Vor ein paar Monaten lagen sie ihm zu Füßen. Zehn­tau­sende Fans im Volks­park­sta­dion, zehn­tau­sende Fans vor den Fern­seh­ge­räten. Der HSV führte am 22. Spieltag 2:0 gegen Borussia Dort­mund, und die Uhr zeigte 17:16 Uhr an, als sich Hakan Cal­ha­noglu den Ball auf den Rasen legte. 40, viel­leicht 42 Meter betrug die Ent­fer­nung zum Dort­munder Tor, doch das war in dem Moment egal, Cal­ha­noglu schoss den Ball in einem hohen Bogen ein­fach hinein.

Er wollte sein wie Jun­inho
 
Zehn wei­tere Treffer gelangen dem jungen Deutsch-Türken in dieser Saison, viele waren ähn­lich spek­ta­kulär, die meisten erzielte er per Frei­stoß. Ich schaue mir die Frei­stöße von Jun­inho auf You­tube an“, ver­riet er in jenen Tagen mal. Jun­inho, der Bra­si­lianer, erzielte 44 seiner 100 Tore für Olym­pique Lyon per Frei­stoß. Cal­ha­noglu wollte so sein wie dieser Jun­inho, ein guter Fuß­baller. Und die Fans glaubten ihm das. So wie sie ihm glaubten, dass er das beim HSV schaffen würde, schließ­lich ver­län­gerte er in jenen Tagen seinen Ver­trag bis 2018. Vor drei Monaten.
 
Das ist die eine Geschichte. Eine Geschichte von einem Jung­star, der sich zu seinem Verein bekennt und der sich mit der Raute auf der Brust in den kom­menden Jahren zu einem Top­star der Liga ent­wi­ckeln sollte. Eine Geschichte, die sich für die Fans anfühlt wie eine ewige Klas­sen­reise, bei der man immer zusammen ist. Sie endet wenige Tage vor den Rele­ga­ti­ons­spielen gegen Greu­ther Fürth.
 
Seit ver­gan­gener Woche tau­melt Cal­ha­noglu näm­lich durch ein ver­mintes Kriegs­ge­biet. Aller­dings hat er den Weg dahin selbst gesucht. Der Spieler – oder sein Berater Bektas Demirtas – nutzt seit über einer Woche sämt­liche Kanäle, um seine Wech­sel­ab­sichten zu kom­mu­ni­zieren. Der Spieler möchte nach Lever­kusen. Anfangs ver­pufften die Mel­dungen im Rele­ga­ti­ons­wahn­sinn, seit Montag wird stünd­lich gefeuert. Es geht lange nicht mehr um Jun­inho. Oder den HSV. Um gute Spieler oder durch­schnitt­liche Ver­eine. Jetzt möchte Cal­ha­noglu so weit kommen wie die Besten – wie Lionel Messi oder Cris­tiano Ronaldo. Das hat er neu­lich in einem Inter­view mit der Sport­bild“ gesagt. Er müsse des­halb den Verein wech­seln, denn er wolle Cham­pions League spielen. Das sei wichtig für die EM 2016. Außerdem habe er viel für den HSV getan. Bitte habt Ver­ständnis für mein Ehr­geiz“, schreibt Cal­ha­noglu auf Twitter.
 
Seitdem bricht über ihn ein kleiner Shit­s­torm nieder. Ein Abzo­cker“, Heuchler“ und Träumer“ sei Cal­ha­noglu. Ein Fan twit­tert: Wenn er das wirk­lich geschrieben hat, dann hat er nen nied­ri­geren IQ als mein Auto PS hat.“

Nicht-Abstieg, Nicht-WM-Teil­nahme
 
Man kann den Zorn der Fans durchaus ver­stehen. Denn Selbst­wahr­neh­mung und die nüch­ternen Fakten scheinen bei Cal­ha­noglu arg aus­ein­an­der­zu­driften. Seine Vita liest sich für die Kri­tiker so: Zweit­liga-Auf­stieg mit dem KSC, Nicht-Abstieg mit dem HSV, Nicht-WM-Teil­nahme mit der Türkei. Zudem unter­schrieb er den Ver­trag ohne Aus­stiegs­klausel. Beim HSV. In Ham­burg. Er hätte wissen können, worauf er sich ein­lässt.
 
