Seite 2: „Ich habe nie versucht, mir das Leben zu nehmen“

Gegen ein Uhr früh geht Fenin zur Rezep­tion, um seinen Inter­net­zu­gang zu ver­län­gern, zurück auf dem Zimmer nimmt er eine wei­tere Schlaf­ta­blette. Es ist eine zu viel für den Alkohol, den er getrunken hat. Ab da kann ich mich an nichts mehr erin­nern“, sagt er. Hotel­gäste werden später sagen, sie hätten gesehen, wie er aus dem Fenster klet­tert. Fenin selber wacht im Kran­ken­haus auf, ohne dass er weiß, was pas­siert ist. Das Spre­chen fällt ihm schwer, er ist ver­wirrt. Auf die SMS seiner Freunde, die besorgt fragen, was pas­siert sei, ant­wortet er: Ich habe Spider Man gespielt, aber mein Netz hat nicht funk­tio­niert.“ Einer seiner Kum­pels schickt ihm statt Blumen einen Spider-Man-Anzug ins Kran­ken­haus. Fenin scherzt über seinen Unfall, seine Kum­pels scherzen mit ihm, aber damit stehen sie alleine da.

Bereits kurz nach dem Sturz sind Ver­treter des Ver­eins im Kran­ken­haus, Trainer Claus-Dieter Wol­litz und der Pres­se­spre­cher. Sie küm­mern sich um ihn und setzen eine Pres­se­mit­tei­lung auf, die Fenin unter­schreibt. Er habe nicht so recht ver­standen, worum genau es in der Erklä­rung ging und was Begriffe wie Resi­gna­tion“ oder depres­sive Schübe“ eigent­lich meinen, behauptet Fenin jetzt. Der Verein und auch Miroslav Kadlec, der damals als deutsch­spra­chiger Mit­ar­beiter von Fenins Berater im Kran­ken­haus anwe­send ist, bestreiten Fenins Ver­sion. Für die Dar­stel­lung in den Medien ist es der­weil unwichtig, auf wessen Geheiß die Erklä­rung ver­öf­fent­licht wurde und ob Fenin wusste, was er da unter­schreibt. Depres­sionen. Alko­hol­pro­bleme. Tablet­ten­sucht – der Fall scheint klar. Am Fenster soll ein Stuhl gestanden haben“, winkt die Bild“ mit dem Zaun­pfahl. Ein ver­suchter Suizid also? Der End­punkt einer ver­korksten Kar­riere voller Suff und Tabletten?

Das ist doch kein Alko­ho­lismus!“

Drei Jahre nach dem Fens­ter­sturz sagt Fenin: Ich habe nie ver­sucht, mir das Leben zu nehmen. Ich hatte nie Depres­sionen. Und ich war nie alko­hol­krank oder tablet­ten­süchtig. Natür­lich bin ich ab und zu feiern gegangen und ich habe bestimmt auch mal über die Stränge geschlagen. Aber wer tut das denn nicht? Das ist doch kein Alko­ho­lismus!“

Das mag stimmen, den Ruf als Pro­blem­profi hat Fenin aber bereits in Frank­furt weg. Bei einem Grill­abend brennt plötz­lich seine Dach­ter­rasse, wenige Wochen später landet früh­mor­gens sein BMW im Stra­ßen­graben, von Par­ty­to­uren ist des Öfteren zu hören. Aber Depres­sionen und Alko­hol­sucht, von denen nach dem Sturz die Rede ist, sind ein anderes Kaliber. Auch hier ist Fenin lost in trans­la­tion. Depressiv“ bedeutet für ihn nicht mehr als eine getrübte Stim­mung wäh­rend einer schwie­rigen Kar­rie­re­phase. Dass das eine schlimme Krank­heit ist, die wie bei Robert Enke zum Selbst­mord führen kann, wusste ich nicht.“

Fenins schwerster Kampf“

Er ist froh, dass Energie Cottbus ihn nicht raus­wirft, beim Verein selbst ist man ratlos, was mit dem jungen Tsche­chen los ist. Die Trai­nings­leis­tungen des ver­meint­li­chen Star­ein­kaufs sind durch­wachsen, oft wirkt er abwe­send, schließ­lich der Fens­ter­sturz. Im Anschluss an die neu­ro­lo­gi­sche Behand­lung wegen der Hirn­blu­tung schickt ihn der Klub zu einem Psy­cho­logen nach Tsche­chien, um ihn auf psy­chi­sche Pro­bleme hin unter­su­chen zu lassen. Fenin in Behand­lung“ heißt es nun in der Presse oder Fenins schwerster Kampf“, wäh­rend der Psy­cho­loge nach einigen Ter­minen in einem Befund sowohl eine Depres­sion als auch eine Such­ter­kran­kung aus­schließt. Jetzt können wir das doch sagen“, sagt Fenin zu seinem Arzt. Wenn du jetzt, so kurz danach, sagst, dass du nicht krank bist, glauben die Leute erst recht, dass du es bist“, rät der Psy­cho­loge. Also schweigt er, und wartet.