Wer kennt das nicht: Früher, im männ­li­chen vor­pu­per­tären Alter, als man sich noch einen feuchten Keh­richt um weib­liche Mit­men­schen scherte, galt die Kon­zen­tra­tion in der frühen Jah­res­zeit vor allem dem Res­te­ver­werten der Böller im Schup­pen­schrank. Herr­lich, Maul­würfe mit dem Kano­nen­schlag ver­jagen, den Sand­kasten mit dem Doppel‑D in einen Minen­feld ver­wan­deln.

Nun, bei einigen hat der Reiz der unver­brannten Post-Sil­vester-Ware immer noch nicht an Wir­kung ver­loren. Nur sind es heute Rauch und Feuer, die das Herz höher schlagen lassen. Zu Sil­vester war es näm­lich noch OK das von der letzten Aus­wärts­fahrt übrig geblie­bene ben­ga­li­sche Feuer aus­zu­pa­cken, Schnur zu ziehen und dem guten alten See­not­feuer seinen Auf­tritt zu ver­schaffen. Sil­vester ist vorbei, bald öffnen die Sta­dien wieder ihre Tore und Tri­bünen. Doch wer heut­zu­tage in den deut­schen Pro­fi­ligen die Pyro-Fackel schwenkt wird behan­delt, wie ein US-GI in einem afgha­ni­schen Berg­dorf.

Dabei ist das Ben­galo doch ein abso­lutes Spek­takel für jeden Sta­di­on­freund. Und ein unver­gess­li­ches Erlebnis für den­je­nigen, der selbst einmal die Schnur vom See­not­feuer gezogen hat.

Treib­jagd im Werder-Block

Leider sind diese fackelnden Farb­ex­plo­sionen im ver­gan­genen Jahr zumin­dest in deut­schen Fan­kurven der ersten und zweiten Liga wieder rarer geworden. Jeder Ver­such ist bereits strafbar und wird von zor­nigen Ord­nern unter­drückt. Quä­kende Sta­di­on­spre­cher ermahnen die Masse mit erho­benen Zei­ge­finger in der Stimme zur Vor­sicht. Freunde der Fackeln haben es nicht leicht in den deut­schen Pro­fi­ligen. Ein Werder-Kol­lege erfüllte sich vor einigen Jahren den Traum und ent­zün­dete im Aus­wärts­block des Dort­munder West­fa­len­sta­dions die Pyro-Fackel, all­ge­meine Freude bei den Bremer Fans. Dumm nur, dass die scheinbar auf Zün­delei aller Art heiß gemachte Dort­munder Sta­dion-Polizei den guten Mann danach eine satte halbe Stunde durch den Block jagte. Glück­li­cher­weise ohne Erfolg, das hel­fende Dickicht an han­sea­ti­schen Beinen schützte den Feu­er­werker vor den Stra­tegen in Grün.

Andere Szene in Ita­lien, Gui­seppe-Meazza in Mai­land 2006: Vor dem Cham­pions-League-Spiel Inter gegen Werder steht die war­tende Meute in der Schlange vor den Ein­gangs­toren. Ein Kol­lege der (damals noch exis­tie­renden) Bremer Ultra-Grup­pie­rung East­side zerrt einen voll­be­packten Lei­nen­sack Rich­tung Ordner. Der – sin­ni­ger­weise neben einem Ver­bots­schild, das auf uner­laubte Mit­bringsel (Feu­er­zeuge, Hunde, Hand­gra­naten) hin­weist – pos­tierte Wächter drängt den Bremer, den Sack zu öffnen. Inhalt: Feu­er­werks­körper, die pro­blemlos einen über­flüs­sigen Stau­damm sprengen könnten. Spröder Kom­mentar des Ita­lie­ners: No pro­blem“. Eine Stunde später erlebten die Bremer Fans den wohl unver­ges­sensten Cham­pions-League-Ein­lauf aller Zeiten, als zu den Klängen der Uefa-Melodie zwei Dut­zend rote Fackeln in den Mai­länder Nacht­himmel gereckt werden.

Das Aus­land, ins­be­son­dere Ita­lien, ist für Anhänger der Sta­di­on­fa­ckeln zu einem Zufluchtsort geworden. In Deutsch­land ist das höchs­tens in den unteren Ligen mög­lich. Abge­sehen von wüsten Brand­set­zungen – im zurück­lie­genden Jahr von den Fans von Hansa Ros­tock demons­triert – die nun wahr­lich nicht zu einem fried­li­chen Kur­ven­bild bei­tragen, sind Pyro-Fackeln oft das Salz in der Suppe auf den Rängen. Poli­tiker, Sicher­heits­kräfte und Ver­eins­füh­rungen ver­ur­teilen das Fackeln auf den Tri­bünen scharf, von Kri­mi­na­li­sie­rung der Zuschauer ist zu hören. Gleich­zeitig ist jedes Hin­weis­schild­chen, das beim DSF auf eine nach­fol­gende Sen­dung auf­merksam macht, die nicht für min­der­jäh­rige Zuschauer geeignet ist, mit einer kochenden Fan­masse unter­malt, die – was wohl? – eifrig die Pyros schwenkt. Und ebenso eksta­ti­sche Szenen in ita­lie­ni­schen, fran­zö­si­schen oder tür­ki­schen Sta­dien werden von den Bericht­erstat­tern als tolle süd­län­di­sche Atmo­sphäre ver­kauft. Die glei­chen Stimmen sind ganz schnell dabei, wenn es ähn­liche Aktionen auf deut­schen Boden zu ver­ur­teilen gibt, ohne Umschweife werden die betref­fenden Fan­gruppen als Chaoten“ titu­liert. Aktio­nis­ti­sche Schein­hei­lig­keit.

Hilfs­she­riff Nowotny hat Angst vor Feuer

Der all­seits umsich­tige DFB hat vor einigen Jahren mit gewohnt sou­ve­räner Locker­heit reagiert und ein Anti-Pyro-Video ver­öf­fent­licht, in dem sich unter anderem die von feu­riger Glut nur so durch­drun­genen Chris­tian Wörns und Jens Nowotny negativ zu diesem Thema äußern. Auch wir Spieler sind abge­lenkt, wenn auf den Rängen so gefähr­liche Feu­er­werks­körper ange­zündet werden“, stot­terte Hilfs­she­riff Nowotny. Muss mit Sicher­heit grausam für die Spieler sein, in einen bro­delnden Kessel voll jubelnder Zuschauer ein­zu­laufen, die zu allem Über­fluss noch in röt­liche Glut ein­ge­taucht sind.

Die für ihre bunten Aktionen bekannten Ultras der For­tuna aus Düs­sel­dorf haben damals fix reagiert und ihre Anti-Anti-Pyro-Video online gestellt. Und selbst beim hun­der­sten Mal läuft einem noch der Schauer über den Rücken, sieht man die zün­delnde Masse in Wup­pertal oder Osna­brück. Schon ein Klas­siker unter den besinn­li­chen Weih­nachts-Fuß­ball­vi­deos.

Quasi ein bren­nendes Dinner for one“ der Kur­ven­optik. Und das ein oder andere alko­ho­li­sche Kalt­ge­tränk war mit Sicher­heit auch bei den Düs­sel­dor­fern mit im Spiel.

Der Fan hat 37 Grad. Das Video der Düs­sel­dorf-Ultras:


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Alex Raack betreibt den durch­trai­nierten Blog 3eckeneinelfer“ www​.3ecken​ei​nelfer​.de