Auch in der Bezirks­liga Nord beginnt der 22. Spieltag mit einer Schwei­ge­mi­nute für den ver­stor­benen Papst. Wäh­rend Spieler und Publikum der Begeg­nung Lupo-Mar­tini Wolfs­burg – Lehn­dorfer TSV auf den Boden starren, sieht Rocco Artale auf die Uhr. Wenn das hier vorbei ist“, zischelt er, muss ich unbe­dingt …“ Und schon eilt der 1. Vor­sit­zende des U.S.I. Lupo-Mar­tini zum Ver­eins­heim, das heute für eine Kom­mu­ni­ons­feier reser­viert ist – er hat ver­gessen, die Fahne auf Halb­mast zu setzen. Eine grün-weiß-rote Flagge, denn: Lupo-Mar­tini ist ursprüng­lich ein ita­lie­ni­scher Verein. Lupo wurde 1962 gegründet, in jenem Jahr, als auch das Volks­wa­gen­werk aus­län­di­sche Arbeits­kräfte nach Wolfs­burg holte. Die deut­sche Indus­trie suchte hän­de­rin­gend Ver­stär­kung in der Pro­duk­tion, es herrschte nahezu Voll­be­schäf­ti­gung in Deutsch­land. Dank guter Bezie­hungen des katho­li­schen General direk­tors Hein­rich Nord­hoff zum Vatikan fand VW seine zusätz­liche Beleg­schaft lange aus­schließ­lich in Ita­lien: Von der Kirche avi­siert und von einem Über­setzer begleitet, reiste ein Ver­mittler des Auto­her­stel­lers über die Dörfer des ver­armten Südens. Zwar war es den Unter­nehmen ver­boten, Arbeits­kräfte direkt anzu­werben, eine Firma konnte jedoch über eine so genannte nament­liche Anfor­de­rung“ bei der deut­schen Anwer­be­kom­mis­sion in Verona an aus­ge­suchtes Per­sonal gelangen. 4000 Ita­liener sind das 1962, 12 000 werden es Anfang der 70er Jahre sein. 4000, die im Akkord arbeiten – und ein­ge­pfercht werden. Dort, wo heute das neue Wolfs­burger Sta­dion steht, hat VW zwei­ge­schos­sige Holz­ba­ra­cken errichten lassen. Pro Etage teilen sich 68 Männer eine Küche mit 18 Koch­platten, einen Wasch­raum mit 13 Wasch­be­cken und vier Toi­letten. Sie schlafen in Eta­gen­betten, vier Per­sonen auf einem Zimmer. Die Unter­künfte Ber­liner Brücke“, die laut einer betriebs­in­ternen Anwei­sung nicht Lager“ genannt werden sollen, liegen ein­ge­zäunt hinter einem Schlag­baum. Der Werk­schutz patrouil­liert mit Schä­fer­hunden. Lupo-Mar­tini, wie der Verein seit seiner Fusion mit der US Mar­tini 1981 heißt, hat es nicht leicht an diesem Sonntag gegen die Lehn­dorfer. Erst ein Tor ist der Heim­mann­schaft bisher gelungen, nun fällt auch noch der Aus­gleich. Abseits!“, rufen die Zuschauer uni­sono und zu Recht, doch der Schieds­richter erkennt den Treffer an. Rocco Artale seufzt. Neben ihm schüt­telt sein ehe­ma­liger Kol­lege Armando Gob­bato das weiß­haa­rige Haupt. Das klappt heute nicht gut.“ Laut Ver­eins­ge­schichte hätten die beiden, und nicht nur sie, vor gut 40 Jahren, weniger zahm reagiert. O ja“, erin­nert sich Armando Gob­bato mit leuch­tenden Augen, da wäre was los gewesen! “

Weiter in Heft # 44!