Es gibt Spiele, die darf man als Fuß­ballfan nicht ver­passen. Ein WM-Halb­fi­nale zum Bei­spiel. Oder ein Cham­pions-League-Finale. Ich habe beides geschafft, und das ist eigent­lich sehr traurig.
 
Wäh­rend des EM-Halb­fi­nales 2012 zwi­schen Ita­lien und Deutsch­land befand ich mich in einem ukrai­ni­schen Zug, der mich von Donezk nach Kiew brachte und in dem es weder Internet noch Fern­seher gab. Ich fragte damals einen Bahn­mit­ar­beiter, ob es nicht mög­lich sei, irgendwas daran zu ändern, doch er schüt­telte nur den Kopf. Das Ergebnis, 0:2, erfuhr ich erst auf dem Bahn­gleis in Kiew. 
 
2013 sollte mir so etwas nicht noch einmal pas­sieren, schwor ich. Doch es kam noch schlimmer. Wieder war die Ukraine Schuld. Wieder die ver­dammte Technik.

Unter­wegs nach Odessa
 
Im April 2013 bekam ich den Auf­trag, für eine Geschichte von Kiew nach Odessa zu reisen. Es ging um Fans von Arsenal Kiew, genauer: um die ein­zige Ultra­gruppe der Ukraine, die sich offen links zeigt und für die Aus­wärts­fahrten höchst gefähr­liche Trips sind (die Geschichte ist erschienen in Heft #140). Sie müssen ständig auf der Hut sein, vor riva­li­sie­renden Ultras und vor den rechten Hoo­li­gans der anderen Klubs. Ich wollte die linken Ultras zu einem Aus­wärts­spiel nach Odessa begleiten, dort wo der Capo dem ver­stor­benen Sänger der Rechts­rock-Band Skrew­driver“ hul­digt oder Shirts mit dem Auf­druck 88“ trägt.
 
Es klang span­nend, nach einem großen Aben­teuer im wilden Osten, also buchte ich noch Ende April den Flug und das Hotel. Dum­mer­weise vergaß ich das Datum genauer anzu­sehen, denn die Reise sollte um den 25. Mai herum statt­finden – also an dem Wochen­ende, wo auch das Cham­pions-League-Finale aus­ge­tragen wurde.

Wo kann man das Spiel sehen?
 
Na gut, dachte ich, FC Bayern scheidet viel­leicht gegen Bar­ce­lona aus, Borussia Dort­mund gegen Real Madrid. Ein paar Tage später dachte ich: Na gut, viel­leicht gibt es ja auch in der Ukraine die Chance das Spiel zu sehen.
 
Am Freitag, den 24. Mai traf ich meinen Kon­takt­mann in einem Vorort von Kiew. Wir unter­hielten uns über die Reise, und er erklärte mir, dass die Gruppe am Samstag um 14 Uhr los­fahren würde. Ankunft in Odessa sei gegen 23.30 Uhr. Ich sagte, dass wir so das Cham­pions-League-Finale ver­passen würden. Er nickte. Er lachte. Er gab mir einen Keks und sagte dann: Tschüss, bis morgen um 14 Uhr!“

Die Fahrt war sehr lang, denn die Bahn bewegte sich mit etwa 60 km/​h durch die Ukraine. Es ging vorbei an Orten mit Namen wie Bila Tse­rvka, Man’kivka und Uman. Wenn man hier aus­steigen würde, könnte man sicher­lich 500-Seiten-Romane über die Männer schreiben, die dort einsam auf den Bänken vor den ein­samen Bahn­hofs­hütten war­teten. Oder man könnte irgendwo einen alten Schwarz-Weiß-Fern­seher finden, bei dem man die Antenne so jus­tiert, dass plötz­lich das Cham­pions-League-Finale auf dem Bild­schirm erschiene.
 
Gegen 21:45 Uhr ukrai­ni­scher Zeit: Anstoß in London. Ich sah zu F. und fragte, ob bei seinem Smart­phone das Internet funk­tio­niere. Er schüt­telte den Kopf. Er lachte. Er gab mir einen Keks und sagte dann: Guck mal da draußen!“ Da draußen stand ein Schaf auf einer Wiese. Ein Schaf im Oblast Odessa! Wäh­rend in Wem­bley Robert Lewan­dowski viel­leicht gerade einen Hat­trick erzielte.

Bayern 2, Dort­mund 1“
 
Wir kamen in Odessea an. Und auf einmal hatte F. eine Inter­net­ver­bin­dung. Wäh­rend wir zu einem Bus hetzten, der uns zu einem Ver­steck direkt am Schwarzen Meer bringen sollte, zeigte F. mir sein Handy. Auf einer Art Live­ti­cker-Seite blickte ich auf eine kyril­li­sche Buch­sta­ben­suppe. Ich sagte: I don’t under­stand!“, und er sagte: Bayern 2, Dort­mund 1.“ Und das war alles, was ich bis Mon­tag­morgen erfahren sollte.
 
Am 27. Mai 2013 saß ich in einem Café in Kiew. Ich hatte auch die Rück­reise über­standen und konnte nun ein biss­chen ent­spannen. Ich trank einen Tee und klickte mich durch diverse You­tube-Videos, und irgend­wann fand ich die Auf­nahme eines Fans, schlechter Sound, ver­wa­ckeltes Bild. Doch ich sah, wie Arjen Robben mit einem bril­lanten Solo das 2:1 mar­kierte. Ich wusste: Morgen, wenn ich nach Hause käme, würde ich mit­reden können. Es war ein guter Moment.