Seite 2: Die Absurdität des (Fan)-Seins

In den letzten Jahren bewegte ich mich, was mein Fan­da­sein angeht, in einem Zustand irgendwo zwi­schen Gleich­gül­tig­keit und Des­in­ter­esse. Was zum einem mit dem sport­li­chen Absturz meines Ver­eins zu tun hat, und zum anderen damit, dass die Anhän­ger­schaft zumin­dest in Teilen aus einer Kli­entel besteht, bei der davon aus­zu­gehen ist, dass die Bild-Zei­tung zur täg­li­chen Stamm­lek­türe gehört. In letzter Zeit – ins­be­son­dere seit mein Klub wieder in pro­fes­sio­nellen Gefilden unter­wegs ist – merke ich aber, wie sich das wieder ver­än­dert. Ich fie­bere bei den Spielen mit wie zuletzt zu längst ver­gan­genen Bun­des­li­ga­zeiten, gehe wieder ins Sta­dion und schaue mir sogar die Spiel­tags­pres­se­kon­fe­renzen an.

An diesem Sonntag zeigte sich dann die ganze Absur­dität meines Fan­da­seins zusam­men­ge­fasst in einer Partie: Meine Mann­schaft glich den frühen Rück­stand aus, kurz darauf ging der Gegner wieder in Füh­rung. Obwohl ich vor mir selber den Ein­druck erwe­cken wollte, das Spiel nur mit halben Auge zu ver­folgten – zwi­schen­durch chat­tete ich mit einem Kumpel, machte mir Tee und öff­nete Pan­ora­ma­dokus in der ARD-Media­thek an – merkte ich, wie sich meine Laune ange­sichts der dar­ge­bo­tenen Leis­tung zuneh­mend ver­schlech­terte. Ich konnte mich noch so oft über meinen eigenen Verein lustig machen – am Ende würde diese Truppe es wieder schaffen, mir das rest­liche Wochen­ende zu ver­sauen.

Mit mehr Glück als Ver­stand lagen wir wenige Minuten vor dem Ende nur mit einem Tor zurück, der 144p-Stream zeigte also durchaus eine span­nende Begeg­nung. Den­noch hatte es das Spiel nach wie vor nicht geschafft, meine voll­stän­dige Auf­merk­sam­keit zu gewinnen – bis zur 94. Minute: Nach der ersten gelun­genen Flanke der Partie erzielten wir mit einem Kopf­ball den mehr als glück­li­chen Aus­gleich. Ich sprang auf, brüllte los, ver­schütte eine Tasse Tee über meinem Bett und schlug wie ein geistig Umnach­teter Luft­lö­cher durch das Zimmer. Gleich­zeitig hoffte ich, dass meine Nach­barn keinen Psych­iater anrufen würden. Und war froh, in diesen Minuten alleine zu Hause zu sein. Der Stream fiel der­weil end­gültig aus, aber das war mir egal, denn er hatte seinen Dienst getan. Das Spiel war zu Ende.

Um Miss­ver­ständ­nissen aus dem Weg zu gehen: Ja, das ist mein Fuß­ball­mo­ment des Jahres. Er bezieht sich auf ein Aus­wärts­spiel beim VfR Aalen. Vor 2987 Zuschauern. An einem Dezem­ber­sonntag. Bei dem ich nicht einmal vor Ort war. Das Ganze ist schon sehr trostlos. Ich bin halt Fan von Energie Cottbus.