita­lien haben Jürgen sei­ner­zeit falsch gerufen, wir nannten ihn: Jurgen.

Klins­mann stieß ein Jahr später zur Meis­ter­mann­schaft. Zuvor waren Brehme und Mat­thäus fun­da­men­tale Spieler für Inter. Warum?

Giu­seppe Ber­gomi: Trainer Gio­vanni Tra­pat­toni ließ uns in der Abwehr mit einer Drei­er­kette spielen. Ferri und ich waren Mann­de­cker. Mit der Rolle Matteolis, unseres zen­tralen Abwehr­manns, hatte Trap etwas Neues erfunden – er ließ mit einem modernen Sechser“ spielen, wie ihn heute etwa Andrea Pirlo beim AC Milan gibt. Der heim­liche Regis­seur aber neben Matteoli war Brehme.

La Deut­sche Vita: Deut­sche Fuß­ball-Legio­näre in Ita­lien

Auf welche Weise konnte er das Spiel von Inter berei­chern?

Giu­seppe Ber­gomi: Brehme konnte mit links und rechts schießen, was ihm viele Mög­lich­keiten der Spiel­eröff­nung über unsere linke Seite gab. Er beschleu­nigte und ver­zö­gerte das Spiel, oder legte sich den Ball auf seinen rechten Fuß und riss das Feld auf, indem er hin­über zu unseren Motoren im zen­tralen Mit­tel­feld, Nicola Berti oder Lothar Mat­thäus, passte. Andy war eine beson­ders ange­nehme Über­ra­schung, weil wir vorher nicht genau wussten, was uns mit seiner Ver­pflich­tung erwar­tete.

Brehme und Mat­thäus wurden damals im Dop­pel­pack von Bayern Mün­chen zu Inter trans­fe­riert, Mat­thäus aber war die eigent­liche Attrak­tion.

Giu­seppe Ber­gomi: Mat­thäus war außer­ge­wöhn­lich. Wenn er sich ent­schied, ein Spiel zu gewinnen, gewannen wir. Ich erin­nere mich an ein Pokal­spiel: Wir lagen zurück, als Lothar plötz­lich zu mir sagte: Beppe, gib mir den Ball, ich mache das Tor.“ Ich schob Lothar ungläubig den Ball zu und er mar­schierte los. Ab 25 Meter vor dem Tor wurde es brenzlig für jeden Gegner, hier begann der töd­liche Radius von Mat­thäus. Er wusste intuitiv, welche Stra­tegie zu wel­chem Zeit­punkt des Spiels zum Ziel führte. Er machte übri­gens dann tat­säch­lich ein Tor. Wir gli­chen aus und das Pokal­spiel kippte zu unseren Gunsten.

Bevor Klins­mann kam, spielte die Meis­ter­mann­schaft mit der sehr erfolg­rei­chen Dop­pel­spitze Rámon Díaz und Aldo Serena. Was hatte Klins­mann, was die anderen nicht hatten?

Giu­seppe Ber­gomi: Jürgen zeich­nete sich durch ein sehr auf­wen­diges Spiel aus; er war ein Mann, der großes Lei­dens­po­ten­tial besaß. Jürgen eroberte Räume und Bälle, aber der zweite Stürmer Aldo Serena und er waren tech­nisch nicht so stark wie Rámon Díaz, der in jeder noch so schwie­rigen Situa­tion anspielbar war und meist eine gute Lösung hatte. Mit Jürgen konnten wir das Meis­ter­stück zwar nicht wie­der­holen. Aber mit ihm wurden wir UEFA-Cup-Sieger.

Die Deut­schen waren die ein­zigen Legio­näre. Wie fügten sich die Deut­schen in ihr neues Leben ein?

Giu­seppe Ber­gomi: Sie müssen ent­schul­digen, wenn ich lache, aber ich sehe Andy und Lothar noch heute vor mir: Wir waren damals im Trai­nings­lager in Varese. Nach dem Nach­mit­tags­trai­ning besuchte ich die beiden abends in ihrem Zimmer, weil ich mich als Kapitän der Mann­schaft für die Neuen ver­ant­wort­lich fühlte. Ich klopfte also an die Tür, trat hinein und da lagen beide auf ihren Betten wie kleine Kinder, hatten ein deutsch-ita­lie­ni­sches Wör­ter­buch auf­ge­schlagen und lernten artig ele­men­tare Voka­beln wie Löffel“, Gabel“ und Tisch“. Und das Wasch­be­cken des Zim­mers war gefüllt mit Eis­wür­feln – und Bier­fla­schen. Also luden sie mich zum Bier ein und wir tranken zusammen. Alle in der Mann­schaft mochten die Jungs. Und ich glaube, sie mochten uns auch.

Wie unter­schieden sich die drei Neuen von­ein­ander?

