Seite 2: Ein herausragendes Bewegungstalent

Sie nennen ihn ehr­furchts­voll Schwarze Spinne“, Schwarze Krake“ oder Schwarzer Panter“. Sein Trikot, seine Hose, seine Stutzen, seine Schuhe – alles in schwarz. Es ist sein schwarzer Raum­anzug. Die Mütze ist sein Helm, er trägt sie wie einen Talisman. Und als sie ihm nach dem Halb­fi­nale gegen die CSSR, in Mar­seille, beim Ver­such sich an auf­ge­brachten tsche­cho­slo­wa­ki­schen Fans vor­bei­zu­drän­geln, abhanden gekommen war, mussten die Ver­ant­wort­li­chen des sowje­ti­schen Fuß­ball­ver­bandes die Polizei anrufen und Such­an­zeigen im Radio und in der Zei­tung schalten. Jaschin hatte tat­säch­lich Glück, zwei Tage später brachte ein Finder die Mütze in das EM-Quar­tier der sowje­ti­schen Natio­nal­mann­schaft. Jaschin strahlte. Wie ein kleiner Junge. Wie damals, als er davon träumte, zu sein wie der rus­si­sche Schach-Groß­meister Michail Mois­se­je­witsch Bot­winnik. 

Jaschin wollte immer schon nach oben, dorthin, wo die großen Sportler seiner Zeit ihre Tro­phäen ins Blitz­licht­ge­witter halten, wo sie den Jour­na­listen erklären, wie das geht mit den Rekorden und dem Gewinnen. Als junger Mann ver­suchte er sich im Hoch­sprung, als Boxer, beim Was­ser­ball, Eis­schnell­laufen, im Fechten, Tennis, als Tor­wart der Eis­ho­ckey­na­tio­nal­mann­schaft der UdSSR wurde Jaschin später gar Vize-Welt­meister. Jaschin galt als her­aus­ra­gendes Bewe­gungs­ta­lent.

150 gehal­tene Elf­meter

Im Alter von 20 kam Jaschin im Pro­fi­fuß­ball an, bei Dynamo Moskau. Zuvor hatte er bereits für den Werks­klub Cho­misch gespielt, doch nach einigen Pat­zern schmorte Jaschin drei Jahre auf der Bank. Zer­mürben ließ er sich nicht. Viel Arbeit“, sagte er später stets, sonst wird’s nichts.“ Und so schuf­tete er in jenen Tagen für den Erfolg, oft bis zur Erschöp­fung, fast manisch. Bei FK Dynamo Moskau rückte er 1952 zum Stamm­tor­hüter auf. Fünfmal gewann er mit dem Club die Meis­ter­schaft der UdSSR, dreimal den Sowjet-Pokal. 1963 erhielt er, als bis heute ein­ziger Tor­wart, die Aus­zeich­nung Europas Fuß­baller des Jahres“, posthum die Ehrungen Welt­tor­hüter des Jahr­hun­derts“ und Sportler des Jahr­hun­derts“.

Die Sta­tistik weiß noch mehr: In 78 Län­der­spielen bekam Jaschin gerade mal 70 Gegen­tore – vor dem Hin­ter­grund, dass in den 60er Jahren viel weniger Wert auf die Defen­sive gelegt wurde, ein gera­dezu phä­no­me­naler Wert. Und die Legende setzt einen drauf: In seinen 22 Jahren als Profi soll Jaschin 150 Elf­meter gehalten haben. 

Im Prin­zen­park, an diesem reg­ne­ri­schen Tag im Juli 1960, scheint Jaschin zunächst wirk­lich unbe­zwingbar, die drü­ckend über­le­genen Jugo­slawen gehen in der 43. Minute in Füh­rung, doch der Ball von Galic findet erst über den Kapitän der Sowjets, Igor Netto, seinen Weg ins Tor. Es hätte zu dem Zeit­punkt auch 4:0 oder 5:0 stehen können. Vier Minuten nach Wie­der­an­pfiff gelingt Metre­weli der Aus­gleich, in der Ver­län­ge­rung ent­scheidet Poned­jelnik sechs Minuten vor Ende der Partie die Begeg­nung. 

Durch das All

Als Jaschin den Pokal in den Himmel von Paris reckt, sind nur 18.000 Zuschauer Zeuge, doch die, die ihn gesehen haben, ver­stehen die Jour­na­listen, die ihn in den kom­menden Jahren nur noch den Furcht­baren“ nennen. Und sie wissen, dass Jaschin, als er vier Jahre später bei der EM in Spa­nien, mitt­ler­weile 34-jährig, im Ach­tel­fi­nale einen Straf­stoß des Ita­lie­ners Ales­sandro Maz­zola pariert und so das Wei­ter­kommen der UdSSR sichert, keinen außer­ge­wöhn­lich guten Tag hatte – es erscheint ihnen wie eine banale Kau­sa­lität, eine, die von Jaschin selbst auf­ge­stellt wurde: Für Tor­männer hat sich nichts geän­dert. Sie dürfen immer noch kein Tor zulassen.“ Sie glauben an diese Über­macht eines Tor­wart, an diesen Tor­wart, der eine Mann­schaft alleine zum Sieg führen kann. 

Lew Jaschin, nicht nur der Tor­wart, son­dern auch der Denker, der Enthu­siast, der Schwärmer. Und auch des­halb kleben sie an seinen Worten, als seien sie Verse eines end­losen Pro­sa­ge­dichts. Nach dem Ach­tel­fi­nale gegen Ita­lien sagt Jaschin: Die Freude, Juri Gagarin durch das All fliegen zu sehen, wird nur durch die Freude eines gut gehal­tenen Elf­me­ters über­troffen.“ Ein Satz, der ihn zeit­le­bens begleitet. Wie seine Raum­kapsel.