Ich habe mehr als ein Fünftel meines Lebens in Spa­nien ver­bracht. Seit Mitte 2017 genieße ich nach einer län­geren Unter­bre­chung wieder das Pri­vileg, dieses schöne Land mein Zuhause nennen zu dürfen. Und ich bin großer Fuß­ballfan. Das ist soweit beides nichts Beson­deres, leben doch schließ­lich rund 140.000 meiner deut­schen Lands­leute hier, von denen wahr­schein­lich eine beträcht­liche Anzahl Anhänger des Deporte Rey“ ist, dem König des Sports, wie man ihn hier nennt. Aller­dings schaue ich mir weder Marc-André ter Stegen im Camp Nou noch Toni Kroos im Ber­nabéu an. Auch unter­breche ich meinen Strandtag an der Playa de Palma nicht für einen Besuch des mit Steve Nashs NBA-Mil­lionen voll­ge­pumpten RCD Mal­lorca. Mein Herz schlägt seit dem Dritt­li­ga­auf­stieg 2009 für den CD Mirandés aus der Klein­stadt Miranda de Ebro im Norden des Landes.

Und als Kleinst­ak­tionär (dazu unten mehr) und Dau­er­kar­ten­in­haber stecke ich seit Sai­son­be­ginn mitten drin in der Copa del Rey, einem Wett­be­werb, dem der spa­ni­sche Ver­band zu dieser Saison eine Gene­ral­über­ho­lung ver­passt hat. Die bisher übli­chen Dop­pel­runden mit Hin- und Rück­spielen im Euro­pa­po­kal­modus wurden (bis auf das Halb­fi­nale) abge­schafft. Die unter­klas­sigen Mann­schaften bekommen zudem nun in den Ein­zel­runden gene­rell Heim­recht, so wie wir es aus dem DFB-Pokal kennen. So will der Ver­band die Attrak­ti­vität erhöhen und es den kleinen Klubs leichter machen, so weit wie mög­lich zu kommen. Bis­lang muss man fest­halten: mit Erfolg! Ath­letic Bilbao (9. in La Liga), Real Sociedad (8.), FC Gra­nada (10.) und CD Mirandés (11. in La Liga 2) heißen die Halb­fi­na­listen. Auch dank der Ände­rungen erleben wir momentan die viel­leicht ver­rück­teste Copa del Rey aller Zeiten.

Kein Halb­fi­na­list hat in den letzten 30 Jahren einen wich­tigen Titel gewonnen

Ver­rückt, weil zum ersten Mal seit einem Jahr­zehnt weder Barça noch Real im Halb­fi­nale stehen und nur noch Teams ver­treten sind, die seit über 30 Jahren keinen wich­tigen Titel mehr gewonnen haben oder gar noch nie einen Pokal in die Höhe stemmen durften. Ver­rückt aus deut­scher Sicht, weil im Ber­nabéu mit Mikel Merino und Alex­ander Isak zwei beim BVB aus­ge­mus­terte Profis Real quasi im Allein­gang aus dem Wett­be­werb schossen. Ver­rückt, weil bei Barça der Haus­segen schief hängt, nachdem Lionel Messi die sport­liche Füh­rung hart kri­ti­siert hatte und eben­jener Messi in der 85. Minute des Vier­tel­fi­nals gegen Ath­letic eine Rie­sen­chance ver­sem­melte, bevor Iñaki Wil­liams das Ding in der 94. Minute mit dem Kopf an ter Stegen vorbei ins lange Eck bug­sierte. Eben­jener Wil­liams, von einigen Unbe­lehr­baren beim Liga-Spiel gegen Espanyol ras­sis­tisch belei­digt und in der dar­auf­fol­genden Pokal­runde in Tene­riffa von den ein­hei­mi­schen Fans gefeiert, obwohl er das Team quasi im Allein­gang erle­digte.

Und wie ver­rückt diese Copa Loca erst für einen deut­schen Kleinst­ak­tionär und Dau­er­kar­ten­in­haber des CD Mirandés ist, das kann man nur ver­stehen, wenn man sich die jüngste His­torie des Ver­eins und der Stadt etwas näher anschaut.

Welche Sen­sa­tion ist sen­sa­tio­neller?

Denn ver­rückte Pokal­ge­schichte schreibt Mirandés nicht zum ersten Mal. Bereits in der Saison 2011/2012 sorgte der Klub für eine faust­dicke Pokal­sen­sa­tion. In der Stadt wird momentan heiß dar­über dis­ku­tiert, welche hazaña“, welche Hel­dentat“, denn nun höher ein­zu­schätzen ist: Das Team von 2011/2012, das als Dritt­li­gist mit Racing San­tander, Vil­lar­real und Espanyol gleich drei Erst­li­gisten, aus dem Wett­be­werb warf (mit Hin- und Rück­spiel wohl­be­merkt!) und erst im Halb­fi­nale an Ath­letic Bilbao schei­terte. 

Oder eben doch das aktu­elle Team, ein Zweit­liga-Auf­steiger mit Mini-Etat und Ath­letic-Legende Andoni Iraola als Coach, der im Halb­fi­nale 2012 selbst noch das Trikot der Basken trug und in dieser Saison aus blut­jungen Leih­spie­lern und einigen Akteuren aus der Auf­stiegs­saison einen sen­sa­tio­nellen Kader formte. Dieser steht nun in der zweiten Liga im gesi­cherten Mit­tel­feld und hat eben­falls bereits drei Erst­li­gisten im Pokal eli­mi­niert. Für die meisten hier in dieser von der Wirt­schafts­krise gebeu­telten Klein­stadt, die in den letzten zehn Jahren zehn Pro­zent ihrer Ein­wohner durch Abwan­de­rung verlor, ist beides gleich phä­no­menal.