Als er am Ein­gang für die Aus­wärts­fans vor­bei­kommt, stößt King­sley gegen eine Stra­ßen­la­terne. Kurz darauf steht er plötz­lich mitten auf der Straße, wie ist er da jetzt schon wieder hin­ge­kommen? Ein Auto rast auf der linken Fahr­spur heran, King­sley scheint zu tau­meln, doch dann stürmt er wild ent­schlossen durch den VIP-Ein­gang der Haupt­tri­büne, öffnet eine unschein­bare Tür, auf der No Entry“ steht und hat es doch unbe­schadet ins Sta­dion geschafft.

Das Pro­blem ist: Wenn King­sley ums Fir­hill Sta­dium läuft, tut er das mit ein­ge­schränkter Sicht. King­sley, eine kra­ke­lige Sonne in Men­schen­ge­stalt, ist das Mas­kott­chen von Par­tick Thistle, einem kleinen Erst­li­gisten aus Glasgow. Es scheint, als sei er ein­fach aus dem Atom­kraft – Nein, danke“-Aufkleber her­aus­ge­stiegen. Die Men­schen im Internet sind sich jeden­falls weit­ge­hend einig, dass er das häss­lichste Mas­kott­chen der Welt ist. Jemand twit­terte nach seiner Vor­stel­lung im ver­gan­genen Sommer: Ist das etwa Lisa Simpson auf Methadon?“ Ein anderer schrieb vom wahn­sin­nigen Son­nen­könig“. Und das waren defi­nitiv zwei der net­teren Bemer­kungen. Man wird den Ein­druck nicht los: Deutsch­land hat die Horror­clowns, Schott­land hat King­sley.

Deutsch­land hat Horror­clowns, Schott­land hat King­sley.

Es ist Frei­tag­abend, Par­tick Thistle spielt heute gegen Aber­deen. Das Wetter: kalt und nass, wie sich das für einen November in Glasgow gehört. Für Craig Duns­table, einen schlanken Mann mit Trai­nings­jacke, Jeans und Glatze, beginnt der Spieltag um 18.30 Uhr, 75 Minuten vor dem Anpfiff. Er klin­gelt am Player’s Ent­rance. It’s King­sley“, sagt er in die Gegen­sprech­an­lage, und sofort öffnet sich die Türe. Er geht vorbei an den Spie­ler­ka­binen zum Umziehen in die Kata­komben, irgendwo zwi­schen Bergen von Was­ser­fla­schen und Spinn­weben. Dun­geon“ nennen sie den Ort, wo sie das Kostüm zwi­schen zwei Heim­spielen auf­be­wahren. Man kann das beden­kenlos mit Kerker“ über­setzen.

Im Kerker von Par­tick Thistle riecht es wie in allen Umklei­de­ka­binen, muffig und feucht. Mit seiner Stoff­hose könnte Duns­table auch in Disney World als Goofy arbeiten. Oben herum ist er aller­dings eher ein platter See­stern als eine strah­lende Sonne. Das Kostüm ist nicht ganz aus­ge­reift. Duns­table braucht sogar eine per­sön­liche Assis­tentin, weil er sonst nichts sieht. Um sieben geht er mit ihr zusammen auf Sta­di­on­tour. 

Down, down, down“

Eilidh Lewsey arbeitet sonst als Con­tent Mana­gerin für die BBC, sie diri­giert ihren Schütz­ling, hat den engen Zeit­plan im Blick und brüllt ihre Befehle. King­sley, noch vier Minuten, bis wir wieder drinnen sein müssen.“ King­sley ist meis­tens im Lauf­schritt unter­wegs, vorbei an den Ständen, wo Lager-Bier, Fleisch­pas­teten und his­to­ri­sche Sta­di­on­hefte ange­boten werden. 

Unter­wegs trifft er alte Männer mit wenigen Zähnen, uni­for­mierte Strei­fen­po­li­zisten und sogar Fans von Ein­tracht Braun­schweig, und jeder will ein Foto. Schwierig wird es für ihn immer dann, wenn eine Lampe zu tief unter der Decke hängt oder er eine Tür pas­sieren muss. Down, down, down“, schreit die rasende weib­liche Beglei­tung dann, damit ihm kein Zacken aus der Sonne bricht. Der King­sley-Move geht unge­fähr so: Runter in die Hocke, quer zum Hin­dernis stellen, mit win­zigen Schritte vor­an­tasten. In diesen Momenten wirkt King­sley so gar nicht furcht­erre­gend.

Tumulte am Spiel­feld­rand, ein hand­fester Skandal

Dabei unter­scheidet ihn von seinen Art­ge­nossen gerade die furcht­ein­flö­ßende Fratze, die ihn zum welt­weiten Phä­nomen gemacht hat. Heute kommt sogar noch ein feiner Schnauz­bart dazu, weil King­sley beim Movember mit­macht, der Kam­pagne für Män­ner­ge­sund­heit. Wenn er unter­wegs mit Kin­dern posiert, ist das immer ein komi­sches Gefühl, irgendwo zwi­schen Scary Movie 6 und Hal­lo­ween bei den Simp­sons. Und zwar jenen Simp­sons, die damals im ZDF liefen und noch nicht so fein gezeichnet waren. King­sley packt die kleinen Fans auch mal etwas härter an oder tut so, als würde er sie am Hals würgen – eine typi­sche Comic­se­quenz. Man glaubt es kaum: Aber seit es King­sley gibt, kommen immer mehr Frauen und Kinder ins Sta­dion.

Draußen auf dem Platz wird King­sley von Tommy Taylor geknipst, dem Haus­fo­to­grafen des Klubs. Dann werden die Twitter-Fol­lower über den Besuch aus Deutsch­land infor­miert: King­sley is fol­lowed by BT Sport and has his own German media team with him tonight.“ Dazu: der Hashtag #cele­brity. Der Foto­graf erzählt davon, dass King­sley in der ver­gan­genen Saison, als er noch von Jay McGhee ver­kör­pert wurde, im Stadt­derby den Celtic-Spie­lern ein­fach mal seinen Hin­tern zeigte. Was für eine Schlag­zeile: Sonne zeigt Mond – es gab Tumulte am Spiel­feld­rand, ein hand­fester Skandal.