Martin Fenin sitzt in einem Steak­house in der fran­zö­si­schen Pro­vinz und zeigt auf ein Bild auf der Spei­se­karte. This!“, sagt er. Der Kellner fragt: Cette?“, Fenin sagt: Ja.“ Der Kellner ver­schwindet in der Küche, und Fenin lächelt ver­legen. Der Mann, der 2008 bei Ein­tracht Frank­furt mit einem Hat­trick in der Bun­des­liga debü­tierte und 16 Län­der­spiele für Tsche­chien gemacht hat, wirkt ein wenig ver­loren. Lost in trans­la­tion, könnte man sagen, oder lost in Istres, einem Dorf bei Mar­seille, bei dessen Dritt­li­gisten Fenin unter Ver­trag steht, und in dem es, wenn im Winter die Tou­risten fehlen, doch arg grau und reg­ne­risch ist. Bon­jour Istres. Es sei an der Zeit, sagt Fenin ins Regen­rau­schen, die wahre Geschichte zu erzählen. Er wirkt nervös dabei, doch das muss nichts heißen, denn er wirkt eigent­lich immer ein wenig ange­spannt. Und wen wun­dert das, bedenkt man, dass Fenin von jedem seiner Gesprächs­partner annehmen muss, dass sie etwas von ihm annehmen, was nicht der Wahr­heit ent­spricht.

Über Martin Fenin gibt es eine Geschichte, die vor ein paar Jahren in allen Zei­tungen stand, und die geht so: Am Abend des 14. Oktober 2011 ist er mal wieder betrunken. Seit einiger Zeit spielt er für Energie Cottbus, ist unglück­lich über den Wechsel, dar­über, dass er nicht mehr in Frank­furt ist, nicht mehr für die Natio­nalelf nomi­niert wird und über alles andere eigent­lich auch. In dem kleinen Hotel­zimmer im ersten Stock, das er bewohnt und in dem er sich so unwohl fühlt, eska­liert die Situa­tion. Fenin nimmt ein paar Schlaf­ta­bletten und stürzt aus dem Fenster. Beim Auf­prall erleidet er eine Hirn­blu­tung, ein Not­arzt bringt ihn ins Kran­ken­haus. Wenig später ver­öf­fent­licht Energie Cottbus im Namen des Spie­lers eine schrift­liche Erklä­rung: Das Gefühl der Resi­gna­tion, der Ein­sam­keit mit Depres­si­ons­schüben begleitet mich schon seit meh­reren Monaten“, heißt es dort, und weiter: Die vor­über­ge­hende Flucht in Medi­ka­mente und Sucht­mittel ver­schlim­merten diesen Zustand und gip­felten nun in der scho­ckie­renden Dia­gnose.“

Wenn Fenin seine Geschichte erzählt, klingt sie anders


Nur, diese Geschichte stimmt so nicht. Bezie­hungs­weise stimmt sie teil­weise, näm­lich in etwa so, dass zwei Geschichten aus ihr werden, je nachdem, welche ihrer Nuancen man betont. Martin Fenins Fens­ter­sturz ist eines jener Wackel­bilder, die sich ver­än­dern, wenn man sie aus einem anderen Winkel betrachtet. Zumal von einer Dia­gnose drei Tage nach dem Sturz noch gar keine Rede sein kann. Das Gefühl der Resi­gna­tion“ und die Flucht in Sucht­mittel“ werden – und das ist nach­voll­ziehbar – in den Medien fix zu Depres­sion sowie Alkohol- und Tablet­ten­sucht. Knapp zwei Jahre sind seit Robert Enkes Suizid ver­gangen, Fuß­ball­deutsch­land ist sen­si­bi­li­siert für Sportler mit psy­chi­schen Pro­blemen. Aber sind Gefühle der Ein­sam­keit wirk­lich gleich Depres­sionen? Ich wusste gar nicht, was das Wort bedeutet“, sagt Fenin in Istres und nippt an seinem Wasser.

Wenn Martin Fenin seine Geschichte erzählt, klingt sie ein wenig anders: Am Abend des 14. Oktober 2011 ist er ange­trunken. Seit knapp fünf Wochen spielt er für Energie, er ist kurz vor Ende der Trans­fer­pe­riode über­stürzt hier­her­ge­wech­selt und fühlt sich wirk­lich unwohl. Es wurmt ihn, dass er nicht mehr zur Natio­nalelf ein­ge­laden wird, im Cott­buser Team ist er iso­liert, und er ver­misst seine Freunde in Frank­furt. Man könnte von einem Gefühl der Ein­sam­keit“ spre­chen und genau das damit meinen, aber eben nicht mehr.

Seit er im Hotel wohnt, schläft er schlecht und nimmt Stilnox, ein Schlaf­mittel aus Tsche­chien, das ihm seine Mutter emp­fohlen hat, die in der Heimat als Ärztin arbeitet. In der Packungs­bei­lage sind als Neben­wir­kungen unter anderem Ver­wirrt­heits­zu­stände und Hal­lu­zi­na­tionen ange­geben. Weiter heißt es: Es wurden Fälle berichtet, in denen Per­sonen nach der Ein­nahme von Stilnox wäh­rend des Schlafs oder in nicht völlig wachem Zustand Hand­lungen aus­führten und sich später nicht daran erin­nerten. Die Ein­nahme von Alkohol und anderen Medi­ka­menten, die auf das zen­trale Ner­ven­system wirken, scheinen in Ver­bin­dung mit Stilnox das Risiko für sol­ches Ver­halten zu erhöhen.“