Giu­seppe Ber­gomi: Lothar und Brehme waren, so wie wir Ita­liener uns deut­sche Männer vor­stellten: Sie waren im besten Sinn gerad­linig und dis­zi­pli­niert, aber auch etwas steif. Klins­mann dagegen war nach­denk­li­cher, fein­sin­niger und von einem leich­teren Gemüt. Er war sehr neu­gierig und wollte wissen, wie die Leute in Ita­lien leben. Im Gegen­satz zu Lothar und Andy hat Jürgen sehr schnell ita­lie­nisch gelernt, ähn­lich wie Karl-Heinz Rum­me­nigge und Hansi Müller, die einige Jahre zuvor für Inter spielten. Jürgen arbei­tete hart und trieb nicht nur sich selbst bis an die Grenzen, son­dern auch andere.

Dieser Ruf eilt ihm bis heute voraus. Er gilt als ein Trainer, dessen Stärke vor allem die Moti­va­ti­ons­kunst ist.

Giu­seppe Ber­gomi: Das wun­dert mich nicht. Wäh­rend andere damals nach dem Trai­ning duschen gingen, trai­nierte er noch Tor­schüsse, Flanken und Kopf­bälle. Er war bereit sich zu schinden, rannte und quälte sich für die Mann­schaft – und dann waren da auch seine akro­ba­ti­schen Tore, die er erzielte …

… seine spek­ta­ku­lären Cho­reo­gra­fien: Flug­kopf­bälle, Vol­ley­schüsse, Fall­rück­zieher.

Giu­seppe Ber­gomi: Und nach seinen famosen Tref­fern rannte er mit diesen für ihn typi­schen federnden Schritten berauscht in die Fan­kurve, wäh­rend seine blonde Mähne im Wind wehte. Jürgen war ein wun­der­barer Spieler. Man musste ihn lieben. Er hatte einen beson­deren Geist und das spürten die Men­schen. Jür­gens Art hat dem Mai­länder Publikum sehr gefallen.

Waren Klins­mann und Mat­thäus schon damals Rivalen?

Giu­seppe Ber­gomi: Sie liebten sich nicht. Das spürte man auch, wenn man kein Deutsch ver­stand. Es waren sehr unter­schied­liche Men­schen, jeder für sich besaß einen Füh­rungs­an­spruch in der Mann­schaft, in der sie spielten und das lebten sie viel­leicht unter­schwellig gegen­ein­ander aus. In diesem Punkt gli­chen sie sich wahr­schein­lich sogar ein wenig.

Und was unter­schied sie?

Giu­seppe Ber­gomi: Klins­mann kam immer mit seinem VW Käfer zum Trai­ning, trank nie­mals Alkohol und spielte keine Karten. Er wirkte auf mich wie ein Alter­na­tiver. Weil er Jung­ge­selle war, ging er häufig mit den anderen Sin­gles unseres Teams aus, mit Nicola Berti und Aldo Serena. Mat­thäus war ver­hei­ratet. Ihm oblag es, mit unserem Trai­ner­stab auf Augen­höhe zu spre­chen und die Aus­rich­tung der Mann­schaft mit­zu­be­stimmen: Denn es gab einen Grund­kon­flikt zwi­schen Mat­thäus und Tra­pat­toni, weil Lothar fand, unsere Mann­schaft stünde zu defensiv.

Wie reagierte Tra­pat­toni darauf?

Giu­seppe Ber­gomi: Der Trainer sah das natür­lich anders. Irgend­wann sagte er: Lothar, ist ja gut, du hast alle Frei­heiten: Spiel wie und wo du willst!“ Und von dem Tag an tauchte Lothar immer in unserer Abwehr auf (lacht). Im Ernst: Lothar war unser stärkster Spieler und jeder hat ihn als Chef aner­kannt.

Sie auch?

Giu­seppe Ber­gomi: Durchaus, auch wenn ich ihm eines Tages sagen musste: Lothar, du bist unum­stritten der Stärkste von uns und wir erkennen dich als unseren Leader an. Aber lass dich auch vom Publikum und deinen Mit­spie­lern lieben.“

Wie meinten Sie das?

Giu­seppe Ber­gomi: Wissen Sie, Diego Mara­dona mochten damals alle beim SSC Neapel, obwohl er kein mus­ter­gül­tiger Profi war. Wäh­rend eines Spiels zog Mara­dona die Mann­schaft mit, ähn­lich wie Mat­thäus. Diego bedankte sich aber später stets bei allen und stellte in der Öffent­lich­keit meist seine Mann­schaft in den Mit­tel­punkt, nie sich selbst. Dafür liebten ihn Mit­spieler und Zuschauer.

Beim 100-jäh­rigen Jubi­läum von Inter gab es große Sym­pa­thie­be­kun­dungen der Zuschauer – vor allem mit der Meis­ter­mann­schaft von 1989.

Giu­seppe Ber­gomi: Ich habe mich sehr gefreut, sie alle wie­der­zu­treffen. Mit Jürgen aber ver­bindet mich eine beson­dere Erin­ne­rung: Als ich 1999 mein Abschieds­spiel gab, hatte ich ihn auch ein­ge­laden. Er sagte damals sofort zu und for­derte keine Antritts­gage, wie andere, die ich gefragt hatte – obwohl es sich um ein Bene­fiz­spiel han­delte. Nicht mal die Rei­se­spesen wollte er erstattet bekommen, obwohl er extra aus den USA kam. Das werde ich Jürgen nie­mals ver­gessen.