Lieber Bas­tian Schwein­s­teiger,

wir können uns noch gut daran erin­nern, wie Du Deine ersten Spiele für die Bayern mach­test. Du hat­test ziem­lich blondes, ziem­lich strub­be­liges Haar – und ziem­lich schlimm Akne. Nicht nur ein paar Pickel, Deine Gesichts­haut sah aus, als hätten sich ganze Insek­ten­plagen darauf aus­ge­tobt. Deine Tri­kots wirkten irgendwie immer zu groß, viel­leicht trugst Du sie auch nur immer eine Nummer größer, um läs­siger zu wirken. Dann dieser Name: Schwein­s­teiger. Warum nicht gleich Rin­der­klet­terer“ oder Pfer­de­hüpfer“? Nie im Leben hätten wir bei Deinen ersten Geh­ver­su­chen in der Bun­des­liga gedacht, dass Du mal die Natio­nal­mann­schaft zum nächsten WM-Titel führen wür­dest.

Schub­lade: Ver­zo­genes Talent“

Was man aller­dings schon damals unüber­sehbar war: Du konn­test richtig gut kicken. Erst ziem­lich offensiv, eine Art frü­here Arjen Robben-Vari­ante, die auf der Außen­bahn mit Über­stei­gern und Hackentricks beein­druckte. Und weil es Anfang/​Mitte der Nuller-Jahre nicht so viele deut­sche Spieler gab, die unfall­freie Über­steiger aufs Par­kett zau­berten, gal­test Du bald als Fum­mel­kutte, Tech­niker, Wir­bel­wind – die Schub­laden waren schnell gefunden. Und weil die Deut­schen ihre Schub­laden so lieben, packten sie Dich nach der ulkigen Cou­sine-im-Whirl­pool-Affäre gleich in die nächste: Ver­zo­genes Talent“ stand da drauf. Viele Deiner Vor­gänger sind da drin ihre ganze Kar­riere lang ste­cken­ge­blieben.

Dann kam die WM 2006 und mit ihr Dein Durch­bruch. Nicht nur, dass Du und Deine Kol­legen plötz­lich Fuß­ball boten, der fas­zi­nierte und bewegte, mit dem man sich iden­ti­fi­zieren wollte. Gemeinsam mit Lukas Podolski sorg­test Du auch für die zum 2006er-Som­mer­spek­takel pas­sende Gute-Laune-Atmo­sphäre. Zusammen seid ihr die Fort­set­zung des gefei­erten 1990er-Duos Litti und Icke gewesen. Mit dem Unter­schied, dass die beiden damals lustig Rand­fi­guren waren, wäh­rend Poldi und Schweini das deut­sche Fuß­ball-Ver­spre­chen für die Zukunft waren. Ihr gabt uns die Hoff­nung darauf, das deut­scher Fuß­ball nach den grau­samen Auf­tritten zwi­schen 1998 und 2004 (das WM-End­spiel 2002 mal aus­ge­nommen) end­lich wieder Spaß machen könnte. Diesen Wunsch habt ihr erfüllt.

Zum Glück sym­pa­thi­scher als Mat­thäus

Was Dich betrifft: Die letzte Fuß­baller-Kar­riere, bei der die Deut­schen die Ent­wick­lung vom talen­tierten Milch­ge­sicht hin zum impo­santen Füh­rungs­spieler so detail­liert mit­er­leben durften, war ver­mut­lich die von Lothar Mat­thäus. Mit den Unter­schieden, dass die Lauf­bahn von Mat­thäus medial noch längst nicht so aus­ge­leuchtet war wie Deine – und dass Du gottlob eine sym­pa­thi­schere Per­sön­lich­keit bist.

Was Dich über­haupt erst zu einer Per­sön­lich­keit gemacht hat, waren nicht die vielen Siege, Tore und Meis­ter­schaften. Die können auch andere Fuß­baller gewinnen, wenn sie nur beim rich­tigen Verein spielen. Was Dich reifen ließ, waren die großen Nie­der­lagen, die Momente, in denen man an Deinen Fähig­keiten für den ganz großen Wurf zwei­felte. In denen man dachte, dass Du all die großen Ver­spre­chungen doch nicht halten könn­test, dass Du auf ewig der Bifi/Whirl­pool/Akne-Schweini blie­best. Die Kol­legen der Sport-Bild“ machten Dich zum Cheff­chen“. EM-Finale 2008, Cham­pions-League-Finale 2010 und 2012, WM-Halb­fi­nale 2010, EM-Halb­fi­nale 2012 – fünf his­to­ri­sche Pleiten, bei denen Du von Beginn an auf dem Platz stan­dest, bei denen von Dir erwartet wurde, den Unter­schied aus­zu­ma­chen. Die sport­li­chen Kata­stro­phen haben sich im Laufe der Jahre in Dein Gesicht gegraben, haben Deine Schläfen grau werden lassen. Als Du zur WM 2014 auf­brachst, mit offi­ziell 29 Jahren, sahst Du aus wie ein 40-Jäh­riger.

Danke, Kun Agüero!

Bra­si­lien war Deine Kar­riere im Zeit­raffer: Talen­tierte Genie­streiche, Momente des Schei­terns und des Zwei­felns, viel Schmerz und noch mehr über­wun­dene Wider­stände. Und am Ende, im Finale, hast Du es sogar geschafft, Dich noch einmal neu zu erfinden. Du bist in 120 Minuten zu der Figur gereift, nach der wir deut­schen Fuß­ball­fans so häufig schreien: Zum Leader, zum Fels in der Bran­dung. Zum Chef. Eigent­lich müss­test Du Dich noch nach­träg­lich bei Argen­ti­niens Kun Agüero bedanken, dass er Dir mit dem Ellen­bogen eine Ver­let­zung unter dem Auge ver­passte. Der blu­tige Riss gab Deiner finalen Dar­bie­tung noch den aller­letzten opti­schen Helden-Anstrich.

Jetzt bist Du Welt­meister. Cham­pions-League-Sieger. Sie­ben­fa­cher Deut­scher Meister. Fuß­bal­li­kone. Und gerade mal 30 Jahre alt. Was alles in so ein kurzes Leben passt.

Wo wird Dein Weg nur enden? Als kan­tige Trai­ner­type an der Sei­ten­linie? Als wür­diger Franz-Becken­bauer-Nach­folger im Hand­schlag-Dau­er­feuer mit dem wich­tigen Men­schen dieser Welt? Oder been­dest Du irgend­wann Deine Kar­riere, sagst zünftig Servus!“ und ver­ab­schie­dest Dich dann ein­fach von der großen Bühne? Was auch immer noch kommen mag, Du wirst es hof­fent­lich mit Stil und Größe tun. Denn diese beiden Cha­rak­ter­ei­gen­schaften hast Du Dir hart erar­beitet.

Herz­li­chen Glück­wunsch,

Deine 11FREUNDE