Lieber Edi­naldo Batista Libânio, genannt Gra­fite,

es ist kalt in Deutsch­land. Das muss ich dir nicht sagen, du warst lange genug hier. Da freut man sich umso mehr, wenn eine Nach­richt aus Bra­si­lien her­über­schwappt, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob der Grund nicht eigent­lich ein trau­riger ist: Du, Gra­fite, hast mit 37 Jahren deine Kar­riere beendet. 19 Tage nachdem du deinen Ver­trag gerade erst ver­län­gert hast.

Aber du wirst schon wissen, was du tust. Das wuss­test du immer. Zumin­dest in der Nähe des geg­ne­ri­schen Straf­raums, wenn du wieder einmal nicht zu stoppen warst. Wenn du in deiner unnach­ahm­lich-bul­ligen Manier deinen Gegen­spieler förm­lich über­stürmt hast, dein ganzer Körper sich dem Ball ent­ge­gen­warf, der Tor­schrei schon auf meinen Lippen, wenn du nur los­ge­rannt bist. Dein kon­ge­nialer Sturm­partner Edin Dzeko hat dich einmal eine Maschine“ genannt – ich könnte es nicht tref­fender sagen.

Als Fan des VfL Wolfs­burg hat man es nicht immer leicht. Aber 2009! Das war unser Jahr, das war dein Jahr! 28-mal hast du damals geknipst, bist Tor­schüt­zen­könig und Fuß­baller des Jahres geworden. Aber am wich­tigsten: Du hast meinen Verein zum für immer größten Erfolg unserer Geschichte geschossen. Deut­scher Fuß­ball­meister 2009 – der VfL!

Der FC Bayern? 2009 ein mit­tel­mä­ßiger Verein, der sich mehr schlecht als recht noch in die Cham­pions-League-Ränge gerettet hat. Heute auf dem sicheren Weg zum sechsten Meis­ter­titel. Ich bin mir sicher, manch einer wäre glück­lich, wenn du nochmal die Liga auf­mi­schen wür­dest. Aber davon sind wir weit ent­fernt: Am letzten Samstag hat dein, mein VfL zuhause gegen Frank­furt ver­loren. Es war ein gru­se­liger Kick. Das 1:0 der Frank­furter, ein Tor der Marke Gra­fite“. Flanke, Dre­hung, Tor, nichts zu machen für den Keeper. Eine schöne und zugleich schmerz­volle Remi­nis­zenz an dich.

Eines aber muss ich dir gestehen, Gra­fite. Deinen aller­größten Moment, den habe ich ver­passt. Drei Jahre lang war ich zu jedem Heim­spiel gekommen, aber dann kam er doch, der Tag, an dem ich nicht konnte. Der 4. April 2009. Das Heim­spiel gegen die großen Bayern, ein Jahr­hun­dert-Spiel! 4:1 steht es schon und dann kommt diese 77. Minute. Diese 77. Minute, die dich für immer unver­gess­lich machen wird. Dein Antritt, du kommst über links, der Ball klebt an deinem Fuß. Du über­rennst Ottl, Lell, Ren­sing, Breno, die ganze Ver­tei­di­gung. Und als ob das alleine noch nichts wäre, schiebst du den Ball so lässig, so cool mit der Hacke an den Innen­pfosten und ins Tor. Das Tor des Jahres! Deinen aller­größten Moment, den kenne ich nur aus dem Fern­sehen – aber ich erin­nere ihn wie kein zweites Tor.

Lieber Gra­fite, ich weiß bis heute nicht, wie man deinen Namen richtig aus­spricht. Aber ich werde dich ver­missen.