Seite 3: „Trinkt der noch?“

Es gibt zahl­lose Gele­gen­heiten, das Miss­ver­ständnis aus der Welt zu räumen – Fenin lässt sie alle ver­strei­chen. Pres­se­ter­mine, Inter­views, wie es mit der Krank­heit gehe, will einer der vielen Jour­na­listen wissen, der an der Pres­se­kon­fe­renz zu Fenins Rück­kehr ins Cott­buser Mann­schafts­trai­ning teil­nimmt. Fenin ist nervös, redet hek­tisch über die über­stan­dene Hirn­blu­tung und ver­strickt sich in vagen Aus­sagen. Nur der engste Fami­li­en­kreis wisse, was wirk­lich pas­siert sei, und das solle auch so bleiben, nuschelt er ins Mikro. Er meint damit, dass er sich nicht erin­nern kann und dass die Ver­sion in der Presse nicht stimmt. Dass seine Worte wie das Ein­ge­ständnis eines Sui­zid­ver­suchs klingen, ist ihm nicht bewusst. Er ist lost in trans­la­tion, dau­er­haft.

Ich dachte, ich komme aus der Nummer raus, wenn ich Leis­tung bringe“, sagt er heute. Aber er steckt in der Schub­lade des depres­siven, trin­kenden Pro­blem­profis fest. Wäh­rend er wegen seiner Hirn­blu­tung immer noch nicht trai­nieren darf, ver­sucht sich der Schieds­richter Babak Rafati vor einem Bun­des­li­ga­spiel das Leben zu nehmen. Eine psy­chi­sche Erkran­kung dürfe kein Stigma sein, heißt es in Fuß­ball­deutsch­land. Für einen, der gar nicht psy­chisch krank ist, wird sie es doch. Trinkt der noch?“, fragt der Trainer eines deut­schen Zweit­li­gisten noch zwei Jahre nach dem Unfall, als ein Transfer Fenins zur Debatte steht. Nein“, sagt der Sport­di­rektor. Der Trainer lehnt trotzdem ab.

Zwi­schen dem Cott­busser Fens­ter­sturz und dem reg­ne­ri­schen Tag in Istres liegen nur drei Jahre, Fenins Kar­riere hat in dieser Zeit gelitten. 2013 ver­lässt er die Lau­sitz, seine dama­ligen Berater fädeln einen Transfer zu Slavia Prag ein, ohne dass Fenin von dem Wechsel wirk­lich über­zeugt ist. Nach einem erfolg­losen Jahr geht er zurück zum FK Teplice, wo er als Jugend­spieler seine Kar­riere begann. Ein halbes Jahr später stirbt über­ra­schend Ver­eins­prä­si­dent Fran­tišek Hrdlicka, der eine Art Zieh­vater für Fenin ist, und mit dem er ledig­lich einen münd­li­chen Ver­trag geschlossen hat. Plötz­lich ist er im Ver­let­zungs­fall nicht ver­si­chert, nir­gends ist ein Gehalt fest­ge­schrieben. Er ist de facto ver­tragslos und einen Berater hat er auch nicht mehr. Ein Kumpel ruft an, Mario Licka, mit dem Fenin bei Slavia Prag zusam­men­ge­spielt hat. In Istres brauche man einen fähigen Stürmer, sonnig sei es auch, ob Fenin nicht Lust habe, beim Wie­der­auf­stieg in die zweite fran­zö­si­sche Liga zu helfen. Warum nicht, denkt Fenin, und packt seine Koffer.

Der Verein hat nur ver­sucht, mich zu schützen.“

Dass er jetzt da ist, wo er ist, ist allein seine Schuld“, sagt Miroslav Kadlec, und man ist ver­sucht, dem zuzu­stimmen. Viel­leicht nicht in dem Sinne, in dem Kadlec das meint, der eher auf zu viele Partys und zu wenig Pro­fes­sio­na­lität wäh­rend einer ent­schei­denden Kar­rie­re­phase abzielt. Viel­mehr offen­bart Fenin manchmal eine Art Nai­vität, eine jugend­liche Unbe­darft­heit, mit der er arglos durch die Welt geht und die ihn fal­sche Ent­schei­dungen treffen lässt, ohne dass er sie als solche erkennt. Zu oft um die Häuser ziehen, ohne Ver­trag Fuß­ball spielen, über­stürzt an die Côte d’Azur wech­seln. Oder eben ver­su­chen, fun­da­men­tale Miss­ver­ständ­nisse aus­zu­sitzen, die nicht aus­sitzbar sind. Ich bin einer, der manchmal Scheiße baut“, sagt Fenin und lächelt. Man wünscht ihm einen großen Bruder, der ihm mal den Kopf wäscht, oder einen fähigen Berater, der ihm im rich­tigen Moment zu den rich­tigen Dingen rät.

Auch in Istres läuft es nicht so wie geplant. Der Absteiger kämpft auch in der dritten Liga um den Klas­sen­er­halt, einige Füh­rungs­spieler haben den Klub im Winter ver­lassen. Mir geht es hier nicht schlecht. Aber Wohl­fühlen sieht anders aus“, sagt Fenin. Ich brauche eine fami­liäre Atmo­sphäre, die hatte ich zuletzt in Frank­furt und Teplice, auch eine Weile in Cottbus, nach dem Unfall.“ Ohnehin ver­liert er über Energie kein böses Wort. Der Verein hat nur ver­sucht, mich zu schützen. Alle waren sehr nett zu mir.“ Noch min­des­tens bis zum Sommer ist Martin Fenin beim kleinen Dritt­li­gisten an der Côte d’Azur, ob er bleibt, steht in den Sternen. Ich bin fit und will angreifen. Aber selbst als ich ablö­se­frei war, hat nie­mand ange­rufen. Davon könnte man depressiv werden“, sagt er. Aber dann lächelt er ver­legen und wie­gelt ab. Über so eine Krank­heit macht man keine Scherze.“