Seite 3: Sieg für die 96

Unten geht die Borussia früh mit 2:0 in Füh­rung, die Becker-Fäuste meines Vaters sorgen für stilles, aber gut zu ver­neh­mendes Grum­meln in den hin­teren Reihen. Die Stim­mung ist gedrückt, aber nicht hoff­nungslos. Origis Anschluss­treffer ist das bren­nende Streich­holz für die emo­tio­nale Ben­zin­lache. Anfield singt, glaubt, hofft. Sobald sich ein fünf Meter tiefer Raum auftut, schreit das gesamte Sta­dion, fast so, als könnte der Spieler selbst nicht erkennen, was da vor ihm liegt, ohne es aus zig tau­senden Mün­dern gesagt zu bekommen. Marco Reuß‘ Tor zum 1:3 beant­wortet Cou­t­inho mit einem but­ter­wei­chen Schuss vom Sech­zehner. Mein Vater drückt auf den Aus­löser der Han­dy­ka­mera, als Mamadou Sakho zum 3:3 ein­köpft. Wäh­rend neben uns alles explo­diert, guckt er ungläubig auf das Dis­play seines Handys: Scheiße“.

Freier Lauf für Freu­den­tränen

Das Tor muss ein­fach fallen. Der BVB spielt schon längst keinen Fuß­ball mehr, eine über sich hinaus wach­sende LFC-Elf und eine rockende Road scheinen den Schwarz-Gelben alles an Kraft und Mut geraubt zu haben. Dejan Lovren köpft die Milner-Flanke ein und das Wunder ist per­fekt. Ich habe meinen Inter­na­tional-für-die-Deut­schen-Mind­state längst abge­legt, weil es zu viel Spaß macht, Teil dieser frei­dre­henden Masse zu sein. Leute fallen sich in die Arme und dabei auf den Boden, Männer lassen den Freu­den­tränen freien Lauf. Wir wurden längst als Deut­sche, und somit als poten­ti­elle BVB-Fans, iden­ti­fi­ziert.

Sieg für die 96

Was nach dem Abpfiff pas­siert, ist fast noch schöner als das Spiel selbst: Wir werden nicht aus­ge­lacht, uns werden keine Sprüche gedrückt. Viel­mehr nehmen sich ver­schie­denste LFC-Fans die Zeit, uns auf die Schulter zu klopfen und sich für das tolle Spiel zu bedanken. Manche von ihnen beginnen sogar einen Small­talk, fragen uns, wo wir her­kommen. Und das alles fünf Minuten nachdem ihre Reds ein Spiel für die Ewig­keit abge­lie­fert haben. Ihr habt keine Ahnung, was uns dieser Sieg bedeutet“, sagt ein abge­kämpfter Mann mitt­leren Alters. Er guckt in den Himmel zeigt mit beiden Händen dezent nach oben: Dieser Sieg ist für die 96.“ Nie war ich so emp­fäng­lich für Kitsch.