Daher dreht sich die Dis­kus­sion natür­lich auch und vor allem um das Söld­nertum im Pro­fi­fuß­ball. Denn Ver­räter“ und Judas“ wird Cal­ha­noglu natür­lich auch genannt. Und ein Twit­terer fragt: Wo sind bloß die echten Fuß­baller wie Giggs hin?“ Nun sollte man an dieser Stelle mal die Kirche im Dorf lassen, denn wir schreiben das Jahr 2014. Dass es kaum noch See­lers, Kör­bels, Mal­dinis oder Giggs gibt, ist viel­leicht traurig, doch schlichtweg der Rat­ten­schwanz des ganzen Geschäfts.

Außerdem darf man nicht ver­gessen, wel­chem Verein der Spieler über­haupt seine Treue schwören sollte. Im Gegen­satz zu Ryan Giggs, der über 20 Jahre bei einem der besten Klubs der Welt gespielt hat, steht Cal­ha­noglu momentan beim HSV unter Ver­trag. Ein Bun­des­li­ga­klub, der seit Jahren wenig zustande bringt, außer auf seine Uhr und seinen Dino zu ver­weisen. Jüngst hat er sich mit gera­dezu lächer­li­chen 27 Punkten zum Klas­sen­er­halt gemüht. Im Hin­ter­grund wüten die Medien und phra­sieren die Funk­tio­näre, auf dem Trai­ner­stuhl wech­seln alle paar Monate die Übungs­leiter. Einen Spieler, der glaubt, dass jetzt alles gut wird beim HSV, kann man als opti­mis­tisch bezeichnen – oder naiv.
 
Man kann immer weiter fragen. Zum Bei­spiel, ob man trotz der Immer-schneller-immer-weiter-Pro­fi­ma­schine nicht trotzdem etwas Anstand und Respekt von Spie­lern und vor allem deren Bera­tern erwarten kann. Oder ob es sinn­voll ist, bereits mit 20 zu einem inter­na­tio­nalen Top­klub zu wech­seln. Eine Ant­wort wird man aller­dings erst in ein paar Jahren erhalten. Viel­leicht wird Hakan Cal­ha­noglu wie Vahid Hash­emian beim FC Bayern oder Julian Schieber in Dort­mund enden. Viel­leicht wird er aber auch der neue Jun­inho. 

Hakan spielt Cham­pions League von Zwölf bis Acht“
 
Und man sollte natür­lich fragen, was um alles in der Welt den Berater Bektas Demirtas geritten hat, ein Inter­view frei­zu­geben, in dem sein Spieler sich in eine Reihe mit Ronaldo und Messi bringt – ganz gleich, wie der Satz gemeint war. Oder warum sich der 20-Jäh­rige, fast ein Kind noch, auf Twitter so unge­fil­tert in Abseits manö­vrieren kann, ohne dass jemand – zum Bei­spiel: der Berater – inter­ve­niert. Man kann dar­über die Hände über dem Kopf zusam­men­schlagen – oder es ein­fach als stink­nor­male Stra­tegie im modernen Fuß­ball akzep­tieren. Als kal­ku­lierte Her­bei­füh­rung eines Set­tings aus Wut und Ent­täu­schung, das es jedem Trainer unmög­lich macht, diesen Spieler in der nächsten Saison über­haupt noch mal ein­zu­wech­seln.
 
Denn auch wenn Sport­di­rektor Oliver Kreuzer wei­terhin glaubt, dass man um Cal­ha­noglu ein neues Team auf­bauen wird, dass der Spieler defi­nitiv“ und sicher“ bleibt, weiß er sehr wohl: Mirko Slomka wird auf Schmäh­ge­sänge der eigenen Fans gerne ver­zichten. Selbst wenn dadurch alte Klas­siker neu auf­ge­legt werden wie dieser: Hakan spielt Cham­pions League auf PS3, die ganze Nacht, von Zwölf bis Acht.“